Ein profitables Geschäft schützt nicht vor Liquiditätsengpässen. Gerade wenn Aufträge wachsen, Waren vorfinanziert oder neue Kapazitäten aufgebaut werden müssen, kann der Kontostand der wirtschaftlichen Entwicklung hinterherlaufen. „Geschwindigkeit hat in solchen Situationen einen messbaren wirtschaftlichen Wert“, schreibt Gion van den Bogaert, Co-Founder und CEO des niederländischen KMU-Finanzierers Floryn.
Ein Gastbeitrag von Gion van den Bogaert, Co-Founder und CEO von Floryn
In seinem Gastbeitrag zeigt er, warum kurzfristige Finanzierung stärker vom konkreten Cashflow gedacht werden sollte und weshalb flexible Kreditlinien, aktuelle Transaktionsdaten und schnelle Prüfprozesse für Mittelständler an Bedeutung gewinnen.
Ein Unternehmen kann profitabel sein und trotzdem unter Liquiditätsdruck geraten. Gerade im Mittelstand passiert das häufig in Phasen, in denen das Geschäft gut läuft. Ein grösserer Auftrag kommt herein, Waren müssen vorfinanziert werden, zusätzliche Mitarbeiter starten vor dem ersten Zahlungseingang oder ein neuer Standort bindet Kapital, bevor er Umsatz erwirtschaftet. In der Gewinn-und-Verlust-Rechnung kann die Entwicklung gesund aussehen, auf dem Konto entsteht trotzdem vorübergehend eine Lücke.
Diese zeitliche Verschiebung zwischen Ausgaben und Einnahmen gehört zum normalen Unternehmensalltag. Sie fällt heute stärker ins Gewicht, weil sich viele Rahmenbedingungen schneller verändern. Einkaufspreise schwanken, Lieferketten werden vorsichtiger geplant, Kunden nutzen Zahlungsziele aus, Investitionen in Digitalisierung oder Nachhaltigkeit müssen vorab finanziert werden. Damit wächst der Bedarf an kurzfristige Finanzierungen, die sich an wechselnde Liquiditätsverläufe anpassen.
Liquidität lässt sich nicht mit einem Produkt lösen
In der Finanzierung wird noch häufig vom benötigten Betrag aus gedacht. Für die Praxis ist der Verwendungszweck mindestens genauso wichtig. Eine Maschine, die zehn Jahre genutzt wird, sollte anders finanziert werden als Waren, die innerhalb weniger Monate verkauft werden. Auch die Vorfinanzierung eines Projekts folgt einem anderen Cashflow als eine Unternehmensübernahme oder die Eröffnung eines neuen Standorts.
Für längerfristige, klar kalkulierbare Investitionen kann ein klassisches Darlehen mit fester Laufzeit sehr gut passen. Bei schwankendem Betriebsmittelbedarf entstehen mit einer starren Struktur dagegen schnell Reibungsverluste. Nimmt ein Unternehmen vorsorglich den vollen Betrag auf, zahlt es möglicherweise für Kapital, das es noch gar nicht braucht. Nimmt es zu wenig auf, beginnt beim nächsten Engpass ein neuer Finanzierungsprozess.
Revolvierende Kreditlinien setzen an einem anderen Punkt an. Der Kreditrahmen steht zur Verfügung, der Unternehmer ruft Kapital nach Bedarf ab und führt es zurück, wenn Geld aus dem laufenden Geschäft eingeht. Damit wird Finanzierung eher zu einem Instrument der Liquiditätssteuerung als zu einer einmaligen Transaktion. Für Unternehmen mit saisonalen Verläufen, projektbezogenem Geschäft oder regelmässigem Wareneinkauf kann das näher an der wirtschaftlichen Realität liegen. Kurzum: Das Tempo in der Kreditvergabe entwickelt sich zu einem erfolgskritischen Faktor. Lange, bürokratische Prozesse bedeuten starke Einbussen in der Wettbewerbsfähigkeit.
Der Zinssatz allein sagt wenig über die Passgenauigkeit aus
Unternehmer vergleichen Finanzierungen verständlicherweise über den Preis. Bei kurzfristigem Betriebskapital kann der niedrigste Nominalzins trotzdem die falsche Orientierung sein. Relevant sind auch Bearbeitungsdauer, Bereitstellungslogik, Rückzahlungsmöglichkeiten und die Frage, ob Zinsen auf den gesamten Kreditbetrag oder auf den tatsächlich genutzten Teil anfallen.
Hinzu kommt ein Faktor, der sich schwer auf einem Preisblatt abbilden lässt: verlorene Zeit. Ein Händler, der eine Einkaufsmöglichkeit verpasst, weil die Finanzierung zu spät bereitsteht, hat keinen Zinsnachteil, sondern einen entgangenen Ertrag. Ein Bauunternehmen, das Material für ein neues Projekt vorfinanzieren muss, kann einen Auftrag nicht beliebig lange offenhalten. Geschwindigkeit hat in solchen Situationen einen messbaren wirtschaftlichen Wert.
Das spricht also dafür, den Prüfungsaufwand an Finanzierungszweck und Volumen anzupassen. Gerade bei kleineren Betriebsmittelfinanzierungen entsteht sonst ein Missverhältnis: Der Finanzierungsbedarf ist für das Unternehmen operativ relevant, der manuelle Prüfungsprozess für den Anbieter aber vergleichsweise aufwendig.
Aktuelle Daten helfen, Liquidität besser einzuordnen
Hier verändert Digitalisierung die Kreditprüfung. Ein Jahresabschluss bleibt eine wichtige Informationsquelle, beschreibt aber zwangsläufig die Vergangenheit. Bei einem Unternehmen, dessen Umsatz saisonal schwankt oder das gerade einen grösseren Auftrag erhalten hat, kann die aktuelle Situation deutlich anders aussehen.
Banktransaktionsdaten ergänzen dieses Bild. Zahlungseingänge, laufende Kosten, Saisonalität und kurzfristige Veränderungen im Cashflow lassen sich über einen längeren Zeitraum beobachten. Solche Informationen ermöglichen eine aktuelle Einschätzung der finanziellen Belastbarkeit, ohne auf jedes einzelne Dokument manuell angewiesen zu sein.
Automatisierung hat dabei Grenzen. Ein Modell erkennt Muster und Auffälligkeiten, den wirtschaftlichen Kontext muss im Zweifel weiterhin ein Mensch einordnen. Underwriter können folgend die Entscheidungen der Modelle prüfen und bei begründetem Anlass übersteuern. Schnelligkeit ist dann wertvoll, wenn die Risikoprüfung belastbar bleibt.
Flexibilität funktioniert nur mit finanzieller Disziplin
Für Unternehmen gilt dieselbe Logik. Eine Kreditlinie ist kein Ersatz für ein tragfähiges Geschäftsmodell und sollte keine dauerhaft negative Liquiditätsentwicklung verdecken. Vor der Aufnahme von kurzfristigem Kapital sollten Unternehmer möglichst genau wissen, wofür das Geld eingesetzt wird, welche Summe tatsächlich erforderlich ist und aus welchen Mittelzuflüssen die Inanspruchnahme später wieder sinken soll.
Genau darin liegt auch der Unterschied zwischen Liquidität als Krisenreaktion und Liquidität als Steuerungsinstrument. Wer sich erst mit Finanzierung beschäftigt, wenn Rechnungen fällig sind, hat wenig Auswahl und steht unter Zeitdruck. Wer den eigenen Working-Capital-Zyklus kennt und Finanzierungsoptionen früh prüft, kann auf Auftragsspitzen, saisonale Effekte oder Investitionen gezielter reagieren.
Die Hausbank bleibt dabei ein wichtiger Bestandteil der Finanzierung vieler Mittelständler. Gerade langfristige Kredite, Zahlungsverkehr und gewachsene Beziehungen haben einen hohen Wert. Daneben können spezialisierte Anbieter Aufgaben übernehmen Eine robuste Finanzierungslandschaft muss deshalb nicht aus einem einzigen Anbieter bestehen.
In einem wirtschaftlichen Umfeld mit kürzeren Planungshorizonten wird diese Mischung wichtiger. Unternehmen brauchenausreichend Spielraum, um gute Entscheidungen nicht an einem zeitlichen Liquiditätsproblem scheitern zu lassen.
| Über Gion van den Bogaert Gion van den Bogaert ist Co-Founder und CEO von Floryn, einem niederländischen technologieorientierten Kreditgeber für kleine und mittlere Unternehmen. Floryn bietet flexible Unternehmenskreditlinien auf Basis digitaler Prozesse und Banktransaktionsdaten. Das Unternehmen hat mehr als 110.000 Kreditanträge bearbeitet und mehr als 519 Millionen Euro für KMU finanziert. Nach dem Start in den Niederlanden im Jahr 2016 bringt Floryn sein Modell nun auf den deutschen Markt. |
