Sie will wissen, wie wir über das Sterben reden

Anna Elsner. (Foto: SNF)

Zürich – Anna Elsner hat erforscht, wie Literatur die Rolle des Sterbens in der Gesellschaft aufarbeitet und begleitet. Für ihre innovative Arbeit erhält sie vom Schweizerischen Nationalfonds den Marie Heim-Vögtlin-Preis 2022.

Das Ende des Lebens beschäftigt die Literatur seit jeher. Michel de Montaigne reflektierte schon im 16. Jahrhundert darüber – das Sterben an sich bedeutete für den französischen Philosophen aber nicht mehr als ein paar kurze Momente des Schreckens. Heute zieht sich das Sterben in die Länge. Es bleibt vielen von uns viel mehr Zeit, uns damit zu beschäftigen. Der Tod vollzieht sich zudem meist in einem medizinischen Kontext und bettet so die eigene Leidensgeschichte in einen grösseren Rahmen ein.

Das Sterben in Worte fassen
Anna Elsner hat am Beispiel von französischen Erzählungen ab den 1970er-Jahren untersucht, wie Literatur die sich wandelnde Rolle des Sterbens und der Palliativpflege in der Gesellschaft aufarbeitet. Wird das Schreiben vielleicht selbst zur palliativen Praxis? Für ihre Arbeit an der Schnittstelle von französischer Literatur und Kultur, Philosophie und Medizin erhält die Forscherin den Marie Heim-Vögtlin-Preis des Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Die mit 25’000 Franken dotierte Auszeichnung wird dieses Jahr zum 14. Mal vergeben. Die Preisverleihung findet am 19. Dezember 2022 an der Universität St. Gallen statt.

«Die literarische Auseinandersetzung mit dem Sterben führt über das individuelle Leid hinaus», stellt Elsner fest. «Immer geht es auch um gesellschaftliche und soziale Fragen.» So kritisieren die autobiographischen Texte, die die Literaturwissenschaftlerin im Rahmen ihres SNF-Förderbeitrags analysiert hat, auch die Medikalisierung und zunehmende Bürokratisierung von Palliativpflege. Gesellschaftlich herrsche die Erwartung eines guten Todes vor, fügt sie hinzu, als müsse das Sterben zur Erfolgsgeschichte werden. «Dass das Ende auch schmerzhaft und schlimm sein kann, hat wenig Platz in unserem Denken.» In ihrer Arbeit zeigt sie, dass die Gegenwartsliteratur die Auseinandersetzung mit schmerzlichen Erfahrungen auf kreative Weise zurückfordert.

Definition von akademischem Erfolg neu denken
Marie Heim-Vögtlin war 1874 die erste Schweizer Ärztin und sie wollte schon damals weder auf Kinder noch auf Karriere verzichten. Eine Kombination, die selbst heute noch nicht Alltag ist. Das merkt auch Elsener. Der Preis ist für sie deshalb eine umso wichtigere Anerkennung. Vieles müsse sich für Eltern in der Forschung noch ändern, sagt sie. «Es geht nicht nur darum, Seminare nicht mehr um 17 Uhr anzusetzen», sagt die Wissenschaftlerin an der Universität St. Gallen, deren Kinder heute sechs und neun Jahre alt sind. «Wir müssen grundsätzlich unsere männlich geprägte Definition von Erfolg überdenken.» Dieser messe sich immer noch viel mehr an Publikationen und Forschungsstipendien als etwa an Lehre, Studierendenbetreuung oder Engagement im Hochschulleben – Bereichen also, die in Richtung Care gehen und als traditionell weibliche Domäne häufig unterbewertet werden.

«Es sollte selbstverständlich sein, dass Kinder auch im Forschungsalltag präsent sind», betont Elsner. Stark hätten sie diesbezüglich ihre Jahre als Studentin am St. Hilda’s College in Oxford geprägt, an dem damals noch ausschliesslich Frauen zugelassen waren. «Es war vollkommen normal, dass eine Mutter während eines Tutorials ihr Baby stillte oder ein Seminar verschoben wurde, weil das Kind einer Dozentin krank war», erinnert sie sich. «Die Frage, ob sich Wissenschaft und Familie vereinbaren lassen, stellte sich mir damals gar nicht.»Sterbehilfe und assistierter Suizid in Literatur und Film

Seit 2020 ist Anna Elsner Assistenzprofessorin für französische Literatur und Kultur an der Universität St. Gallen. Anfang 2022 erhielt die Wissenschaftlerin vom Europäischen Forschungsrat einen ERC Starting Grant zugesprochen für die Erforschung der Rolle von Sterbehilfe und assistiertem Suizid in Literatur, Film und Rechtswissenschaften. (SNF/mc)

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