Nichts eignet sich so gut für gesellschaftliche Beobachtungen, wie öffentliche Verkehrsmittel. Während viele mit verstöpselten Ohren ihr Smartphone konsultieren, andere geradezu ostentativ ein Buch aufschlagen (hallo, ich bin der haptische Gegenentwurf zur appleverseuchten Digitalgesellschaft) und dritte in Funktionskleidung lautstark die gerade begangene Bergtour Revue passieren lassen, beobachte ich. Heute zähle ich Ringe und Uhren.
Aufmerksam wurde ich durch ein Piepsen einer Smartwatch meines Gegenübers, die ihm vermutlich irgendwelche Vitalitätswerte kommunizierte oder ihn erinnerte, sein Schritteziel noch zu erreichen. Dabei fiel mein Blick auf seinen Smartring, der sowohl Schritte zählen, als auch den Blutdruck messen und den Schlaf tracken kann. Er nestelte an seiner Uhr herum. Auf der Innenseite seines Handgelenks stand “Carpe Diem”, Pflücke den Tag. In meinem Abteil, konstatierte ich, war ich die einzige ohne Smartwatch oder -ring. Ich könnte den ganzen Tag in diesem Zug herumfahren und niemand würde mich daran erinnern, jetzt bitte ein paar Schritte zu machen.
Keine Angst, das hier wird kein Abgesang auf die heutige Zeit, auf die Digitalisierung oder die Tatsache, dass wir mittlerweile alles messbare messen und alles trackbare tracken. Aber meine Beobachtung im Zug deckt sich mit einer Beobachtung in meinem direkten Umfeld: Der Wunsch nach einem möglichst langen und vor allem möglichst gesunden Leben wird auf eigenartig pseudowissenschaftliche Weise in wissenschaftliche Handlungen überführt, alles unter dem schillernden Schlagwort “Longevity”. Das Ziel von Longevity ist es, so lange wie möglich so gesund wie möglich zu leben. Das zu Grunde liegende Prinzip lautet Prävention statt Therapie und ist eigentlich ein sinnvoller Gedanke. Ein gesunder Lebensstil soll dazu führen, auch bis ins hohe Alter noch gesund und fit zu sein und die Lebensqualität hoch zu halten – wer will das nicht.
Doch Longevity endet nicht bei “an apple a day” oder regelmässigem Sport. Bei Longevity werden Blutwerte, Körperdaten und biologisches Alter gemessen, analysiert und basierend darauf Vorkehrungen getroffen. Dabei reichen die Massnahmen von simuliertem Höhentraining, Eisbaden und ballaststoffmaximierter Ernährung bis zu einem Cocktail verschiedenster Nahrungsergänzungsmitteln, die man täglich zu sich nimmt. Der Schlaf wird optimiert, der Biorhythmus streng eingehalten und der Stress reduziert – ja, auch die Regeneration kriegt einen fixen Slot im Terminkalender. Dabei helfen die jeweiligen Gadgets dabei, zu Überwachen, ob man ausreichend regeneriert ist, wann die nächste Trainingseinheit folgen sollte und ob man bereits genügend unterschiedlich farbiger Gemüsesorten gegessen hat. Wir erinnern uns: Alles mit dem Ziel, die Lebensqualität möglichst lang möglichst hoch zu halten.
Es liegt nun nahe, die Longevity-Klientel zu belächeln und als Sklaven ihrer Uhren und Ringe abzutun, doch das wäre zu einfach. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Erreichung der gesteckten Ziele und das Hinarbeiten auf eine möglichst glückliche und lange Zukunft mit einem Selbstwirksamkeitsgefühl verbunden ist und einen die narzisstische Kränkung eines so oder so eintreffenden Todes kurzfristig vergessen lässt. Man wähnt sich seines Glückes Schmied und ist es ja auch, wenn einen das Streben nach einem möglichst langen Leben auch im Moment mit Zufriedenheit erfüllt.
Doch von aussen betrachtet wirkt dieses Verhalten auf mich immer ein bisschen wie ein Schritt zurück ins Neolithikum. Wir beschäftigen uns wieder in erster Linie damit, zu überleben. Nicht mit dem unmittelbaren, täglichen Überleben, wie es in Zeiten von Säbelzahntiger und Mammut der Fall war, sondern mit dem langfristigen Überleben. Es dreht sich wieder vieles um die primären Bedürfnisse: Essen, Schlafen, körperlich fit sein. Was esse ich heute, wann lege ich mich schlafen für die optimale Regeneration und wann trainiere ich, um das Training bestmöglich auf meinen Biorhythmus abzustimmen. Lebensinhalte reduzieren sich auf eine optimale Befriedigung körperlicher Bedürfnisse und ein Optimieren des physischen Lebenswandels im Hinblick auf ein möglichst langes Hinauszögern des Todes. Survival of the fittest, im wahrsten Sinne des Wortes. Man isst grünes Gemüse, duscht kalt und geht mit Gewichtswesten joggen, um genau dies möglichst lange tun zu können. Für mich hört sich das eher wie Strafe als wie ein Ziel an, aber wer bin ich, das zu beurteilen. Mein Gegenüber hat inzwischen seine Uhr neu eingestellt und erneut fällt mein Blick auf sein Handgelenk. Carpe diem. Zeit, im Bordbistro ein paar Chips zu holen, die Schritte dorthin zähle ich gleich selber.
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