Von Robert Jakob
In weit über einem Dutzend Stationen meiner beruflichen Laufbahn blieb mir mein kanadischer Boss in allerbester Erinnerung. Er war gebildet, diplomatisch und besass immer ein offenes Ohr für beide Seiten, wenn es um harte Verhandlungen ging. Für pure Machtdemonstration hatte er nichts übrig. Wir beide betrachteten die Mehrheit unserer US-Kollegen als Kindsköpfe. Das ist die harmlose Variante. Wenn Naivität aber mit postpubertären Machtgelüsten einhergeht, wird es gefährlich.
Hatte der SOTUS wirklich geglaubt, dass das iranische Regime sich ergibt? Seine Selbstüberschätzung (O-Ton: «von Gott ausgewählte Siegernation») hat das gesamte US-Kriegsministerium eingeholt. Grosse Zerstörungen sind das einzige Ergebnis der Kavallerieaktion der Amerikaner, wobei die Kollateralschäden an der Zivilbevölkerung durch irrtümliche Luftangriffe auf eine Mädchenschule und auf einen Sportkomplex mit 170 Todesopfern nicht mitgezählt sind. Die USA arbeiten an einem neuen Vietnam. Mittlerweile lassen sich auch die Schäden an den eigenen Militärbasen nicht mehr totschweigen. Das alles ist nicht mehr «just for fun». Verballert wurden inzwischen gut 50 Milliarden US-Dollar. Der sogenannte Kriegsminister Pete Hegseth wird immer nervöser und schasst massenweise Mitarbeiter.
Noch abstruser wird es, wenn der je länger, je diktatorischer und wirrer agierende US-Präsident seinem nördlichen Nachbarn, der ihm in zwei Weltkriegen ohne Eigeninteresse die Treue gehalten hat, eine seiner vielen Drohkulissen auftischt. Trump nannte die Vorstellung, die Kanadier könnten dem europäischen Freihandelsbündnis beitreten, «lächerlich». Er beschimpft den Nachbarn als «schlechten Handelspartner» und schwingt mal wieder mit der Zollkeule.
Bei den zuvor durch Kanada abgebrochenen Zollverhandlungen sollen die Vereinigten Staaten darauf gepocht haben, alle Freihandelsabkommen, die Kanada je verhandle (inklusive mit der Europäischen Union) unterlägen letztlich dem Veto der USA. Derartige Eingriffe in die Souveränität konnte sich Premier Mark Carney schlicht nicht gefallen lassen.
Kanada macht vor, wie man mit den USA umgehen muss
«Nun erst recht» heisst die Devise der Kanadier. Daher schmiegt sich ihr Land dem alten Kontinent an, und die US-Arroganz bekommt ihre verdiente Retourkutsche. Kaum ein Kanadier macht noch im Nachbarland Urlaub oder kauft dessen Waren. Die Kanadier haben einiges zu bieten. Neben Militärtechnologie und KI sind das vor allem selten Erden. All das steht in unmittelbarer Konkurrenz zum einst grossen Bruder.
Da Carney sowohl Gouverneur der kanadischen als auch der britischen Notenbank war, hat er noch einen weiteren Feil im Köcher. Das starke staatliche Bankensystem Kanadas könnte sogar ein ernster Konkurrent für das amerikanische werden. Mit Interac besitzt das Land ein nationales Debit- und Echtzeit-Zahlungsnetzwerk, das technisch ausgereift ist, und die Banken sind viel solider finanziert als das zersplitterte US Banking System als Ganzes.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sieht zusätzlich eine engere Zusammenarbeit in der Arktis-Politik als Folge einer gewünschten Assoziierung Kanadas an die Europäische Union. Das dürfte Trump nicht schmecken, hatte Kanada doch bereits im Januar 2026 Soldaten nach Grönland geschickt und im Februar ein Verteidigungsabkommen mit Dänemark, Grönland und den Färöern unterzeichnet, um die sicherheitspolitische Zusammenarbeit im Nordatlantik und in der Hocharktis deutlich zu vertiefen. Dass der SOTUS jetzt behauptet, er hätte die ewige «dauerhafte Kontrolle über die Sicherheit und alle anderen Belange in Grönland» einräumt bekommen, ist darob ein Märchen. Der neu zu unterzeichnende Vertrag mit Dänemark und Grönland wird sicherlich ein Stationierungsverbot für Russland und China enthalten. Was darüber hinausgeht, steht noch nicht fest. Bestimmt wird es nicht ein Alleinabbaumandat für seltene Erden für die USA enthalten, und Kanada ist mit im Boot. Sollte die USA weiter in Kanonenbootdiplomatie machen, wird Kanada sicherlich wieder Soldaten ins Nordostterritorium schicken, bevor Trump die Insel Grönland als East Maine bezeichnet oder dort einen Triumphbogen errichten lässt.
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