Zürich – Der weltweite Ausbau von Rechenzentren schreitet mit hohem Tempo voran und macht die Anlagen zunehmend zu kritischer Infrastruktur.
Bis 2030 entfallen mehr als 60 Prozent der neu geschaffenen Kapazitäten auf die USA und China. Gleichzeitig rückt die Klimaresilienz stärker in den Fokus, da fast 80 Prozent der weltweiten Rechenzentrumskapazitäten Naturgefahren ausgesetzt sind. Parallel dazu wächst der Versicherungsmarkt für Rechenzentren dynamisch: Sein Volumen dürfte sich bis 2030 auf 24 Milliarden US-Dollar mehr als verdoppeln. Angesichts potenzieller Schäden in dreistelliger Millionenhöhe durch Grossbrände oder Naturkatastrophen gewinnen Risikomanagement und Versicherungsschutz für Betreiber weiter an Bedeutung.
Künstliche Intelligenz treibt einen der grössten Infrastruktur-Investitionszyklen seit Jahrzehnten voran. Zugleich läutet der rasante weltweite Ausbau von Rechenzentren laut dem aktuellen Bericht «Allianz Commercial The data center construction boom: risks and claims trends» eine neue Ära von Bau-, Betriebs-, Klima- und Versicherungsrisiken ein. Die jährlichen Investitionen in Rechenzentren verdoppeln sich Prognosen zufolge von rund 500 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 bereits 2027 auf über eine Billion US-Dollar. Die Investitionsmöglichkeiten reichen weit über Serverräume hinaus und umfassen Stromerzeugung, Netzinfrastruktur, Kühlung, Vernetzung und Halbleiter.
Nächste Investitionswelle wird globaler
Laut Allianz Research werden die USA und China bis 2030 voraussichtlich rund 62 Prozent der weltweit neu hinzukommenden Kapazitäten ausmachen, doch die nächste Investitionswelle nimmt zunehmend globale Ausmasse an. In Europa bleiben Deutschland, das Vereinigte Königreich und Irland wichtige Märkte, doch wird ein schnelleres Wachstum in Spanien, Finnland und Dänemark erwartet, wo die Stromverfügbarkeit und die Genehmigungsbedingungen günstiger sein können. Im asiatisch-pazifischen Raum, ohne China, wird die installierte Leistung voraussichtlich von derzeit rund 9 GW auf über 28 GW bis 2030 steigen, wobei sich das Wachstum in Malaysia voraussichtlich mehr als verzehnfacht.
«KI verwandelt die neueste Generation von Rechenzentren von einer spezialisierten Immobilienanlage in eine geschäftskritische Infrastruktur», sagt Thomas Lillelund, CEO von Allianz Commercial. «Das Investitionsvolumen ist aussergewöhnlich, da sich diese Zentren von der traditionellen Datenspeicherung hin zu Anforderungen an Hochleistungsrechner entwickeln. Doch der Erfolg wird zunehmend von der Ausfallsicherheit abhängen. Dazu zählen Stromversorgung, zuverlässige Lieferketten, solide Baukontrollen sowie klimabewusste Standortwahl und Versicherungsprogramme, die das Akkumulationsrisiko widerspiegeln. Tatsächlich ist ein umfassender Versicherungsschutz mittlerweile eine Voraussetzung für die Finanzierung vieler gross angelegter KI-Infrastrukturprojekte geworden.»
Resilienz muss für den Betrieb von Rechenzentren im Mittelpunkt stehen
Die grössten Herausforderungen der Branche sind zunehmend physischer und weniger finanzieller Natur. Wettbewerbsvorteile hängen immer stärker vom Zugang zu Strom, Netzanschlüssen, Genehmigungen, Spezialausrüstung und qualifizierten Arbeitskräften ab. Allein in den USA sieht sich die Bauindustrie mit einem Mangel von rund 439.000 Fachkräften konfrontiert, während im Jahr 2026 schätzungsweise 349.000 zusätzliche Arbeitskräfte benötigt werden könnten.
Klimaresilienz wird zunehmend zu einer strategischen Überlegung und ist nicht mehr nur ein nachträglicher operativer Aspekt. Rund 79 Prozent der weltweiten Rechenzentrumskapazität befinden sich bereits in Gebieten mit erhöhtem Naturkatastrophenrisiko, während 54 Prozent chronischer Hitze- und Dürrebelastung ausgesetzt sind. Einige der am schnellsten wachsenden Märkte für KI-Infrastruktur sind Klimarisiken am stärksten ausgesetzt, darunter Nord-Virginia (USA), Johor (Malaysia) und Marseille (Frankreich). Die akute Gefährdung durch Überschwemmungen, Waldbrände und Stürme ist in Nord- und Südamerika am höchsten und betrifft 86 Prozent der Kapazität. Dabei sind chronische Hitze- und Dürrebelastungen im asiatisch-pazifischen Raum am stärksten ausgeprägt, wo 89 Prozent der Kapazität davon betroffen sind.
Globaler Markt für Rechenzentrumsversicherungen wird sich bis 2030 mehr als verdoppeln
Weil Rechenzentren eine immer wichtigere Rolle in der Infrastruktur einnehmen, ist ein umfassender Versicherungsschutz zu einer Voraussetzung für die Finanzierung vieler gross angelegter KI-Infrastrukturprojekte geworden. Die Baukosten für einen einzelnen KI-Campus können 20 Milliarden US-Dollar übersteigen. Die Versicherungswerte wachsen nach der Installation von Hochleistungsrechnern ebenfalls erheblich. Der weltweite Markt für Rechenzentrumsversicherungen wird voraussichtlich von derzeit rund elf Milliarden US-Dollar auf über 24 Milliarden US-Dollar bis 2030 wachsen. Dies spiegelt den raschen Kapazitätsausbau, steigende Versicherungswerte und zunehmende betriebliche Komplexität wider.
Die Nachfrage erstreckt sich über den traditionellen Sachversicherungsschutz hinaus auf integrierte Lösungen, die Bau, Technik, Betriebsunterbrechung, Cyber- und Haftpflichtversicherung umfassen. Gleichzeitig stehen Bereiche wie Energieversorgungssicherheit, Betriebskontinuität und Technologierisiken im Fokus. Feuer bestimmt die Schadensschwere, Wasserschäden treten am häufigsten auf.
Eine Allianz Commercial-Analyse von Schadensfällen der Industrieversicherungsbranche mit Bezug zu Rechenzentren zeigt, dass Feuer der Hauptfaktor für die Schadensschwere ist und weit über 50 Prozent der Schäden in Höhe von rund 800 Millionen US-Dollar ausmacht. Naturkatastrophen stehen an zweiter Stelle, gefolgt von vorsätzlichen Handlungen, zu denen Kriminalität und Cybervorfälle zählen, sowie Stromausfällen. Wasserschäden sind die häufigste Ursache für Schadensfälle in Rechenzentren, gefolgt von vorsätzlichen Handlungen, Bränden und Geräteausfällen. Betriebsunterbrechungen sind der Hauptfaktor für die Schadensschwere nach Versicherungssparten, was die erheblichen finanziellen Auswirkungen von Betriebsausfällen verdeutlicht.
Das Risikoprofil von Rechenzentren verändert sich, da die Anlagen immer grösser, komplexer und zunehmend voneinander abhängig werden. Hyperscale- und Colocation-Standorte können mehrere Mieter, Bauarbeiten, Server, Versorgungsanlagen und die Infrastruktur vor Ort in einem physischen oder betrieblichen Raum zusammenführen. Ein einzelnes Ereignis kann daher Schadensfälle in den Sparten Sach-, Bau-, Betriebsunterbrechungs-, Haftpflicht-, Cyber- und Finanzversicherungen auslösen. Fallstudien aus der Praxis zeigen, dass in Hyperscale-Einrichtungen Schäden an externen Kühlsystemen, Brandschäden sowie eine durch Stromstörungen verursachte Verzögerung der Inbetriebnahme jeweils zu Schäden in einer Grössenordnung von 50 bis 100 Millionen US-Dollar geführt haben.
«Für Versicherer ist nicht nur der Wert des Gebäudes entscheidend, sondern auch die Konzentration von Wert und Abhängigkeiten innerhalb und um das Gebäude herum. Stromversorgung, Kühlung, Batterien, Glasfaserverlauf, Test- und Inbetriebnahmephasen sowie die Planung der Geschäftskontinuität sind allesamt Teil desselben Risikobildes. Eine wirksame Risikominderung muss frühzeitig beginnen und sich über den gesamten Lebenszyklus des Rechenzentrums erstrecken. Die Ausfallsicherheit muss bereits in der frühesten Planungsphase einkalkuliert werden», erklärt Christian Kolbe, Global Head of Construction Claims bei Allianz Commercial. (Allianz/mc/pg)
