Von Robert Jakob
Man kann es bald nicht mehr hören. Seit Jahren reden die Politikverantwortlichen der «Entbürokratisierung» in Deutschland das Wort. Aber wie soll das im Grossen gelingen, wenn es schon im Kleinen immer kafkaesker wird?
Ein Leserbrief erstaunt mich nicht: Engpässe bei der Bundesdruckerei in Berlin und angebliche Überleistung einer lokalen Behörde (München) führten zu Bearbeitungszeiten von über drei Monaten für die Ausstellung von Führerscheinen. Wer sich als Jugendlicher nach bestandener Prüfung aufs Fahren und damit auf die neue Freiheit freut, muss also erst einmal mindestens drei Monate unfreiwillig in Quarantäne, bevor er auf den Strassenverkehr losgelassen wird. Die Freude über den hart erarbeiteten Führerschein (sein Erlangen kostet mittlerweile deutlich mehr als in der Hochpreisinsel Schweiz) zerrinnt in der Bürokratiespirale. Die Kaltstellung des Bürgers durch Hinhaltetaktik in Deutschland ist omnipräsent.
«30.03.2026 um 13:08 Uhr: Sehr geehrter Herr Dr. Jakob, vielen Dank für Ihre Anfrage. Sie erhalten von uns so schnell wie möglich eine persönliche Antwort. Mitunter kann dies ein wenig Zeit in Anspruch nehmen. Wir bitten Sie daher um ein wenig Geduld. Bitte sehen Sie bis zur Beantwortung Ihres Anliegens von einer weiteren Anfrage mit demselben Inhalt ab. Wir vergessen Sie nicht. Mit freundlichen Grüßen Ihr flatex Team» Solche Emails sind leider die Regel, und als ich diese Zeilen schreibe, warte ich immer noch auf eine Antwort genau wie der Münchner im Himmel auf die Erleuchtung der bayrischen Staatsverwaltung in der Satire von Ludwig Thoma. Die Bürokratieentlastungsgesetze BEG, momentan werkelt man an Nummer 5, ohne dass sich irgendeine Entlastung ergeben hätte, sind Papiertigerchen. Wie obiges Beispiel beweist, hat sich leider in Deutschland auch die Privatwirtschaft von der Hinhaltetaktik der öffentlichen Verwaltung anstecken lassen.
Sankt Nimmerlein darfst ruhig sein
Längst krankt das Land nicht nur an den hohen Energiepreisen und Investitionsstau, sondern schlicht an Arbeitsverweigerung. Dabei gäbe es genug zu tun und zu investieren, von den 900 Milliarden Sondervermögen einmal ganz abgesehen. Aber der bürokratische Leerlauf verzögert alles, gerade weil vor der Umsetzung erst einmal Kommissionen, Arbeitskreise und Task Forces aufgebaut werden müssen. Eine Studie des Ifo-Instituts rechnet vor, dass Deutschland aufgrund der Bürokratieblase 150 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung jährlich verliert.
Die umständlichen Baugenehmigungsverfahren sind hauptsächlich für die deutsche Wohnungsbaumisere verantwortlich, nicht der Mangel an Land oder Zement. Und selbst Unternehmensgründung ist ein Hindernislauf. So sind in Deutschland neun Schritte für eine Unternehmensgründung notwendig, in Grossbritannien nur vier.
Lange Wartezeiten und umständliche Verfahren sind eines Hightech-Standorts unwürdig. Da aber Deutschland ein Land der Besserwisser und nicht der Bessermacher ist, wird erst einmal alles in ein kompliziertes Elaborat von Anweisungen gepackt, auf die man sich zur Not berufen kann, ohne sie aber selbst ausführen zu müssen. So entsteht der Nebel der Bürokratie, welcher das Land verschlingt.
Vorsicht, mittlerweile setzt sich in Deutschland bei Behörden ein ganz besonders perfider Spruch am Ende einer Mitteilung durch: «Wir kommen auf Sie zu.». Das ist keine Drohung, sondern gleichbedeutend mit: Wir melden uns, wenn wir Lust haben. Also, wenn überhaupt, dann in ein paar Monaten, aber ehrlich gesagt, meistens tun wir das nie.
Bereits erschienen:
Robert Jakobs Wirtschaftslupe: KiPPPunkte in Deutschland (Teil 1)
Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Am Rande der Schöpfung – KiPPPunkte in Deutschland (Teil 2)
ACHTUNG SATIRE:
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