Meret Schneider: Fitness, Cleanness, Weltenlage

Meret Schneider, Nationalrätin, Grüne Schweiz. (Bild: parlament.ch)

Das neue Jahr hat begonnen und wie so oft feiern Fitnessstudios, Smothiemaker und On-Schuhe (warum?) Hochkonjunktur. Die Vorsätze, die man um Mitternacht unter Einfluss von Bowle-Früchten und angeheiterten Freunden zum Besten gegeben hat, zollen ihren Tribut. Ein Marathon läuft sich genauso wenig von allein, wie ein Sixpack ohne eigenes Zutun entsteht und auch das gesunde Darmmikrobiom braucht seine Pflege. Wie so oft werden die meist gefassten Vorsätze gerankt und 2025 finden sich unter den Top Vorsätzen «Mehr Sport treiben», «Gewicht verändern» und «Ernährung verändern/weniger Zucker essen». Gemeinsam ist ihnen ein Grundbedürfnis: Das Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstwirksamkeit.

In einer Zeit, in der die Welt um uns herum aus den Fugen zu geraten scheint und keine Sicherheit mehr als solche garantiert ist, in der alles möglich zu sein scheint – aber nicht im positiven Sinne – und in der wir die Auswirkungen globaler Entwicklungen auf unser ganz persönliches Leben nicht beeinflussen können, sehnen wir uns nach Selbstwirksamkeit und Kontrolle.

Preise steigen, Zölle werden verhängt und aufgehoben, Sparmassnahmen werden angedroht, Arbeitsplätze werden outgesourct – gefühlt kann man sich auf nichts mehr verlassen und das eigene Zutun scheint je länger je weniger Auswirkungen auf den Lauf der Dinge zu haben. Eine verständliche Reaktion darauf ist der radikale Nachrichteneskapismus oder die Flucht in Filterbubbles, in denen wir nur lesen, was wir ohnehin schon denken.

Eine andere ist der Versuch, zu kontrollieren, was wir glauben, kontrollieren zu können. Den eigenen Körper, das Nächste und Unmittelbarste, das wir zu verändern versuchen und an dem wir Selbstwirksamkeit zu erleben trachten, weil wir hoffen, dass sich hier unsere Arbeit direkt auszahlen wird. Wer Krafttraining betreibt, wird irgendwann Muskeln oder Kraftzuwachs sehen und wer mehr oder weniger zu sich nimmt, wird irgendwann entsprechende Veränderungen feststellen, wenngleich selbstverständlich Körper unterschiedlich auf Inputs reagieren.

Ich interpretiere den zunehmenden Körperkult auf Social Media und anderswo nicht nur, aber auch, als eine Reaktion auf die gefühlte Unkontrollierbarkeit der Lebenswelt und verstehe den Fokus auf die Erreichung eines Adoniskörpers oder immer abstruserer sportlicher Leistungen intuitiv sehr gut. Wohl bietet diese Flucht in solche Ziele, die richtig «zu erarbeiten» sind, ein Gefühl der Selbstwirksamkeit und die Gewissheit, etwas durch eigene Kraft erreichen zu können. Was sie jedoch nicht bieten kann, ist die Antwort auf ein weiteres kollektives Gefühl in Anbetracht der Weltlage: Jenes der Vereinzelung und der Einsamkeit.

Eine Antwort darauf habe ich in der positiven Horizontverengung gefunden. Der konsequente Fokus auf den Rahmen, in dem ich etwas verändern kann: Die Gemeinde, mein direktes Umfeld, die Lebewesen, die mich umgeben. Wohl verändere ich damit nicht die Welt, doch zumindest die Welt eines anderen Lebewesens und diese Gewissheit hinterlässt das warme Gegengefühl zur Einsamkeit: Jenes der Gemeinschaft und des Wissens: Ich kann etwas verändern – für mich und erstaunlich viele Lebewesen um mich herum.


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