EU baut mit Mercosur-Staatenbund weltweit grösste Freihandelszone auf

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. (© European Union, 2019)

Brüssel / Buenos Aires – Die EU und der südamerikanische Staatenbund Mercosur wollen gemeinsam die grösste Freihandelszone der Welt aufbauen. Nach jahrelangen Verhandlungen sei eine politische Einigung erzielt worden, teilte die EU-Kommission am Freitagabend mit. Kommissionschef Jean-Claude Juncker sprach von einem «historischen Moment». Dies seien grossartige Nachrichten für Unternehmen, Arbeitnehmer und die Wirtschaft auf beiden Seiten des Atlantik.

«Historisch! Dies wird eines der wichtigsten Handelsabkommen aller Zeiten sein und unserer Wirtschaft enorme Vorteile bringen. Grossartiger Tag», schrieb der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro auf Twitter. «Ich habe versprochen, mit der ganzen Welt Handel zu treiben, ohne ideologische Vorurteile. Wir werden unsere Wirtschaft öffnen und Brasilien zum Besseren verändern.»

Jahrzehntelange Verhandlungen
Die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur-Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay liefen mit Unterbrechungen bereits seit dem Jahr 2000. Das Abkommen soll über den Abbau von Zöllen und anderen Handelshemmnissen den Warenaustausch stärken und Unternehmen Kosteneinsparungen in Milliardenhöhe bringen. Der Staatenbund Mercosur ist mit einer Bevölkerung von mehr als 260 Millionen Menschen einer der grossen Wirtschaftsräume der Welt. Die EU kommt sogar auf mehr als 512 Millionen Einwohner.

Das Abkommen mit der Mercosur-Gruppe soll das grösste werden, das die EU jemals vereinbart hat. Bislang ist dies das Abkommen mit Japan, das am 1. Februar in Kraft trat und damit die grösste Freihandelszone der Welt schuf.

Nach der Einigung werden die Vertragspartner den Entwurf nun juristisch prüfen und das endgültige Abkommen ausformulieren, wie die EU-Kommission mitteilte. Dann wird der Vertrag dem Europäischen Parlament und den nationalen Parlamenten zur Ratifizierung vorgelegt.

EU für Mercosur wichtigster Handels- und Investmentpartner
Die Exporte von EU-Unternehmen in die vier Mercosur-Staaten beliefen sich 2018 auf rund 45 Milliarden Euro, in die andere Richtung waren es Ausfuhren im Wert von 42,6 Milliarden Euro. Für den lateinamerikanischen Staatenbund ist die EU bereits heute der wichtigste Handels- und Investmentpartner.

Die Mercosur-Staaten exportieren vor allem Nahrungsmittel, Getränke und Tabak in die EU. Von dort gehen wiederum vor allem Maschinen, Transportausrüstungen sowie Chemikalien und pharmazeutische Produkte nach Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. «Der Vertrag hat ein enormes Potenzial, um die Investitionen zu erhöhen. Das ist fundamental, um nachhaltiges Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen sowie die Armut in unserem Land zu bekämpfen», schrieb der argentinische Finanzminister Nicolás Dujovne am Freitagabend auf Twitter.

Allerdings gibt es auch Kritik an dem Freihandelsabkommen. Viele europäische Landwirte befürchten, dem Wettbewerb mit den Agrargrossmächten aus Südamerika nicht gewachsen zu sein. Im Gegensatz zu anderen Branchen gilt der Agrarsektor in der Region als ausgesprochen wettbewerbsfähig. Zum einen wird im Mercosur in deutlich grösserem Massstab produziert, was Kostenvorteile mit sich bringt. Zudem gehen die Landwirte in der Region sehr grosszügig mit Pflanzenschutzmitteln und Gentechnik um, was viele Verbraucher in Europa kritisch sehen.

Verbraucherschützer kritisieren, dass für das Abkommen die in Europa recht hohen Standards abgesenkt werden könnten, um den Exporteuren aus den Mercosur-Ländern den Marktzugang zu erleichtern.

Abkommen zulasten des Regenwalds?
Umweltschützer befürchten, dass die neuen Absatzmärkte für Fleisch- und Sojaexporte aus Brasilien dazu führen könnten, dass die Weide- und Anbauflächen erweitert werden und dafür der Amazonas-Regenwald weiter abgeholzt wird. Brasiliens Präsident Bolsonaro gilt als Freund der Agrarindustrie, Umweltschutz hingegen gehört nicht zu seinen Prioritäten. Das könnte weltweite Auswirkungen haben, da der Regenwald als CO2-Speicher eine grosse Bedeutung im globalen Kampf gegen die Klimaerwärmung hat.

Neben der wirtschaftlichen Dimension hat das geplante Abkommen auch eine politische. Die EU will angesichts der aktuellen Politik der USA ein Zeichen für freien und fairen Handel setzen – vor allem, nachdem US-Präsident Donald Trump die Pläne für das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP einstampfte und auch die US-Beteiligung am Pazifik-Handelsabkommen TPP aufkündigte. «Inmitten internationaler Handelsspannungen senden wir das starke Signal, dass wir für regelbasierten Handel stehen», schrieb Juncker. (awp/mc/ps)

Exit mobile version