VP Bank: Fünf Erkenntnisse aus den Quartalsergebnissen

Jérôme Mäser, Senior Equity Analyst VP Bank. (Bild: VP Bank)

Von Jérôme Mäser, Senior Equity Analyst VP Bank

Der Konsumsektor leidet, doch der Optimismus in der Technologiebranche überstrahlt (fast) alles.

Die meisten Unternehmen haben ihr Zahlenwerk für das erste Quartal 2026 veröffentlicht. Das Gewinnwachstum in den USA fiel im ersten Quartal deutlich stärker aus als erwartet. Trotz des Krieges im Nahen Osten, der nur einen Teil der Berichtsperiode betraf, lag es fast doppelt so hoch wie zu Jahresbeginn prognostiziert.

Was die Indexzusammensetzung in den USA damit zu tun hat, in welcher Stimmung sich US-Konsumenten befinden und wie sich Anleger im Falle einer deutlich längeren Sperre der Strasse von Hormus schützen können, analysieren wir in unseren fünf Erkenntnissen aus der Berichtssaison.

  1. Überall wo es um KI-Infrastruktur geht, spielt die Musik.

Das US-Gewinnwachstum im ersten Quartal 2026 kann sich mit einem Plus von 25 % gegenüber dem Vorjahr sehen lassen. Damit wurden die Erwartungen um 15 % übertroffen. Sowohl absolut als auch im relativen Vergleich liegen die Werte über dem historischen Quartalsdurchschnitt.

Eine Änderung der steuerlichen Behandlung von Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Zuge des «One Big Beautiful Bill Act» in den USA treibt das Investitionsaufkommen in diesem Jahr deutlich in die Höhe. So wird erwartet, dass diese Ausgaben von Unternehmen im Aktienindex MSCI USA um mehr als 40 % ansteigen – so viel wie noch nie in diesem Jahrtausend.

Den Takt geben aber die hohen Investitionen in die Infrastruktur für künstliche Intelligenz (KI) vor. Die Gewinne im Philadelphia Stock Exchange Halbleiter Index («Sox»), inkludiert sind unter anderem Nvidia oder Micron, zogen entsprechend an (+84 %). Der Bau von Rechenzentren begünstigt ebenso Unternehmen aus dem Bauwesen, wie Quanta Services oder Comfort Systems, sowie Hardware- und Netzwerkanbieter wie Amphenol oder Arista Networks. Sie alle sprechen von einem anhaltend attraktiven Umfeld.

Ausserhalb der USA zeigt sich ein ebenso erfreuliches Bild. Die Gewinne in den Schwellenländern, allen voran Südkorea und Taiwan, legten ebenso deutlich zu (+27 %). Die Aktienmärkte beider Länder sind geprägt von Halbleiterspezialisten. Zu den bekanntesten Werten zählen SK Hynix, Samsung (beide Südkorea) oder auch TSMC (Taiwan). Sie legten allesamt starke Quartalsberichte vor.

In Europa hingegen wachsen die Gewinne nur halb so schnell (+11 %). Das liegt daran, dass die Anzahl an Profiteuren vom KI-Boom begrenzt ist. Aber jene, die einen Bezug zu KI haben, wie ASML, ASM International, Schneider Electric, STMicroelectronics, Nokia aber auch Nebius haben gute Resultate gezeigt.

  1. Trotz des Kriegs im Nahen Osten legen die US-Gewinnerwartungen weiter zu.

Die Blockade der Strasse von Hormus und die damit einhergehenden höheren Energiepreise hinterliessen bislang nur marginale Bremsspuren in den Unternehmensgewinnen. Dies mag daran liegen, dass der Krieg erst Ende Februar ausgebrochen ist. Doch die Führungsetagen zeigten sich insgesamt entspannt. Wörter wie «Öl», «Energie» oder «Kosten» werden weniger oft in den Berichten oder Telefonkonferenzen amerikanischer Unternehmen erwähnt als noch im Zuge des Ukrainekriegs.

Der Effekt im zweiten Quartal wird sicher höher ausfallen, denn nach wie vor bleibt der Schiffsverkehr eingeschränkt. Ungeachtet dessen wurden die US-Gewinnerwartungen für das Jahr 2027 in den letzten Wochen weiter angehoben. Das wirkt auf den ersten Blick paradox, hängt aber mit der Indexzusammensetzung zusammen.

Die Sektoren Energie und Grundstoffe gelten zwar als klare Profiteure, doch ihre Gewichte im MSCI USA sind überschaubar (zusammen zirka 5 %). Für fast die Hälfte der Gewinne sind die beiden Sektoren Informationstechnologie (IT) und Kommunikationsdienstleistungen verantwortlich. Sie profitieren von der Monetarisierung und weiteren Investitionen in die KI. Das verzerrt die Zahl des Gewinnwachstums für den breiten Markt. Solange also die Hyperscaler wie Alphabet, Amazon, Meta oder Microsoft massiv in den Aufbau von Rechenleistung investieren, dürfte das Gewinnwachstum hoch bleiben.

In Europa wurden die Gewinnerwartungen zwar ebenso erhöht, die Revisionen fielen aber deutlich geringer aus. Dabei wirken besonders die fehlende technologische Stärke, die höhere Abhängigkeit von Energiepreisen und das tiefere Wirtschaftswachstum belastend. Immerhin sind Energie und Grundstoffe höher gewichtet als im US-Markt mit knapp über 10 %, aber nicht richtungsweisend. Diese Umstände spiegeln sich in einem deutlichen Bewertungsabschlag von Europa (Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2026 von 15.7x) gegenüber den USA (22.5x) wider.

  1. Die Verbraucher hielten sich bereits vor dem Ölpreisschock zurück, der die Situation für Haushalte noch verschärft hat. Das lastet auf den Konsumsektoren.

Die Universität von Michigan vermeldete eine rekordtiefe Verbraucherstimmung in den USA. Auch in der Eurozone hat sie noch keinen Boden gefunden. Die Geschichte hat gezeigt, dass Ölpreisschocks zu einer tieferen Kaufkraft führen. Noch hat sich dies nicht bewahrheitet, weil die hohen Treibstoffpreise zwar die Stimmung, nicht aber die Ausgabenfreude der Konsumenten dämpfen.

Im Gegenteil, die US-Banken (JPMorgan Chase oder Citigroup) und Kreditkarteninstitute (Visa oder American Express) berichten weiterhin über robuste Verbraucherausgaben bei stabiler Kreditqualität. Die Effekte der höheren Benzinpreise werden erst verzögert sichtbar und wirken wie eine Steuer. Daher werden die kommenden Monate zu einem Test für den Konsum.

Einzelne Branchen spüren allerdings erste negative Effekte, speziell in Europa. Airlines wie easyJet oder auch Ryanair rechnen mit deutlich höheren Treibstoffkosten und berichten von zurückhaltenden Buchungen. Die bereits angeschlagene US-Airline Spirit musste nach mehreren Insolvenzverfahren endgültig den Betrieb einstellen. Zeitgleich rapportiert die Luxusbranche schwächere Umsätze. Hermes, Kering und LVMH beklagen Umsatzeinbussen, speziell im Nahen Osten. Auch die Gewinne bei den ebenfalls dem Konsumsektor zugerechneten deutschen Autobauern wie Volkswagen, Mercedes oder BMW bleiben unter Druck.

Dieses regional doch divergente Bild spiegelt sich in der Gewinnentwicklung für zyklische Konsumwerte wider. In den USA werden die Erwartungen weiter übertroffen, gestützt vor allem von den Schwergewichten Amazon und Tesla. In Europa hingegen leidet der Sektor.

  1. Gewinne steigen stärker als die Umsätze. Die Gewinnmargen in den USA stehen so hoch wie noch nie.

Im ersten Quartal verzeichneten US-Unternehmen eine rekordhohe Profitabilität (siehe Grafik). Die Margenausweitung wurde in den letzten Jahren speziell durch die Unternehmen in den Sektoren Technologie und Kommunikationsdienstleistungen und ihr höheres Indexgewicht getrieben. Mit Ausnahme von Finanzdienstleistungen, Immobilien, dem Gesundheitswesen sowie Energie stehen die Margen auch in anderen Sektoren auf so hohen Levels wie noch nie zuvor.

Solange Engpässe bei der benötigten Hardware für den Ausbau von Rechenzentren bestehen, profitieren Unternehmen von einem operativen Hebel aufgrund von höheren Umsätzen und gleichzeitig steigenden Preisen. Samsung beispielsweise hat die Preise für Speicherchips im ersten Quartal bereits verdoppelt und angekündigt, sie im nächsten Quartal um weitere 30 % zu erhöhen.

Auch in Europa befinden sich die Reingewinnmargen auf historisch hohen Levels. Aufgrund des tieferen Technologieanteils bleibt die Profitabilität dennoch fast drei Prozentpunkte tiefer. Die hohen Margen unterstützen also nach wie vor das globale Gewinnwachstum. Steigt die Inflation weiter und stagniert das Wirtschaftswachstum, droht Stagflation. In diesem Fall besteht das Risiko, dass die Erträge deutlich einbrechen.

  1. Norwegen als ultimativer Hedge, wenn die Sperre der Strasse von Hormus noch länger anhält.

Norwegische Aktien spielen in internationalen Portfolios normalerweise eine untergeordnete Rolle. Sie sind nur für 1 % der Kapitalisierung des MSCI Europa verantwortlich. Allerdings bietet der MSCI Norwegen aufgrund seiner einzigartigen Zusammensetzung einen idealen Schutz gegen den Konflikt im Nahen Osten.

Die Ölriesen Equinor und Aker BP, der Düngemittelhersteller Yara und der Aluminiumproduzent Norsk Hydro profitieren von höheren Rohstoffpreisen, solange der Schiffsverkehr eingeschränkt bleibt. Um Inflationsdruck zuvorzukommen, hat die norwegische Zentralbank den Leitzins bereits auf 4.25 % angehoben. Dies begünstigt das Zinsgeschäft der Universalbank DNB. Zusätzlich schlagen sich die geopolitischen Spannungen positiv auf die Verteidigungsausgaben und somit die Auftragsbücher von Kongsberg Gruppen nieder.

Die restlichen Indexmitglieder gelten als weniger zyklisch. Dazu gehören Mowi und SalMar (beide Lachszucht), Telenor (Telekom), Gjensidige (Versicherung) und Orkla (Nahrungsmittel).

Diese spezielle Indexzusammensetzung schlug sich bereits in einem starken Gewinnwachstum von über 30 % im ersten Quartal nieder. Aktuell lässt eine Lösung im Nahen Osten weiter auf sich warten. Davon könnten die Unternehmen weiter profitieren. Aktuellen Schätzungen zufolge dürfte die Ertragssteigerung in den kommenden Quartalen weiter an Fahrt aufnehmen.

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