Robert Jakobs Wirtschaftslupe: High Noon am Tankrüssel

Buchautor und Moneycab-Kolumnist Robert Jakob.

Von Robert Jakob

Nach über einem Jahrzehnt habe ich wieder einmal eine Deutschlandreise gemacht, rein zufällig als wieder einmal der Tankrabatt eingeführt wurde. Der setzt bekanntlich Fehlanreize und ist eine schlechte, weil nur vorübergehende Beruhigungspille.

Am Morgen des 1. Oktobers bildeten sich bereits um 8 Uhr morgens Schlangen an den Tanksäulen, die mich an die Ölkrise ab 6. Oktober 1973 erinnerten. Alle Autofahrer hatten ihre Tanks leergefahren und machten erstmal alles voll. Ich tankte für 1,99 und widmete mich unserem Tourismusprogramm im Land von Schiller/Goethe und Martin Luther. Zur Mittagszeit glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Der Preis für Super E10 stand wieder bei 2,20, genauso hoch, wie vor dem Rabatt. Offenbar hatten die Tankstellen aus Not der Gesetzesregelung eine Tugend gemacht und die nur einmal pro Tag genau Punkt 12 erlaubte Preisveränderung pünktlich zum Mittagessen aufgetischt.

Schildbürgerstreiche im Schilderwald

So ging das zu meinem Erstaunen Tag für Tag, wobei die Schwankungen nach oben sogar meistens grösser als die von der Regierung so hoch gepriesenen 17 Cents Tankrabatt waren. Während der ganzen Woche sollten wir als leidgewohnte Autofahrer an über einhundert Baustellen und Umleitungen vorbeikommen. Nur an zwei Baustellen sahen wir Bauarbeiter. Offenbar wurde das Sondervermögen, welches in diesem Bereich eher Instandhaltung oder AfA (Abschreibung für Abnutzung) heissen müsste, abgerufen, aber die Planung wird einfach nicht abgearbeitet.

Noch mehr Kopfschütteln gab es bei den Umleitungen. Die Stadt Ballenstedt war von Quedlinburg aus plötzlich ab der Ortschaft Rieder nicht mehr erreichbar. Nur Fahrräder kamen durch. Wer nun etwa den Park Roseburg bei Ballenstedt besichtigen wollte, musste tatsächlich über die L243 ins obere Selketal hochfahren und dann wieder aus dem Harz über die B185 in die Ebene zurückdüsen. Das waren zwanzig statt vier Kilometer.

Natürlich wissen auch die leidtragenden Einwohner nicht, wann die Bauarbeiten je zu Ende sein werden, und nicht jeder hat ein Klappfahrrad im Kofferraum. Für die lokalen Opfer dieses wahrhaftigen Schildbürgerstreichs ist der Tankrabat sicher nur ein Tröpfchen auf den heissen Auspuff.

«Öl für uns alle»

So hiess ein beliebtes Gesellschaftsspiel des Ravensburger Verlags vor über einem halben Jahrhundert. Das Spielprinzip war einfach: Ölfelder kaufen, nach dem schwarzen Gold bohren, die rohe Sosse verfrachten und zu Spielgeld machen. Wer das meiste einsackte, hatte gewonnen. Monopoly mit Erdöl.

Die überflüssigen Kriege in der Golfregion und die dadurch verursachten hohen Energiepreise sind zu zentralen Belastungsfaktoren der Wirtschaft geworden. Genauso wie im Oktober 1973 schüren sie die Inflation, erhöhen den Druck auf die Notenbanken diese zu bekämpfen und treiben dadurch Finanzierungskosten der Unternehmen und Hausbesitzer nach oben. Das lässt kaum mehr Luft für gesundes Wachstum, aber verführt die Politiker aller Couleur zur Augenwischerei und Aktionismus. Der zweite Tankrabatt wird in Deutschland genauso verpuffen wie der erste, und das Geld der Bürger wird anderswo fehlen.

In den letzten Wochen hat sich das Kräfteverhältnis zwischen Aktien und Anleihen in allen Ländern der Welt verschoben, denn je attraktiver die Renditen am Anleihemarkt werden, desto stärker müssen Aktien ihre hohen Bewertungen rechtfertigen. Unter diesen Vorzeichen sind die Rekordjagden an allen Stock Exchanges auf Sand gebaut. Die Rendite deutscher Staatsanleihen schnellte übrigens ein halbes Jahr nach dem Beginn der ersten Ölkrise auf heute fast unvorstellbare 10,7 Prozent – mit verheerenden Folgen für den Aktienmarkt.


ACHTUNG SATIRE:
Die Hundertundeins besten Cabaret-Stücke von Robert Jakob können jetzt zum Aktionspreis von 12 Euro (9,98 Euro plus Porto) nur in Deutschland oder 12 CHF (9,99 CHF plus Porto) nur für die Schweiz gegen Vorauskasse bestellt werden:

Einfach die Zieladresse angeben.

(Bild: Ellert & Richter Verlag)
Exit mobile version