Francois Collet, CIO von DNCA, erörtert, ob der Krieg zwischen den USA/Israel und dem Iran das Ende der Vorherrschaft des Dollars bedeuten wird, sowie weitere wichtige Fragen für die Märkte:
Hat der Konflikt im Nahen Osten Ihre Prognosen für Inflation und Wachstum verändert?
Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine abschliessende Beurteilung schwierig. Meines Erachtens handelt es sich um einen temporären Inflationsschock. Vor Ausbruch des Konflikts erwartete der Markt, dass die Inflation in Europa auf rund 2 % sinken würde. Inzwischen gehen wir davon aus, dass sie über 3 % steigen dürfte.
In den Vereinigten Staaten fällt der Inflationseffekt geringer aus – wir rechnen mit einem Anstieg von etwa 50 Basispunkten. Dies liegt auch daran, dass das Ausgangsniveau mit 2,7 % höher ist. In einem Jahr könnte die Inflation bei rund 3,25 % liegen.
Die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum lassen sich aus den Marktpreisen hingegen kaum ableiten. Viele Ökonomen erwarten eine Wachstumsdämpfung von 10 bis 30 Basispunkten. Diese Einschätzung halte ich für eher optimistisch. Ich rechne mit einer stärkeren Abschwächung, insbesondere in den USA. In Europa dürfte der Rückgang hingegen durch fiskalische Impulse aus Deutschland teilweise abgefedert werden. Angesichts der geopolitischen Lage ist zudem davon auszugehen, dass die Verteidigungsausgaben weiter steigen.
Geldpolitik zwischen Inflationsdruck und Unsicherheit
Welche Auswirkungen könnte der Konflikt auf die Geldpolitik haben?
Vor dem Konflikt gingen wir davon aus, dass die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) bis Mitte 2027 unverändert bleiben würde. Inzwischen hat sich unsere Einschätzung in eine restriktivere Richtung verschoben. Sollten Zinserhöhungen erfolgen, dürften sie in rascher Abfolge kommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Leitzins innerhalb der nächsten zwölf Monate auf 2,5 % steigt, hat deutlich zugenommen – wenngleich ein unveränderter Kurs weiterhin möglich bleibt.
In den USA hingegen erwarten wir keine Zinserhöhungen. Die Geldpolitik dürfte bis zum Ende der Amtszeit von Fed-Präsident Jerome Powell weitgehend stabil bleiben. Auch unter seinem potenziellen Nachfolger sehen wir derzeit kein Szenario für steigende Zinsen.
Zusammengefasst tendiert die US-Notenbank eher zu einer lockereren Geldpolitik, während die EZB potenziell in Richtung höherer Zinsen tendiert. Gleichwohl ist es gut möglich, dass die Leitzinsen bis Jahresende unverändert bei rund 3,6 % in den USA und 2 % im Euroraum liegen.
Hormus als geopolitischer Schlüssel – und Risiko für den Dollar
Viele geopolitische Ereignisse haben nur begrenzte Auswirkungen auf die Märkte. Gilt das auch für den aktuellen Konflikt?
Dieser Konflikt unterscheidet sich aufgrund der strategischen Bedeutung der Strasse von Hormus. Während frühere Ereignisse – etwa der kurze Krieg im Juni 2025 oder der israelisch-palästinensische Konflikt – kaum Auswirkungen auf die Ölpreise hatten, steht nun die globale Energieversorgung im Fokus.
Sollten die USA die Kontrolle über die Strasse von Hormus sichern, wäre der wirtschaftliche Effekt vermutlich zeitlich begrenzt. Ziehen sie sich hingegen zurück, ohne die Passage abzusichern, könnte dies als strategische Schwäche interpretiert werden. Die Möglichkeit, dass Iran die Meerenge schliesst – gewissermassen als «ökonomische Nuklearwaffe» –, würde die Märkte nachhaltig verunsichern. Derzeit erscheinen beide Szenarien gleich wahrscheinlich.
Im Vergleich zur Energiekrise 2022 zeigen sich deutliche regionale Unterschiede: Für die USA bleibt der Effekt begrenzt, da das Land weitgehend energieautark ist. In Europa sind die Auswirkungen auf Gas- und Strompreise geringer als damals, während Öl stärker betroffen ist. In Asien hingegen ist die Abhängigkeit vom Nahen Osten deutlich höher, weshalb die Auswirkungen dort gravierender sind.
Sichere Häfen – und eine mögliche Zeitenwende beim Dollar
In unsicheren Zeiten suchen Investoren traditionell Zuflucht in sicheren Anlagen wie Gold, US-Staatsanleihen, dem Dollar oder dem Schweizer Franken.
Der Dollar hat seine Rolle als sicherer Hafen erfüllt – allerdings aus technischen Gründen, da viele Marktteilnehmer zuvor auf einen schwächeren Dollar gesetzt hatten.
Seine zukünftige Entwicklung hängt jedoch stark vom Ausgang des Konflikts ab. Gelingt es den USA, die Kontrolle über die Strasse von Hormus zu sichern, könnte der Dollar gestärkt aus der Krise hervorgehen. Andernfalls droht eine strukturelle Schwächung. Insbesondere könnten sich ölreiche Golfstaaten verstärkt China zuwenden, was die Stellung des Dollars als Leitwährung zugunsten des Yuan langfristig untergraben würde.
Historisch verlief der Übergang vom Pfund Sterling zum Dollar über mehrere Jahrzehnte. Die Suezkrise von 1956 markierte dabei einen entscheidenden Wendepunkt. Ein vergleichbarer Moment könnte sich nun rund um die Strasse von Hormus abzeichnen.
Schweizer Franken, Ölpreisrisiken und Anlageperspektiven
Der Schweizer Franken bleibt laut Collet die einzige Währung, die in den vergangenen Jahren konstant als sicherer Hafen fungiert hat. Sein Aufwertungspotenzial ist jedoch begrenzt, da die Schweizerische Nationalbank angesichts sehr niedriger Inflation Deflationsrisiken vermeiden will.
Die norwegische Krone zeigt hingegen ein atypisches Verhalten: Sie profitiert aktuell stark von steigenden Rohstoffpreisen, obwohl sie in früheren Krisen tendenziell schwächer reagierte. Gleichzeitig deutet vieles darauf hin, dass institutionelle Investoren ihre Dollar-Exponierung überdenken – nicht zuletzt vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen.
Aus Sicht von Anleiheinvestoren bleibt der Ölpreis der zentrale Risikofaktor für 2026. Ein Anstieg auf extreme Niveaus – etwa 200 Dollar pro Barrel – könnte zu einer Kombination aus schwachem Wachstum und hoher Inflation führen. Solche stagflationären Szenarien sind besonders problematisch, da weder Zinserhöhungen noch Zinssenkungen klare Lösungen bieten.
Im aktuellen Umfeld erscheinen reale Renditen im Euroraum von rund 1 % attraktiv. Gleichzeitig dürften die Inflationserwartungen in den USA unterschätzt werden. Verzerrungen in den Inflationsdaten seit Ende 2025 könnten dazu führen, dass sich der Disinflationstrend als weniger ausgeprägt erweist als bislang angenommen.
Regional sehen wir insbesondere im Vereinigten Königreich und in Neuseeland interessante Opportunitäten, da Investoren dort vergleichsweise gut für eingegangene Risiken entschädigt werden.
