Mit dem gestrigen Beginn der Zeichnungsphase wird aus Unitrees technologischem Erfolg ein konkreter Investment Case. Der Zeichnungspreis wurde auf CNY 150,80 je Aktie festgelegt, was einer Bewertung von rund USD 9 Mrd. entspricht. Für Anleger stellt sich somit nicht nur die Frage, welches Potenzial humanoide Roboter besitzen, sondern auch, ob die technologische Position und die Wachstumsperspektiven von Unitree bereits ausreichen, um diesen Preis zu rechtfertigen.
Von Serge Nussbaumer, Head Public Solutions und Kapitalmarktexperte bei Maverix
Dabei ist eine Unterscheidung entscheidend: jene zwischen Hardware-Kompetenz und tatsächlicher Arbeitsautonomie. Bei Kosten, Dynamik und Skalierbarkeit gehört Unitree zu den führenden Anbietern. Bei autonomer Arbeit ist dagegen nicht nur Unitree, sondern die gesamte Branche deutlich weniger weit, als es spektakuläre Demonstrationen vermuten lassen.
Unitrees Stärke liegt bei Hardware, Kosten und Skalierung
Unitrees grösster Wettbewerbsvorteil ist kostengünstige und gleichzeitig leistungsfähige Hardware. Die vertikale Integration und Chinas dichte Zulieferbasis ermöglichen aggressive Preise. So startet der G1 bei USD 13.500 und der R1 bei USD 4.900.
Auch bei den Stückzahlen gehört Unitree zur Spitzengruppe, wobei die verfügbaren Daten mit Vorsicht zu interpretieren sind. Das Unternehmen nennt für das Jahr 2025 rund 5.500 ausgelieferte Humanoide. Omdia schätzt hingegen nur etwa 4.200 und sieht AgiBot mit 5.168 Einheiten vor Unitree. Allein diese Unterschiede zeigen, wie wenig ausgereift selbst die Marktstatistik dieser jungen Industrie noch ist.
Gegenüber den chinesischen Wettbewerbern AgiBot und UBTech kann Unitree vor allem mit Kosten, Markenbekanntheit und einer breiten Entwicklerbasis punkten. UBTech verfügt allerdings über konkretere industrielle Referenzen. US-Anbieter wie Figure AI und Agility Robotics sind wiederum weiter darin, Humanoide in reale Arbeitsprozesse zu integrieren, beispielsweise Figure bei BMW und Digit von Agility bei GXO.
Unitree ist somit bei Hardware, Kosten und Skalierung stark. Der entscheidende Rückstand liegt bei nachgewiesener autonomer Arbeit. Die Beteiligung von DeepSeek könnte dabei helfen, diesen Abstand zu verkleinern. Ob sich daraus tatsächlich ein nachhaltiger Wettbewerbsvorteil ergibt, ist jedoch bislang nicht bewiesen.
Zwischen spektakulären Videos und produktiver Arbeit liegt noch ein weiter Weg
Die kommerzielle Realität ist derzeit deutlich nüchterner als viele Demonstrationen humanoider Roboter suggerieren. In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 entfielen rund 73,6 % der Umsätze mit humanoiden Robotern auf Forschung und Bildung. Industrielle Anwendungen machten lediglich rund 9 % aus.
G1 und H1 sind deshalb heute vor allem Entwicklungsplattformen für Universitäten, Forschungslabore und KI-Unternehmen. Der eigentliche wirtschaftliche Durchbruch wäre der Schritt vom Forschungsroboter zum produktiven Einsatz in Fabriken und Logistikzentren. Genau dieser Schritt ist noch nicht geschafft. Gehen und dynamische Bewegungen funktionieren bereits beeindruckend gut. Zuverlässige Manipulation und autonome Entscheidungsfindung bleiben dagegen eine wesentlich grössere Herausforderung.
Für Anleger dürften deshalb künftig nicht Videos oder Stückzahlen allein entscheidend sein. Wichtiger sind autonome Arbeitsstunden, Erfolgsquoten, die Kosten je Arbeitsstunde und die Amortisationszeit beim Kunden. An diesen Kennzahlen wird sich letztlich zeigen, ob humanoide Roboter tatsächlich zu einer neuen industriellen Plattform werden.
Der US-Markt wird zunehmend zum geopolitischen Risiko
Neben Technologie und Kommerzialisierung müssen Anleger zum Zeichnungsstart auch die wachsenden regulatorischen Risiken berücksichtigen. Seit Juli 2026 stehen «foreign-produced advanced robotic devices» auf der Covered List der FCC. Betroffene neue Modelle können damit grundsätzlich keine reguläre «FCC Equipment Authorization» mehr erhalten. Bestehende Zulassungen bleiben zunächst bestehen und es sind Ausnahmen möglich.
Dies ist für Unitree relevant, derzeit aber nicht existenzbedrohend. Im Jahr 2025 entfielen rund 13,3 % des Umsatzes auf die USA, während insgesamt mehr als 40 % international erzielt wurden.
Das grössere Risiko ist strategischer Natur. Humanoide Roboter sammeln über Kameras, Sensoren und teilweise Cloud-Anbindungen sensible Daten. Chinesische Roboter könnten deshalb in westlichen Industrieanlagen zunehmend als Sicherheitsrisiko betrachtet werden. Der US-Markt sollte im Investment Case folglich nicht als uneingeschränkte Wachstumsoption betrachtet werden. Eine geopolitische Teilung des Robotikmarktes ist ein reales Downside-Risiko.
Ein starkes Unternehmen ist nicht automatisch eine attraktive Aktie
Unitree ist ein attraktives Unternehmen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die Aktie zum Zeichnungspreis von CNY 150,80 ebenfalls attraktiv ist.
Im Jahr 2025 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund CNY 1,7 Mrd., davon CNY 867,8 Mio. mit Humanoiden. Gleichzeitig sank der bereinigte Gewinn im ersten Quartal 2026 um rund 53 %, während die F&E-Ausgaben und der Preisdruck zunahmen.
Bei einer Bewertung von rund USD 9 Mrd. liegt genau hier die zentrale Asymmetrie des Investment Case. Die Argumente dafür, warum Unitree ein interessantes Unternehmen ist, sind derzeit überzeugender als jene, die dafür sprechen, Unitree zu diesem Preis zu kaufen. Entscheidend wird sein, ob dem Unternehmen der Übergang vom Hardwareverkauf zu produktiver Autonomie und zu wiederkehrenden, margenstärkeren Erlösen aus Software, Wartung und Flottenmanagement gelingt. Dieser Übergang ist bislang nicht bewiesen.
Zu Beginn der Zeichnungsphase lautet die entscheidende Investmentfrage deshalb nicht, ob Unitree gute Roboter bauen kann. Das kann es. Entscheidend ist, ob das Unternehmen schnell genug produktive, autonome Arbeit und attraktive Margen aus kostengünstiger Hardware generieren kann, um einen Zeichnungspreis von CNY 150,80 und damit eine Bewertung von rund USD 9 Mrd. zu rechtfertigen. Unitree bietet Anlegern damit Zugang zu einem der spannendsten Wachstumsmärkte der kommenden Jahre – allerdings zu einem Preis, der bereits einen erheblichen Teil dieser Zukunft vorwegnimmt.
