Von Thomas Gitzel, Chief Economist VP Bank
Vaduz – Die Politik des amerikanischen Präsidenten kommt auf den Prüfstand. Am 3. November zeigen die Bürgerinnen und Bürger der USA bei den Zwischenwahlen, wie zufrieden sie mit der Regierungsarbeit sind. Die Zustimmungswerte des Republikaners Donald Trump erreichten seit Beginn der zweiten Amtszeit neue Tiefstände. Umfragen zufolge sorgen sich Amerikaner vor allem um die hohe Inflation, und der Krieg gegen den Iran ist unpopulär.
Im Repräsentantenhaus werden alle 435 Abgeordnete des Repräsentantenhauses neu gewählt, zudem stehen 35 der 100 Senatssitze zur Wahl. Es ist die Gelegenheit für die Wähler, dem Präsidenten einen Denkzettel zu verpassen. Zumeist spiegelt sich darin die Enttäuschung darüber, dass viele Versprechen im politischen Tagesgeschäft zerrieben wurden.
Laut Umfragen sind die Amerikaner gegenwärtig vor allem mit der Wirtschaftspolitik des Präsidenten unzufrieden. Donald Trump versprach niedrigere Preise, doch das Gegenteil ist der Fall: Das Leben verteuerte sich, zuletzt auch getrieben durch höhere Energiekosten. Insgesamt geben etwas mehr als 60 % der Befragten an, dass sie mit der Politik des Präsidenten unzufrieden sind.
Der Blick in die Historie zeigt, dass die Partei des amtierenden Präsidenten zwar bei den Zwischenwahlen oft Sitze verlor, doch seit dem Zweiten Weltkrieg gab es nur wenige «Wave Elections», die zu einem Mehrheitswechsel im Kongress führten. Derzeit halten die Republikaner in beiden Parlaments-Kammern die Mehrheit und haben entsprechend viel zu verlieren. Seit 1946 verlor die Partei bei den Midterms fast immer Sitze im Repräsentantenhaus. Nur 1998 unter Bill Clinton und 2002 unter George W. Bush gewann sie dort Sitze hinzu. Wir schauen uns die Szenarien an und leiten daraus mögliche Folgen für die Finanzmärkte ab.
Szenario 1: Republikaner verlieren die Mehrheit im Repräsentantenhaus, aber nicht den Senat
Umfragen lassen darauf schliessen, dass die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus an die Demokraten abgeben müssen. An den Wettmärkten ist man sich dessen sogar ziemlich sicher. Laut dem weltweit grössten Prognosemarkt Polymarkets liegt die Wahrscheinlichkeit für eine demokratische Mehrheit bei 92 %. Gleichzeitig ist nicht mit einem Erdrutschsieg der Demokraten zu rechnen. In vielen republikanisch geführten Bundesstaaten wurden die Grenzen der Wahlkreise verändert, was der Partei von Trump zusätzliche Sitze bescheren dürfte. Gleichzeitig ist nicht nur Trump unpopulär, sondern auch die demokratische Partei. Die Demokraten befinden sich in einem Richtungsstreit zwischen dem moderaten und dem linken Flügel.
Der Verlust der republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus erschwert die Umsetzung innenpolitischer Vorhaben des Präsidenten. Die Abgeordneten entscheiden über sämtliche Haushaltsfragen. Die Demokraten werden vermutlich zusätzlichen Ausgaben ohne Gegenfinanzierung nicht zustimmen. Damit nimmt das Risiko eines Shutdowns zu, also einer Schliessung von Bundesbehörden. Ein Shutdown wie zuletzt im Herbst 2025 droht, wenn es im Sommer 2027 erneut um eine Anhebung der Schuldenobergrenze des Bundesstaats geht. Eine Mehrheit könnten Demokraten im Unterhaus auch nutzen, um Untersuchungen einzuleiten. Es ist davon auszugehen, dass sie von diesem Mittel regen Gebrauch machen dürften.
Szenario 2: Republikaner verlieren die Mehrheit in beiden Kammern
Während die Demokraten im Repräsentantenhaus einen Sieg erringen dürften, ist der Ausgang der Senatswahlen weniger eindeutig. Aktuell stellen die Republikaner 53 der 100 Sitze im Senat. Die meisten der 35 zur Wahl stehenden Senatoren haben relativ sichere Mandate. Lediglich bei acht der im Senat zu vergebenden Sitze handelt es sich um ein offenes Rennen.
Um eine Mehrheit zu erreichen, müssten die Demokraten sieben dieser acht umkämpften Sitze gewinnen. Umfragen zufolge können sich die Demokraten aber durchaus Hoffnungen machen, auch den Senat zu erobern. An den Wettmärkten rechnet man mittlerweile mit einer Wahrscheinlichkeit von 65 % damit, dass die Demokraten eine Mehrheit bekommen werden. Durchaus denkbar wäre aber auch eine Pattsituation: Würden beide Parteien am Ende auf jeweils 50 Sitze kommen, hätten die Republikaner dennoch eine hauchdünne Mehrheit. Bei unentschiedenen Abstimmungen hat der Vizepräsident der USA als verfassungsmässiger Präsident des Senats den Stichentscheid.
Die Demokraten dürften aber ohnehin lediglich eine dünne Mehrheit im Senat erlangen. Damit würde ihre Machtfülle im Oberhaus eingeschränkt bleiben. Die Republikaner könnten nämlich mit einem «Filibuster» die Vorhaben der Demokraten weiter blockieren. Ein «Filibuster» ist eine parlamentarische Taktik, bei der Senatsabgeordnete eine Debatte durch unendliches Reden in die Länge ziehen, um so eine Abstimmung zu verhindern. Deswegen geht es bei den Midterms auch darum, ob eine Partei eine klare Mehrheit erlangt. Denn nur mit einer Mehrheit von 60 Sitzen kann sie die politische Blockade durch einen «Filibuster» beenden.
Mit einer einfachen Mehrheit könnten die Demokraten aber zumindest Ernennungen in der Administration des Präsidenten einschränken. Das Oberhaus muss die für zentrale Ämter vorgesehenen Kandidaten bestätitgen. Dies würde wiederum das Risiko von Eingriffen in die Unabhängigkeit zentraler Institutionen, etwa der Notenbank oder dem höchsten Gericht, verringern.
Szenario 3: Republikaner behalten die Mehrheit in beiden Kammern
Basierend auf den Umfragen ist dieses Szenario das unwahrscheinlichste. Würden die Republikaner in beiden Kammern die Mehrheit verteidigen, würde sich am Status Quo nichts ändern und Trump könnte weiterregieren wie bisher.
Folgen für die Finanzmärkte
Eine «geteilte Regierung», also dass der Präsident mit seiner Partei nicht beide Kongresskammern dominiert, war in den vergangenen 50 Jahren eher die Regel als die Ausnahme. Dabei waren dies für die Wirtschaft und auch für die Finanzmärkte gute Zeiten.
Ob dies diesmal ebenfalls der Fall sein wird, bleibt fraglich. Es könnte nämlich eintreffen, dass bei den Demokraten das linke Lager als Sieger hervorgeht und dadurch die Polarisierung weiter zunimmt. Sollte sich Trump angesichts steigender Zinskosten doch zu einer Konsolidierung des Bundeshaushalts entschliessen, dürften grössere Sparbemühungen am Widerstand des Kongresses scheitern.
Aktienmarkt: Im Schnitt positiv
Für die Aktienmärkte ist es gar nicht so entscheidend, wer wie viele Sitze gewinnt oder verliert. Denn in den letzten 75 Jahren gab es gemäss unserer Analyse in den 100 Tagen nach den Midterms immer ein Plus, und zwar ein kräftiges. Im Schnitt legte der S&P-500-Index um 10 % zu. Ein klares Muster hinsichtlich der Wertentwicklung in Jahren, in denen es anschliessend einen geteilten Kongress (Repräsentantenhaus und Senat von anderen Parteien kontrolliert) oder eine geteilte Regierung (Kongress nicht mehrheitlich von der Partei des US-Präsidenten kontrolliert) gibt es nicht.
Die Märkte konzentrieren sich weniger auf das Ergebnis selbst als vielmehr darauf, ob es den Erwartungen der Anleger entspricht. Eine Überraschung würde die Märkte mehr bewegen als ein Szenario, das bereits in den Kursen eingepreist ist. Ein demokratisches Repräsentantenhaus und ein republikanischer Senat sind das derzeit am meisten erwartete Resultat an den Finanzmärkten.
Ein klarer Sieg der Republikaner könnte die Anleger jedoch dazu veranlassen, die Aussichten für die Steuer-, Ausgaben- und Zollpolitik neu zu bewerten. Umgekehrt könnte ein stärker als erwartetes Abschneiden der Demokraten die Agenda der aktuellen Regierung einschränken und zu einer strengeren Kontrolle führen. In beiden Fällen würde die Reaktion der Märkte von den Auswirkungen auf die Inflation, die Zinssätze und die Unternehmensgewinne abhängen sowie davon, wie die Anleger im Vorfeld der Wahl positioniert waren.
Am deutlichsten könnten die Auswirkungen auf Sektorebene zu spüren sein. Verteidigungs- und Infrastrukturunternehmen reagieren empfindlich auf Änderungen von staatlichen Ausgaben, Energieunternehmen auf Zölle und Genehmigungsverfahren, Gesundheitsunternehmen sind abhängig von der Preisgestaltung bei Arzneimitteln sowie der Regulierungspolitik. Technologie- und andere Wachstumsunternehmen haben sich bei Kursanstiegen nach den Zwischenwahlen oft gut entwickelt, besonders wenn eine geteilte Regierung die Wahrscheinlichkeit umfassender politischer Veränderungen verringert. Entscheidend für ihre weitere Entwicklung wird sein, ob sie die Gewinnerwartungen erfüllen können und welchen Kurs die Zinssätze einschlagen.
US-Dollar: Keine Impulse zu erwarten
Im Umfeld von US-Zwischenwahlen wertete der Dollar seit den 1970er-Jahren im Mittel ab. Doch dies ist nur eine durchschnittliche Betrachtung. Eine klare Tendenz lässt sich mit Blick auf die einzelnen Wahljahre daraus nicht ableiten. Sofern die Wahlen den Erwartungen entsprechen und es im Anschluss nicht zu politischen Unruhen kommt, sind keine besonderen Auswirkungen auf den Dollar zu erwarten. Vielmehr dürfte der weitere geldpolitische Kurs der amerikanischen Notenbank (Fed) und die fiskalische Situation dies- und jenseits des Atlantiks entscheidend sein.
US-Staatsanleihen: Vom Kurs der Fiskalpolitik abhängig
Eine nachhaltige Konsolidierung der Staatsfinanzen dürfte bei einer geteilten Regierung ausbleiben, insbesondere dann, wenn sich innerhalb der demokratischen Partei das linke Lager als Sieger erweisen sollte. Für eine Konsolidierung bedarf es wohl einer einheitlichen Regierung, bei der das Weisse Haus und der Kongress mehrheitlich in den Händen einer Partei sind. Bisher zeigte das republikanische Lager kein Interesse daran, die Verschuldung zu bremsen. Das Budgetdefizit lag letztmalig im Jahr 2015 unter der Marke von 3 % des BIP. Seit dem Jahr 2016, dem Beginn der ersten Amtszeit von Donald Trump und der sich anschliessenden Corona-Pandemie, kam es zu einem beschleunigten Anstieg der Haushaltslöcher. Der US-Schuldenstand stieg in diesem Zeitraum von 100 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf 120 % des BIP.
Würden die Republikaner in beiden Kammern die Mehrheit behalten, könnten Sparbemühungen aber im Falle eines weiter steigenden Marktdrucks am ehesten durchgesetzt werden. Eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus könnte andererseits kostspielige Projekte des Präsidenten stoppen. Dies könnte zumindest dafür sorgen, dass die Staatsverschuldung nicht mit weiter deutlicher Dynamik zunimmt.
Für einen klaren Sparkurs bedarf es allerdings eines parteiübergreifenden Konsens, der sich derzeit nicht abzeichnet. An den Anleihemärkten dürfte sich deshalb nach den Zwischenwahlen nichts Grundlegendes ändern. Potenzielle weitere Zinserhöhungen der Fed und der Blick auf die Schuldensituation dürften den Anleihehandel treiben.
Das grosse Ganze nicht aus den Augen verlieren
So sehr an den Finanzmärkten nun die US-Zwischenwahlen in den Fokus gelangen und den Handel kurzfristig beeinflussen könnten: Langfristig bestimmt das fundamentale Umfeld das Geschehen an den Finanzmärkten. Dazu zählen die Entwicklung der Unternehmensgewinne, die Inflationserwartungen und auch die Ausrichtung der Notenbanken. Anleger sollten sich durch die Wahlen und etwaige höhere Volatilität nicht zu sehr beeinflussen lassen. (VP Bank/mc/ps)
