SGKB Investment views: Der Brexit interessiert nicht mehr

Thomas Stucki

Von Thomas Stucki, Chief Investment Officer bei der St.Galler Kantonalbank. (Foto: SGKB)

St. Gallen – Was wurde vor und nach der Brexit-Abstimmung nicht alles gesprochen und geschrieben. Ein Austritt Grossbritanniens aus der EU wurde zum Start des grossen Exodus in Europa und zum Ende der EU und des Euro erklärt. Die Rechtspopulisten wie Marine le Pen oder die AfD schienen nicht mehr aufzuhalten. Die Weltwirtschaft würde durch den Bruch des Binnenhandels zwischen der Insel und dem Kontinent nachhaltig geschädigt und die City of London würde von den Bankern entvölkert. Ein Jahr später ist der endgültige Zeitpunkt des Brexit im Frühling 2019 bekannt, laufen die Verhandlungen über die Modalitäten und dennoch interessiert es kaum jemanden.

Die EU ist nicht auseinandergebrochen. Die deutliche Wahlniederlage Le Pens hat gezeigt, dass mit dem Versprechen eines EU-Austritts in Frankreich eine Wahl nicht zu gewinnen ist. Laut einer Studie der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in acht EU-Ländern ist der Anteil der Leute, die durch eine EU-Mitgliedschaft Vorteile für ihr Land sehen, von 28% auf 44% gestiegen. In Deutschland hat der Zuspruch zur EU von 34% auf 66% zugenommen. Es wird offen über Veränderungen in der Eurozone betreffend einer gemeinsamen Finanzierung bis hin zu einem Euro-Finanzminister gesprochen. Der Euro legt einen Höhenflug hin und hat in diesem Jahr gegenüber dem US-Dollar 13% zugelegt.

Aufschwung in Europa
Die wirtschaftlichen Konsequenzen halten sich auch in engen Grenzen. Der Aufschwung in Europa gewinnt zunehmend an Breite und an Stärke. Deutschland ist nicht mehr die alleinige Lokomotive. Spanien wächst überdurchschnittlich stark und auch Frankreich ist daran, sich nach dem Wahlsieg Macrons zu bewegen. In Grossbritannien zeigt sich der Brexit in den wirtschaftlichen Daten ebenfalls noch nicht. Effektiv hat sich ja auch noch nicht viel verändert. Dies wird erst nach dem Vollzug des EU-Austritts der Fall sein.

Die Wirtschaft im Königreich ist in den beiden ersten Quartalen dieses Jahres mit 0.2% und 0.3% schwächer gewachsen als vorher. Die Zahlen bewegen sich jedoch im Rahmen der üblichen Schwankungen. Die Arbeitslosigkeit ist auf 4.5% gesunken und liegt damit so tief wie letztmals in den 70er-Jahren. Einzig die Inflation ist mit 3.6% überdurchschnittlich hoch und passt nicht in das globale Bild der Tiefinflation. Die Abwertung des Pfunds seit der Brexit-Abstimmung um 15% macht sich hier bemerkbar. Da sich die Währung auf dem tieferen Niveau mittlerweile stabilisiert hat, ist der währungsbedingte Inflationsschub ein vorübergehender Effekt, der im nächsten Jahr auslaufen wird.

Brexit-Ergebnis noch offen
Ich will den Brexit nicht verharmlosen. Die Wirtschaft in Europa und vor allem in Grossbritannien wird negativ belastet werden, wenn der Zugang zum Binnenmarkt nicht mehr möglich ist. Firmen und damit Arbeitsplätze werden abwandern, aber nicht im grossen Stil. Der Brexit ist ein Lehrstück dafür, dass ökonomische Prozesse langsam ablaufen und dadurch Zeit zur Verfügung steht, sich an die neuen Rahmenbedingungen anzupassen. Dabei hilft es, dass die aufgebauschte Hektik des letzten Jahres einer sachlichen Lösung der neuen Ausgangslage gewichen ist. (SGKB/mc/ps)

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