Künstliche Intelligenz wird die Art und Weise verändern, wie Unternehmen arbeiten, Dienstleistungen erbringen und Wertschöpfung organisieren. Die Technologie wird zunehmend als eine generationenprägende Entwicklung betrachtet, deren Auswirkungen weit über den Technologiesektor hinausreichen. Dennoch wird die Diskussion an den Kapitalmärkten häufig auf eine einfache Frage reduziert: Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer?
von Vishal Bhatia, Senior Fondsmanager bei J O Hambro
Diese Entwicklung führt dazu, dass Anleger zunehmend ganze Themenkörbe handeln, anstatt die Fundamentaldaten einzelner Unternehmen zu analysieren. Unternehmen werden als KI-Gewinner gekauft oder als KI-Verlierer verkauft, unabhängig davon, wie sich ihre operative Entwicklung tatsächlich verändert. Dadurch können Fehlbewertungen entstehen.
Gewinner und Verlierer sind nicht immer eindeutig
Der Markt neigt dazu, den einfacheren Weg zu wählen und Unternehmen als Gewinner oder Verlierer eines Trends einzuordnen. Dabei besteht die Gefahr, dass Veränderungen innerhalb der Unternehmen übersehen werden. Restrukturierungen, Managementwechsel oder die Anpassung von Geschäftsmodellen finden häufig weniger Beachtung als die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Narrativ.
Ein Beispiel dafür sind Unternehmen wie WPP oder Pearson. Beide werden seit dem Aufkommen generativer KI häufig als potenzielle Verlierer der Entwicklung betrachtet. Gleichzeitig haben sie Restrukturierungen angestossen, Managementwechsel vollzogen und investieren in den Einsatz neuer Technologien. Dennoch werden diese Veränderungen von vielen Marktteilnehmern bislang nur begrenzt berücksichtigt.
KI-Infrastruktur als Chance am britischen Aktienmarkt
Gleichzeitig konzentriert sich die Aufmerksamkeit stark auf die unmittelbaren Profiteure der KI-Entwicklung. Dabei gerät häufig in den Hintergrund, dass eine KI-getriebene Wirtschaft umfangreiche Investitionen in Infrastruktur benötigt. Daten müssen verarbeitet, übertragen und gespeichert werden. Darüber hinaus steigt der Bedarf an Energieversorgung und Rechenkapazität. Gerade am britischen Aktienmarkt finden sich zahlreiche Unternehmen, die von diesen Entwicklungen profitieren könnten. Viele von ihnen sind zwar in London notiert, erzielen ihre Umsätze jedoch weltweit und sind in Bereichen wie Datennetzen, Energieversorgung oder industrieller Infrastruktur tätig.
Von dieser Entwicklung könnten Unternehmen profitieren, die die notwendigen Grundlagen bereitstellen. BT investiert über Openreach in den Ausbau der britischen Glasfaserinfrastruktur und adressiert damit den steigenden Bedarf an leistungsfähigen Datennetzen. Gleichzeitig rücken Unternehmen wie Rolls-Royce in den Fokus, die von der wachsenden Nachfrage nach Energieinfrastruktur profitieren könnten, etwa durch Notstromsysteme für Rechenzentren oder langfristig durch Small Modular Reactors.
Auch in anderen Branchen eröffnet KI neue Möglichkeiten. Banken wie Barclays und Standard Chartered nutzen die Technologie zunehmend, um Prozesse effizienter zu gestalten und Kostenstrukturen zu verbessern. Die Auswirkungen künstlicher Intelligenz beschränken sich damit nicht auf den Technologiesektor, sondern reichen weit in traditionelle Wirtschaftsbereiche hinein.
Fehlbewertungen durch einfache Narrative
Das aktuelle Marktumfeld ist von hoher Unsicherheit geprägt. In solchen Phasen neigen Anleger dazu, komplexe Entwicklungen auf einfache Narrative zu reduzieren. Die langfristigen Auswirkungen künstlicher Intelligenz dürften jedoch deutlich breiter ausfallen, als es die aktuelle Diskussion über Gewinner und Verlierer vermuten lässt. Chancen könnten nicht nur bei den offensichtlichen Profiteuren entstehen, sondern auch bei Unternehmen, die die notwendige Infrastruktur bereitstellen oder KI nutzen, um ihre Wettbewerbsposition zu stärken. (mc/pg)
