Wie verändert künstliche Intelligenz die Bildung

Ilija Bogunovic, Professor für Informatik und Elena Makarova, Professorin für Bildungswissenschaften an der Universität Basel. (Illustration: Astrid Nippoldt / Unibas)

Basel – KI-Systeme halten Einzug in die Bildungs- und Berufswelt. Was bedeutet das für Schulen und Universitäten? Einschätzungen aus den Bildungswissenschaften.

Ilija Bogunovic, Informatiker:

KI-Systeme halten Einzug in die Bildungs- und Berufswelt. Was bedeutet das für Schulen und Universitäten? Einschätzungen aus der Informatik.

Beinahe über Nacht ist künstliche Intelligenz aus den Forschungslabors ins Klassenzimmer gelangt. Systeme, die Aufsätze schreiben, Mathematik erklären, Code generieren oder Texte zusammenfassen, stehen heute allen mit Internetzugang zur Verfügung. Das zeigt: Bildung kann nicht so bleiben, wie sie ist.

In meiner eigenen Forschungsgruppe sind KI-Werkzeuge inzwischen Teil der täglichen Arbeit beim Programmieren und bei Experimenten und sie helfen, die wissenschaftliche Literatur zu verfolgen. Die Studierenden lernen nicht, ihr Denken an KI auszulagern, sondern gemeinsam mit ihr zu denken, schneller zu arbeiten und gleichzeitig kritisch zu bleiben gegenüber den Ergebnissen. Das verändert bereits jetzt, was es bedeutet, die nächste Generation von Forschenden auszubilden.

Unersetzliche Fähigkeiten

Jahrhundertelang bedeutete Bildung, Zugang zu Informationen zu haben. Lehrpersonen vermittelten Wissen, Studierende zeigten, dass sie verstanden hatten. Heute sind Informationen im Überfluss vorhanden. Wenn Software dialogfähig und generativ wird, verwischt die Grenze zwischen Werkzeug und Mitarbeiter.

Im Schach übertrifft KI seit Jahren selbst die besten menschlichen Spieler. Dennoch war der Sport noch nie so populär wie heute. KI hat das Spiel nicht zerstört, sondern verändert – und menschliche Spitzenleistungen haben sich mit ihr entwickelt. Das könnte auch bei der Bildung passieren: Wenn KI plausible Antworten erzeugen kann, müssen Studierende lernen, diese zu hinterfragen. Sie müssen Aussagen überprüfen, Fehler erkennen und Verzerrungen identifizieren. Die knappe Ressource ist nicht mehr Information, sondern Urteilskraft. In einer Welt, in der Antworten billig sind, wird die Fähigkeit, sie zu beurteilen, unbezahlbar.

Die Forschung arbeitet daran, KI-Systeme vertrauenswürdig zu machen und mit menschlichen Werten in Einklang zu bringen. Gerade die Schwierigkeit dieser Aufgabe erinnert uns daran, dass Intelligenz allein nicht ausreicht. Verantwortung bleibt menschlich. Bildung muss sich deshalb anpassen: interpretieren und kritisch sein anstatt auswendig lernen. KI-Kompetenz sollte zu einer grundlegenden Fähigkeit in allen Disziplinen werden. Schülerinnen und Schüler müssen lernen, automatisierte Systeme zu hinterfragen und Verantwortung für deren Einsatz zu übernehmen.

Gleichzeitig wird nicht jede Arbeit verschwinden. Berufe, die auf eindeutig menschlichen Fähigkeiten beruhen, könnten an Bedeutung gewinnen, von der Gesundheitsversorgung bis zu qualifizierten Handwerksberufen.

Zugleich eröffnet KI Chancen: Studierende in einer abgelegenen Region könnten eine individuelle Betreuung erhalten und Lehrpersonen könnten weniger Zeit für Routineaufgaben aufwenden und sich mehr dem widmen, was wirklich zählt: junge Menschen begleiten, herausfordern und unterstützen. Mit Bedacht eingesetzt, könnte KI Bildungsungleichheiten sogar verringern, statt sie zu vertiefen.


Elena Makarova, Bildungswissenschaftlerin:

Spätestens seit der Lancierung von ChatGPT und der raschen Verbreitung weiterer KI-basierter Anwendungen ist klar: Künstliche Intelligenz ist kein kurzfristiger Trend, sondern eine tiefgreifende Veränderung, die das Bildungssystem vor neue Herausforderungen stellt.

Mit dem zunehmenden Einsatz von KI im Alltag von Schülerinnen und Schülern rückt die digitale Ungleichheit stärker in den Vordergrund. Dabei geht es nicht nur darum, ob alle Lernenden, aber auch die Lehrpersonen Zugang zu zuverlässigen Geräten, Internet und KI-Tools haben. Entscheidend ist auch, ob der Unterricht so gestaltet wird, dass KI sinnvoll eingesetzt wird und ihre Ergebnisse kritisch hinterfragt werden können. Damit Jugendliche KI kompetent, kreativ und verantwortungsvoll nutzen können, braucht es eine verlässliche Infrastruktur, inklusive Lernumgebungen und die gezielte Förderung digitaler Kompetenzen.

Dazu gehört auch, zu verstehen, wie KI funktioniert. Schülerinnen und Schüler sollten nachvollziehen können, wie algorithmische Systeme Entscheidungen beeinflussen, wie Inhalte entstehen und verbreitet werden und wo Verzerrungen auftreten können. Ebenso wichtig ist, zu erkennen, welche Interessen und Wertvorstellungen in Technologien eingeschrieben sind.

In diesem Zusammenhang ist auch die im Lehrplan 21 verankerte «Berufliche Orientierung» gefordert. Entscheidend ist weniger, welche Berufe durch KI verschwinden oder entstehen. Wichtiger ist, wie sich bestehende Berufe verändern. Studien zeigen, dass Jugendliche ihre Berufswahl auch danach ausrichten, wie stark sie einen Beruf mit KI verbinden. Diese Einschätzung kann sie beim Übergang von der Schule in die Berufswelt verunsichern.

Berufliche Orientierung muss daher den Wandel der Arbeitswelt im Blick behalten und jungen Menschen realistische Einblicke geben. Gleichzeitig gilt es, alle Jugendlichen gleichermassen zu unterstützen und stereotype Vorstellungen zu hinterfragen – etwa dass Jungen technikaffiner seien und besser mit KI umgehen könnten als Mädchen. So lässt sich vermeiden, dass die Jugendlichen ihre Studien- und Berufswahl vorschnell einschränken.

Zugehörigkeit in digitalen und realen Räumen

Mit der zunehmenden Präsenz von KI verlagern sich zudem Zugehörigkeit, Anerkennung und soziale Orientierung vermehrt in digitale Räume und auf soziale Plattformen. Schulen sind deshalb stärker gefordert, Orte zu schaffen, an denen demokratische Werte, Vielfalt und ein Gefühl der Zugehörigkeit gestärkt werden. Das kann helfen, Fragmentierung, Ausgrenzung und Polarisierung entgegenzuwirken. Ziel ist es, die jungen Menschen zu befähigen, eine informierte, kritische und verantwortungsvolle Rolle in der Gesellschaft einzunehmen.

Nicht zuletzt erfordert der Einsatz von KI eine besondere Aufmerksamkeit, wenn es um die pädagogische Diagnostik geht. Die Beurteilung schulischer Leistungen beeinflusst Bildungswege und Lebenschancen. Wenn KI die Beurteilung (mit-) übernimmt, stellt sich die Frage nach Fairness und Gerechtigkeit. Deshalb braucht es transparente Kriterien, überprüfbare Verfahren und eine klare menschliche Verantwortung bei Entscheidungen. Nur so lässt sich vermeiden, dass bestehende soziale Ungleichheiten noch verstärkt und datenbasiert legitimiert werden.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass Bildungsinstitutionen ihren Umgang mit KI bewusst reflektieren und aktiv gestalten müssen – mit besonderem Fokus auf Bildungsgerechtigkeit und Inklusion. Gefordert sind alle Beteiligten im Bildungswesen; besonders wichtig ist jedoch die gezielte Professionalisierung von Lehrpersonen im Umgang mit KI. (Universität Basel/mc/ps)

Ilija Bogunovic ist Professor für Informatik an der Universität Basel. Er ist Experte für maschinelles Lernen, generative KI und Verstärkungslernen (Reinforcement Learning) in modernen KI-Systemen.

Elena Makarova ist Professorin für Bildungswissenschaften an der Universität Basel. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen Akkulturation und Adaptation im Kontext der Migration, Berufsorientierung und Gender sowie Wertebildung und Wertetransmission.

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