Von Robert Jakob
Nach dem denkbar peinlichen Auftritt des Audi-Chefs bei einer Wahlveranstaltung des US-Präsidenten und das kurz vor den Zwischenwahlen in den USA übte sich der VW-Konzern die ganze Woche über in Schadensbegrenzung.
«Parteipolitische Neutralität» sei «für Audi ein wichtiger Grundsatz», liess sich die Pressesprecherin des Autobauers zitieren, was sich aber schlecht mit den Lobhudeleien ihres Chefs auf Trump verträgt. Im dümmsten Moment hat Gernot Döllner mit seiner Investitionszusage für das neue SUV-Werk in Georgia die zollpolitische Erpressung des SOTUS geadelt. Audi nennt 2027 als Baubeginn, als Produktionsstart den Anfang der 2030er-Jahre. Die Republikaner dürfen jubeln, denn nun wandern 4500 Arbeitsplätze von Deutschland über den Teich, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Zwischenwahlen dank dieses Vorzeigeprojekts nun doch für die GOP (Grand Old Party) gut ausgehen und sie weitere zwei Jahre durchregieren kann.
In Deutschland waren die Reaktionen in der Belegschaft verhältnismässig zahm, auch wenn die Presse polterte und sogar das Wort von «Totalschaden» in den Mund nahm. Am pointiertesten äusserte sich für einmal Anton Hofreiter von den Grünen. Er warf dem Management vor, wegen verfehlter Strategie in Deutschland nun mit Investitionen in den USA zu retten, was zu retten sei – und dafür jegliche politische Haltung und Verantwortung aufzugeben. Namhafte Professoren in der bunten Riege von Deutschlands Autoexperten äusserten jedoch Verständnis für die Verlagerungsgelüste.
Nun hat bekanntlich das Bundesland Niedersachsen mit seinen VW-Stammaktien rund ein Fünftel der Stimmrechte am Konzern, und der geplante Bau in den USA ist noch nicht final beschlossen. Die Konzernbetriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo verkündete, dass der VW-Aufsichtsrat dem US-Projekt nur zustimmen werde, wenn im Rahmen der aktuellen Planungsrunde verbindliche Zusagen für die Auslastung und Wertschöpfung der deutschen Werke vorlägen.
Der Dienst des Bären
Der Audi-Chef hat seiner Heimat einen riesigen Bärendienst erwiesen. Verhängnisvoller könnte die Botschaft nicht sein: «Seht her, Erpressung lohnt sich!» Dabei verdankt Gernot Döllner seinen beruflichen Aufstieg an die Spitze einer rein deutschen Karriereleiter. Er arbeitete sich im Inland hoch und ist zudem Mitglied im Aufsichtsrat der FC Bayern München AG. Dort vertritt er den Grosssponsor und Anteilseigner AUDI AG. Die Ingolstädter halten stolze 8,33 % der Anteile. «Hört, hört!» mag da manch einer rufen.
August Horch hat die Automarke vor 117 Jahren in Zwickau gegründet und auf seinen Nachnamen getauft. Audi ist nämlich der Imperativ Singular des lateinischen Verbs audire=hören. Nach dem zweiten Weltkrieg zog die Nachfolgegesellschaft von Audi als Auto Union ins bayerische Ingolstadt. Dort liegt seither der Firmenstammsitz. Vor anderthalb Jahren hatte sich der Audi-Vorstand samt Gesamtbetriebsrat darauf verständigt, bis Ende 2029 bis zu 7500 Stellen abzubauen. Betroffen sind vor allem Verwaltung und Entwicklung. Dadurch sollen dauerhaft mehr als eine Milliarde Euro jährlich eingespart werden. Betriebsbedingte Kündigungen sind im Rahmen einer Beschäftigungssicherung bis Ende 2033 zwar explizit ausgeschlossen, aber das dürfte genau der Stichtag der Wahrheit werden.
Jeder für sich und Gott gegen alle
Das aus dem Spanischen stammende Sprichwort («Cada uno para sí y Dios contra todos») steht stellvertretend für die Zeitenwende dank «Trupin» (https://www.moneycab.com/dossiers/robert-jakobs-wirtschaftslupe-trumpins-wahlen/), in welcher jeder nur an sich und seine Klientel denkt. Die 4500 neugeschaffenen Arbeitsplätze sind ein Windfall-Profit für die USA und ein schwerer Schlag für den Automobilstandort Deutschland, wo ein Siebtel aller Arbeitsplätze direkt oder indirekt an der Kfz.-Branche hängt.
Ich werde in diesem Zusammenhang nie meinen sehr geliebten amerikanischen Onkel Rudi Buchheit vergessen, der während der Ölkrise 1973 einen sparsamen Audi 80 gekauft und per Schiff sogar auf eigene Kosten importieren liess. Das tat er gegen alle Widerstände, weil er die amerikanischen Spritfresser nicht mochte, und das brachte ihm und vor allem seiner Frau beim Einkaufen geharschte Kritik seiner Mitbürger ein. Das ging bis hin zu bissigen Bemerkungen über seine deutsche Abstammung.
Meine Tante Toni konterte dann immer, indem sie die nationalistische Kritik mit dem Satz erwiderte «Are you an Indian?» Sollte Trump die Zwischenwahlen gewinnen, kann er sich bei Gernot Döllner bedanken. Der Handelskrieg dürfte dann mit Sicherheit fröhlich die nächste Eskalationsstufe erklimmen.
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