“…macht jetzt irgend es Praktikum. Statt nachem Studium endlich richtig go schaffe. Aber gäll, das isch die Generation, i dem Alter wäred mir scho längst…”
Was der ältere Herr in diesem Alter bereits geschafft und getan hatte, habe ich leider nicht mehr erfahren, weil er mit seiner Begleitung den Zug verliess. Der Aussage ging voraus, dass eine mutmasslich Mitte-20jährige Person studiert hat und nun, statt endlich richtig Geld zu verdienen, ein Praktikum in Angriff nimmt, was der ältere Herr als Beleg dafür heranzog, dass diese Generation Z einfach nicht mehr richtig arbeiten könne oder wolle.
Und tatsächlich befindet er sich mit dieser Annahme in bester Gesellschaft: “Verzogen, verweichlicht, verletzt” oder “Generation arbeitsunfähig” sind Titel süffisant geschriebener Kolumnen in Feuilletons, in denen selbsternannte Gesellschaftsanalysten die eigene Generation als leistungsbereite Arbeitstiere bejubeln, während sie die Gen Z als fragile Work-Life-Balance Schneeflöckchen verunglimpfen. Doch was ist an diesem Klischee wirklich dran? Und wer profitiert von der permanenten Heraufbeschwörung einer verloren gegangenen Arbeitsmoral?
Ein nüchterner Blick auf die Zahlen zeigt: Die Erwerbsbeteiligung der 20-24-Jährigen ist so hoch wie zuletzt Mitte der 1990er Jahre. Nachdem sie von 1995 bis 2015 kontinuierlich gesunken war, gelang es der Gen Z, diesen Abwärtstrend zu stoppen. Seit 2015 bis 2023 stieg die Erwerbsbeteiligung erstmals wieder deutlich um 6,2 Prozentpunkte. Das Fazit des IAB ist eindeutig: Junge Leute beteiligen sich heute sogar stärker am Arbeitsmarkt als in den vergangenen Jahrzehnten, was der These einer arbeitsfaulen Gen Z diametral widerspricht.
Und auch das Klischee der fehlenden Leistungsbereitschaft und der Priorisierung der Work-Life Balance lässt sich durch empirische Daten nicht bestätigen. Zwar legt die Gen Z im Arbeitskontext mehr Wert auf Flexibilität, doch lässt sich dies nicht auf mangelnde Leistungsbereitschaft zurückführen – im Gegenteil. Die Flexibilität soll nicht primär dazu dienen, dem süssen Leben zu frönen, sondern vielmehr die Vereinbarkeit des Jobs mit Familie, der Pflege von Angehörigen oder dem Aufbau eines Eigenheims, wie es sich noch immer eine Mehrheit der Gen Z wünscht, zu ermöglichen. Tatsächlich steht diese Generation stärker unter Leistungsdruck und dem Druck der permanenten Verfügbarkeit als noch die Generation der Boomer, nicht zuletzt durch das Aufwachsen mit digitalen Medien. Am Wochenende noch Mails beantworten, in den Ferien eine Whatsapp aus dem Geschäft und selbstverständlich ist man nach Feierabend telefonisch erreichbar: Die Verschmelzung der beruflichen und privaten Kommunikationskanäle befördert die Entgrenzung der Arbeit und das Diffundieren beruflicher Aktivitäten ins Privatleben. Wer Karriere machen will, muss bereit sein, zu leisten, verfügbar zu sein und die so genannte Extrameile zu gehen, wie die Generation Highperformer zu sagen pflegt.
Und Karriere zu machen, um sich ein Eigenheim leisten zu können oder gesellschaftlichen Status zu erreichen, ist noch immer Ziel eines Grossteils der Generation Z. Das bedeutet jedoch nicht, dass neben der beruflichen Karriere ausserberufliche Aktivitäten vernachlässigt werden: Das Aufwachsen mit sozialen Medien und die damit verbundene permanente Dokumentation des Privatlebens verpflichten. Ich poste, also bin ich, scheint der Imperativ dieser Generation zu sein und führt dazu, dass der Leistungsethos auch in sogenannte Freizeitaktivitäten diffundiert. Im 5 AM – Club stehen junge, athletisch aussehende Menschen um 05:00 Uhr auf, um vor der Arbeit zu joggen, zu trainieren oder ein Eisbad zu nehmen – Hashtag Meetime. Nach Feierabend geht es ins Fitness, ins Yoga oder mit fotogenen Freunden zum After-work Networking, das selbstverständlich instagrammable festgehalten wird. Die Gewöhnung an schnelles Feedback und der internalisierte, ständige Vergleich mit anderen führen dazu, dass sich die Performance um ihrer selbst willen als Konstante durch sämtliche Lebensbereiche zieht.
Es reicht nicht, beruflich erfolgreich zu sein und ansonsten Fünfe gerade sein zu lassen. Ein erfolgreiches Mitglied der Gen Z verfügt auch über einen trainierten Körper, ernährt sich gesund, ist stilsicher gekleidet und hat eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Das eigene Leben wird mit dem kritischen Blick von aussen analysiert und optimiert – von laisser-faire und fehlender Leistungsbereitschaft keine Spur. Klar wird Leichtigkeit und Unbeschwertheit suggeriert und das eigene Lebensglück ins Zentrum gestellt, doch wer einmal dabei zugesehen hat, wie viel Arbeit und Kameraeinstellungen hinter einem vermeintlichen Schnappschuss in den Ferien am Strand steckt, weiss, dass dies weder mit Life noch mit Balance etwas zu tun hat. Ist dies nun der Zeitpunkt, einen Abgesang auf die selbstinszenierende Generation Instagram anzustimmen? Mitnichten. Aber vielleicht der Zeitpunkt, diesen hart arbeitenden – im Job, an sich, an ihrem Leben, leave your comfort zone etc. – jungen Menschen im besten Boomer Tonfall zu sagen: Ist gut so, passt schon, chill mal.
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