VP Bank «Hinter der Schlagzeile»: Hohe Energiepreise und das Rätsel von Hormus

Jérôme Mäser, Senior Equity Analyst VP Bank. (Bild: VP Bank)

Von Jérôme Mäser, Senior Equity Analyst VP Bank

Vaduz – Eine Normalisierung der Energiemärkte ist in weite Ferne gerückt. Die Wintervorräte sind auch noch nicht aufgefüllt.

Nach einem halben Jahr Krieg bleibt gemäss offiziellen Daten der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus eingeschränkt. Da es den USA gelang, einen militärischen Schutzkorridor entlang der Küste von Oman einzurichten, erreichten die Lieferungen aus dem persischen Golf phasenweise Vorkriegsniveaus. Weil aus Sicherheitsgründen die Schiffe ihre Transponder ausmachen und die Ladungen zum Teil von Schiff-zu-Schiff weitergegeben werden, gibt es keine verlässlichen Daten, wie flüssig der Schiffsverkehr tatsächlich fliesst.

Trotz der besseren Versorgungssituation kann von einer Entspannung an den Energiemärkten keine Rede mehr sein. In den Abnehmerländern erreichen die Kosten fürs Tanken und Heizen mehrjährige Höchststände.

Wir beantworten fünf Fragen zur aktuellen Lage am Energiemarkt und ob der Kostendruck beim Endverbraucher weiter zulegen wird.

  1. Seit den Sommermonaten haben die Rohölpreise wieder deutlich angezogen. Was steckt dahinter?

Die Situation im Nahen Osten hat sich in den letzten Wochen wieder zugespitzt, denn der Iran nimmt vermehrt Ölinfrastruktur sowie Tanker ins Visier. Der Schiffsverkehr durch die Strasse von Hormus ging erneut zurück. Gleichzeitig musste Saudi-Arabien seine wichtigste Alternativroute, die Ost-West-Pipeline zum Roten Meer, schliessen.

Zudem hat China nach einer Pause wieder begonnen, Öl zu kaufen. Kommt hinzu, dass das Erdöl aus strategischen Vorräten, dessen Freigabe von der internationalen Energieagentur IEA koordiniert worden war, zu Neige geht. Vor diesem Hintergrund kletterte der Preis für ein Fass der europäischen Rohölsorte Brent abermals über 100 US-Dollar. Daher dürften vermehrt wieder die Nachrichtenlage im Nahen Osten und im Weissen Haus die Rohölpreise treiben.

  1. Die Preise an den Tankstellen oder für industrielle Abnehmer sind noch deutlicher gestiegen als der Rohölpreis. Woran liegt das?

Für die Unternehmen und Konsumenten sind die Preise von Produkten, wie Benzin oder Kerosin, relevant. Zwar bildet das Rohöl die Basis, doch der Aufschlag für die Verarbeitung, also die Raffineriemarge, aber auch der Dollar-Wechselkurs, Steuern und Vertriebskosten können für stärkere Preisbewegungen sorgen.

Kommt es zu grösseren Preisschwankungen, sind es die Raffinerien, die das Angebot der Ölprodukte steuern. Nach Angriffen auf russische und arabische Raffinerien ist derzeit allerdings die Kapazität eingeschränkt. Exportrestriktionen wie in China verknappen das Angebot von raffinierten Produkten zusätzlich. So leeren sich die Lager von Ölprodukten, und die Profitabilität bei der Verarbeitung steigt. Entsprechend ziehen die Preise für Ölprodukte (siehe Grafik) deutlich an.

  1. Die IEA hat ihre Erdöl-Nachfrageprognose für 2026 reduziert. Was bedeutet dies für die weitere Preisentwicklung?

Der Nachfragerückgang ist besonders auf das höhere Preisniveau von raffinierten Produkten zurückzuführen. Es lähmt besonders die energieintensive und zyklische Chemiebranche. Gleichzeitig steigen die Preise an den Tankstellen, weshalb Konsumenten teilweise auf nicht zwingende Fahrten mit dem Auto verzichten.

Da die Raffineriekapazitäten eingeschränkt sind, dürften die Ölproduktpreise hoch bleiben. Im Gegensatz dazu dürfte die hohe Auslastung bei Raffinerien den Rohölbedarf dämpfen. Anleger müssen sich in den kommenden Monaten auf eine höhere Volatilität des Ölpreises einstellen.

In der Zeit nach dem Irankrieg dürfte die Nachfrage gut unterstützt bleiben, denn die Welt wird Preisrücksetzer nutzen, um die strategischen Reserven wieder aufzufüllen. Dies ist mitunter auch einer der Gründe, warum sich die USA Zugang zu zirka einem Fünftel der venezolanischen Ölreserven verschafft haben. Kurzfristig ist die Erdölproduktionskapazität wohl ausgereizt und bedarf milliardenhoher Investments.

  1. Akut erscheint die Versorgungslücke am europäischen Gasmarkt. Können die Lager bis zum Winter gefüllt werden und was bedeutet das für den Energiemarkt?

Der europäische Gaspreis am wichtigsten Handelspunkt TTF (Niederlande) hat sich seit dem Jahresbeginn fast verdreifacht. Dahinter stecken ausgebliebene Lieferungen von Flüssiggas (LNG) aus Katar, die für mehrere Jahre unter dem Vorkriegsniveau bleiben werden.

  1. Was heisst das jetzt für mögliche Zweitrundeneffekte bei der Inflation?

Unternehmen wälzen bislang nur in beschränktem Umfang höhere Ölpreise auf ihre Produkte um. Unter Herausrechnung von Energie- und Nahrungsmittelpreisen (Kerninflationsrate) hat sich etwa in den USA der Teuerungsdruck zuletzt sogar abgeschwächt. Lag die Kerninflationsrate des Konsumentenpreisindex im Mai etwa noch bei 2.9 %, sind es mittlerweile noch 2.4 %. Auch in der Eurozone sind im bisherigen Jahresverlauf keine Zweitrundeneffekte auszumachen.

Unternehmensumfragen deuten aber daraufhin, dass es in den kommenden Monaten zumindest zu moderaten Preiserhöhungen aufgrund der Energiekosten kommen wird. Gerade der markante Preisanstieg im September dürfte es für Unternehmen unvermeidbar machen, ihre höheren Kosten weiterzugeben.Da die gestiegenen Preise an der Tankstelle und beim Heizölkauf gleichzeitig die Konsumbudgets der privaten Haushalte einschränken, ist im gegenwärtigen Umfeld eine vollständige Weitergabe der Energiepreise an die Endverbraucher eher schwierig.

Seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs ist die EU vermehrt auf LNG angewiesen. Wegen der hohen Preise in der ersten Jahreshälfte wurden die Lager nicht wieder befüllt. Aktuell befinden sich die Lagerstände auf saisonalen Tiefständen (siehe Grafik). Das Ziel, im Winter die Lager zu 90 % gefüllt zu haben, wird verfehlt werden. Bei einem regulären Winter sollten die Lager dennoch ausreichen. Weil die EU aber bis Ende 2027 vollständig auf russische Gasimporte verzichten will, bleiben die Gaspreise bis ins nächste Jahr auf hohen Niveau. Das spüren auch die Verbraucher im Strommarkt. (VP Bank/mc/ps)

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