Dass der Kurs eines Small Caps nach überraschend guten oder schlechten Zahlen um 10% steigt oder fällt, ist üblich und nicht weiter erwähnenswert. Dass ähnliche oder noch stärkere Preisbewegungen in hochliquiden Märkten immer häufiger vorkommen, ist dagegen kein gutes Zeichen.
von Thomas Stucki, CIO der St. Galler Kantonalbank
Wenn die Rendite des 10-jährigen US-Treasury, wahrscheinlich das volumen-stärkste Wertpapier der Welt, nach der Veröffentlichung einer etwas höheren Inflationsrate 14 Basispunkte steigt, um in den nächsten Stunden dann 30 Basispunkte zu verlieren, hat nichts mehr mit einer rationalen Informationsverarbeitung zu tun. Wenn die Aktie von Microsoft mit einem täglichen Handelsvolumen von gut 10 Mrd. US-Dollar nach zugegebenermassen positiven Gewinnzahlen um 25% steigt und an diesem Tag Aktien im Wert 50 Mrd. US-Dollar gehandelt werden, ist das nicht die Folge der Neueinschätzung einer Firma, die man bestens kennt. Dass der Euro zum Franken aus heiterem Himmel innert Kürze mehr als einen Rappen verliert, nur weil die Risikoprämie französischer Anleihen steigt, obschon das in den Tagen zuvor nur Insider interessierte, stärkt das Vertrauen in den Devisenmarkt auch nicht. Die Reihe solcher Marktbewegungen liesse sich vielfältig fortsetzen.
Durch die Liquiditätsschwemme der Zentralbanken seit der Finanzkrise ist sehr viel Geld im Finanzsystem vorhanden. Ein rechter Teil dieses Geldes liegt bei Investoren und Anlagevehikeln, die sich dem kurzfristigen Trading auf der Basis von Modellsignalen verschrieben haben. Diese Modelle legen ihre Anlageentscheide nicht auf der Basis wirtschaftlicher Daten fest. Vielmehr suchen sie nach Preiskonstellationen in den verschiedenen Märkten, die sie als attraktiv erachten.
Da die verschiedenen Modelle meistens ähnlich aufgebaut sind, kommen sie zu ähnlichen Schlüssen. Wenn dann über die Derivatmärkte die vorhandene Geldmasse noch multipliziert wird, werden innert Kürze Handelsvolumen ausgelöst, die kein Markt, sei er noch so liquide, auffangen kann.
Passives Investieren hat seine Nebenwirkungen
Es gibt gute Gründe für grosse Investoren, ihr Portfolio passiv zu verwalten und irgendwelche Indizes nachzubauen. Für die Finanzmärkte ist dieser Trend zunehmend jedoch ein Problem. Die Investoren interessieren sich nicht mehr für die Pros und Cons ihrer Investitionen und ihre Entscheidungen werden zunehmend gleichgeschaltet. Ob die passiven Investoren in einem Markt als Käufer oder Verkäufer auftreten, wirkt sich meistens erst am Tagesende aus, wenn in der Schlussauktion die Zu- und Abflüsse in den passiven Produkten ausgeglichen werden. Zunehmend fehlen aber die Investoren, die bei Ereignissen zu unterschiedlichen Interpretationen der wirtschaftlichen Folgen für ein Unternehmen, einen Staat oder eine Währung kommen. So fehlt häufig auch die Gegenposition, die eine starke Marktbewegung auffangen kann.
Chancen für den «Rationalen Investor»
Die Zahl der abrupten und starken Marktbewegungen wird nicht abnehmen. Durch den zunehmenden Einfluss von KI-Modellen bei den Anlageentschieden wird deren Häufigkeit eher steigen. Wie soll der in der Finanzliteratur viel beschworene «Rationale Investor» damit umgehen? Das Positive ist, dass solche Preisbewegungen wieder ausgeglichen werden, wenn ihnen die wirtschaftliche Grundlage fehlt. Am Ende entscheidet die wirtschaftliche Stärke oder Schwäche über den Wert eines Unternehmens und die konjunkturellen Rahmenbedingungen über die Zinsen und die Wechselkurse. Eine Möglichkeit ist daher, das nervöse Handeln zu ignorieren und sein Portfolio auf die mittelfristigen Wachstumsaussichten für die Wirtschaft auszurichten. Ich empfehle, den Kern des Portfolios so zu bewirtschaften. Mit einer zusätzlichen Handelskasse bieten solche Preissprünge aber auch Gelegenheiten, Übertreibungen gewinnbringend auszunützen. (SGKB/mc)
