Teil 2 | Wachstum und Kapitaldisziplin im KI-Boom
Perspektive von Silvano Grimaldi | CEO, Grimaldi & Partners AG, Zürich | Stand 14. Oktober 2026
Zürich – Hinter jeder KI-Anwendung stehen Chips, Rechenzentren und Software. Seit unserem Beitrag vom August 2025 sind in diesen Bereichen enorme neue Umsätze entstanden. Zugleich verschlingt der Ausbau Milliarden. Für Anleger wird deshalb eine Frage entscheidend: Welche Unternehmen verwandeln die wachsende Nutzung künstlicher Intelligenz in dauerhaft rentable Geschäfte? Silvano Grimaldi ordnet die Entwicklungen ein und aktualisiert seine Anlageauswahl.
Im August 2025 habe ich drei Bereiche hervorgehoben, über die Anleger am KI-Wachstum teilhaben können. Mehr als ein Jahr später bestätigen aktuelle Geschäftszahlen die Bedeutung dieser Wertschöpfungskette. Als Vermögensverwalter achte ich heute besonders darauf, wie rasch neue Kapazitäten genutzt werden und welche Erträge nach den notwendigen Investitionen verbleiben. Im Mittelpunkt stehen weiterhin Unternehmen, die
- leistungsfähige Chips und vernetzte Rechensysteme für das Training und den laufenden Einsatz von KI bereitstellen,
- Rechenzentren und Cloud-Infrastruktur betreiben und dafür eine zuverlässige Stromversorgung und Kühlung sichern,
- Software-Ökosysteme anbieten, in denen Kunden KI produktiv einsetzen und für einen messbaren Nutzen bezahlen.
Branchentreiber im Überblick
- Chips profitieren vom laufenden Einsatz der KI. Mit jeder zusätzlichen Anwendung wächst die Bedeutung der Inferenz, also der Nutzung bereits trainierter Modelle. Dafür zählen Rechenleistung, Speicher, Vernetzung und Energieeffizienz gemeinsam. NVIDIA meldete für das am 26. Juli 2026 beendete Quartal einen Rechenzentrumsumsatz von 89 Milliarden US-Dollar, 117 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Für Anleger verdeutlicht dies die Dynamik der Nachfrage. Bei der Titelauswahl richten wir den Blick auf die Leistungsfähigkeit des Gesamtsystems und die Kosten je erledigter Aufgabe.
- Cloud-Plattformen machen den Ausbau wirtschaftlich sichtbar. Microsoft steigerte den Umsatz mit Azure und weiteren Cloud-Diensten im Quartal bis Ende Juni 2026 um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Google Cloud erreichte im zweiten Quartal 24,8 Milliarden US-Dollar Umsatz, ein Plus von 82 Prozent. Diese Zahlen umfassen auch klassische Cloud-Dienste; sie sind keine isolierten KI-Umsätze. Für uns zählt, ob zusätzliche Kapazitäten zeitnah ausgelastet werden und ob Kunden ihre Nutzung dauerhaft ausweiten.
- Software muss ihren Nutzen im Alltag beweisen. Microsoft berichtete Ende Juli über mehr als 30 Millionen bezahlte Arbeitsplätze für Microsoft 365 Copilot. Zugleich werden KI-Agenten in Geschäftsprozesse eingebunden, etwa um Informationen zusammenzuführen und mehrstufige Aufgaben zu bearbeiten. Daraus können zusätzliche, teilweise nutzungsabhängige Erlöse entstehen. Besonders interessant erscheinen uns Anbieter mit etablierten Kundenbeziehungen und gut integrierten Datenbeständen. Entscheidend bleibt die tatsächliche Nutzung, die Kundenbindung und die Kosten für jede erbrachte Leistung.
- Stromversorgung und Kühlung werden zum Anlagefeld. Der Ausbau stösst auch an physische Grenzen. Die Internationale Energieagentur erwartet in ihrem Bericht vom April 2026, dass der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren von rund 485 Terawattstunden 2025 auf etwa 950 Terawattstunden 2030 steigt. Das ist eine Projektion für sämtliche Rechenzentren, nicht allein für KI. Für uns erweitert sich damit das Anlageuniversum um Anbieter von Stromverteilung, Kühlung und effizienter Rechenzentrumsinfrastruktur. Vertiv ist ein börsennotiertes Beispiel für diese Aufgaben.
Risiken im Blick
- Hoher Kapitalbedarf belastet den freien Geldfluss. Alphabet verzeichnete im zweiten Quartal 2026 nach Investitionen einen negativen freien Cashflow von rund 5,9 Milliarden US-Dollar; über die vorangegangenen zwölf Monate blieb dieser mit rund 53,3 Milliarden positiv. Die Gegenüberstellung zeigt, weshalb wir einzelne Quartale und den längerfristigen Verlauf gemeinsam betrachten. Künftige Auslastung und Kapitalrendite müssen den heutigen Ausbau rechtfertigen.
- Bewertungen verlangen realistische Erwartungen. Auch ein stark wachsendes Unternehmen kann enttäuschende Aktienrenditen liefern, wenn im Kaufpreis bereits zu viel künftiger Erfolg steckt. Wir prüfen deshalb, welche Umsatz- und Margenentwicklung eine Bewertung voraussetzt und wie empfindlich sie auf langsameres Wachstum oder höhere Finanzierungskosten reagiert.
- Wettbewerb und Geopolitik bleiben entscheidend. Eigene Chips grosser Plattformbetreiber, neue Anbieter und effizientere Modelle können die Verteilung der Gewinne verändern. Exportbeschränkungen und die Konzentration wichtiger Fertigungsschritte bergen zusätzliche Risiken. NVIDIA berücksichtigte in seinem Ausblick vom August für das folgende Quartal keine Umsätze mit Rechenzentrums-Rechenchips in China. Politischer Marktzugang bleibt damit ein konkreter Faktor für die Geschäftserwartungen.
- Umsetzung und Sicherheit können den Ausbau bremsen. Fehlende Netzanschlüsse, Lieferverzögerungen und steigende Betriebskosten können die Inbetriebnahme neuer Kapazitäten erschweren. Auf der Anwendungsseite zählen zuverlässige Ergebnisse, Datenschutz und kontrollierte Zugriffsrechte. Unternehmen müssen den Nutzen einer Lösung gegen deren Betriebs- und Integrationskosten abwägen; entsprechend können sich Kaufentscheide verzögern.
Fazit und konkrete Anlageauswahl
Unsere Grundüberzeugung aus dem August 2025 bleibt bestehen: Führende Hardware, skalierbare Infrastruktur und gut verankerte Softwareplattformen eröffnen langfristige Anlagechancen. Die Entwicklung seitdem macht jedoch eine zusätzliche Prüfung unverzichtbar – wie viel Kapital ein Unternehmen für sein Wachstum benötigt und welchen Ertrag es darauf erzielt. Für die weitere Analyse bevorzugen wir folgende Kombination:
- Microsoft als breit aufgestellten Plattformwert. Azure, Unternehmenssoftware und Copilot verbinden Infrastruktur mit dem Zugang zu zahlenden Geschäftskunden. Die Entwicklung der Cloud-Margen und des freien Cashflows bleibt für die Beurteilung zentral.
- Alphabet als Verbindung von Cloud und KI-Anwendungen. Google Cloud, Gemini und die grosse Nutzerbasis bieten mehrere Wege, KI wirtschaftlich zu nutzen. Der hohe Investitionsbedarf und mögliche Veränderungen des Such- und Werbegeschäfts verlangen eine besonders sorgfältige Bewertung.
- NVIDIA als gezielte Ergänzung für Rechensysteme. Das Unternehmen bietet einen direkten Zugang zum Ausbau der KI-Infrastruktur. Die Position sollte der Abhängigkeit vom Investitionszyklus grosser Kunden und den möglichen Kursschwankungen Rechnung tragen.
- Vertiv als Ergänzung für Stromversorgung und Kühlung. Der Anbieter erweitert die Auswahl um die physische Infrastruktur der Rechenzentren. Entscheidend ist die Umsetzung der Aufträge, die Margen und der Preis, den Anleger für das erwartete Wachstum bezahlen.
Diese Auswahl bildet eine Beobachtungs- und Analysebasis. Gewichtung und Einstieg hängen von Bewertung, bestehendem Portfolio und Risikotragfähigkeit ab. Die Unternehmen teilen zudem eine erhebliche Abhängigkeit vom KI-Investitionszyklus. Eine Kombination dieser Titel ersetzt deshalb keine breite Streuung über weitere Branchen und Anlageklassen.
Mein Fazit: KI bleibt ein überzeugendes langfristiges Anlagethema. Besonders aussichtsreich erscheinen mir Unternehmen, die ihren Kunden einen messbaren Nutzen liefern und daraus nachhaltig freie Mittel erwirtschaften können. Wer technologische Stärke mit einem disziplinierten Kaufpreis und einer angemessenen Positionsgrösse verbindet, schafft eine belastbare Grundlage, um an der nächsten Entwicklungsphase teilzuhaben.
Bereits erschienen:
Künstliche Intelligenz & Technologie-Infrastruktur – Perspektive von Silvano Grimaldi (Teil 1)
(Grimaldi & Partners/mc/ps)
Disclaimer: Dieser Beitrag dient Informationszwecken und stellt keine individuelle Anlageberatung oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf der genannten Wertpapiere dar. Kapitalanlagen unterliegen Risiken bis hin zum Totalverlust. Unternehmensangaben und Prognosen können sich ändern. Vor einer Anlage sind Eignung, Risikotragfähigkeit und die persönliche Vermögenssituation zu prüfen.
