Beat Röthlisberger, CEO Postfinance, im Interview

Beat Röthlisberger

Beat Röthlisberger, CEO PostFinance. (Foto: zvg)

von Sandra Willmeroth

Herr Röthlisberger: PostFinance hat im ersten Halbjahr 2026 einen Reingewinn von 103 Millionen Franken erwirtschaftet. Wie beurteilen Sie dieses Resultat?

Beat Röthlisberger: Wir sind grundsätzlich zufrieden, denn wir sehen, dass unsere Strategie Wirkung entfaltet. Die Kundenvermögen wachsen, die Nutzung von Anlage- und Vorsorgelösungen nimmt zu und die Diversifikation der Ertragsbasis schreitet voran. Zudem stimmt die Kostendisziplin. Die Kundenvermögen stiegen gegenüber Ende 2025 um 3,7 Milliarden Franken auf 117,5 Milliarden Franken. Besonders dynamisch entwickelte sich das Anlagegeschäft: Die zinsunabhängigen Kundenvermögen erhöhten sich um 2,1 Milliarden Franken auf 25,3 Milliarden Franken. Die Neugeldzuflüsse in Anlageprodukte verdoppelten sich gegenüber dem Vorjahr auf 0,5 Milliarden Franken.

Der Netto-Zinserfolg lag im ersten Halbjahr bei 285 Millionen Franken und damit leicht unter dem Vorjahreswert. Wie lange kann PostFinance angesichts sinkender Leitzinsen noch von diesem Rückenwind profitieren, und wo sehen Sie die grössten Risiken für die Margenentwicklung?

Im Vorjahr begünstigte ein einmaliger Umstellungseffekt das Ergebnis. Bereinigt um diesen Effekt konnte der Zinserfolg im ersten Halbjahr 2026 sogar leicht gesteigert werden. Das Zinsdifferenzgeschäft bleibt eine unserer wichtigsten Ertragsquellen. Das momentan volatile Marktumfeld und die sinkenden Zinsen stellen deshalb zweifelsfrei eine Herausforderung dar. Dank unserer langfristigen, ausgewogenen Anlagestrategie und der starken Kapitalbasis ist PostFinance jedoch auch ohne Zinsrückenwind stabil unterwegs. Wir diversifizieren unsere Erträge und investieren in zukunftsfähige Geschäftsfelder. Damit bleibt unser Geschäftsmodell langfristig tragfähig.

«Das traditionelle Bargeld- und Schaltergeschäft steht, wie in der gesamten Branche, weiter unter Druck.»
Beat Röthlisberger, CEO Postfinance

Die Kundenvermögen erhöhten sich im ersten Halbjahr auf 117,5 Milliarden Franken. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb um Spargelder und Anlagegelder stetig. In welchen Bereichen gewinnt PostFinance derzeit Marktanteile – und wo verlieren Sie welche?

Bei PostFinance stellen wir derzeit insbesondere im Anlagegeschäft Wachstum fest. Unsere zinsunabhängigen Kundenvermögen in Bereichen wie E-Vermögensverwaltung, Vorsorgefonds oder E-Trading sind zuletzt deutlich gestiegen. Im Zahlungsverkehr behaupten wir unsere starke Marktstellung und profitieren von der zunehmenden Nutzung digitaler Lösungen und Kartenzahlungen. Damit gehören wir weiterhin zu den führenden Schweizer Retailbanken. Auch bei Firmenkunden konnten wir zusätzliche Kundengelder gewinnen. Gleichzeitig steht das traditionelle Bargeld- und Schaltergeschäft, wie in der gesamten Branche, weiter unter Druck.

PostFinance zählt zu den wichtigsten Akteuren im Schweizer Zahlungsverkehr. Welche Rolle soll das klassische Konto künftig noch spielen, wenn immer mehr Kundinnen und Kunden Finanzdienstleistungen über Apps, Wallets und Plattformen nutzen?

Auch das PostFinance-Konto lässt sich einfach und bequem über eine App steuern. Deren Funktionsumfang weiten wir stetig aus. Und mit PostFinance Pay sowie der virtuellen Debitkarte bieten wir einfache Online-Bezahlmöglichkeiten an, die sich auch in Wallets nutzen lassen. Dreh- und Angelpunkt aller Finanzbedürfnisse bleibt aber das Privatkonto. Dank diesem kann auch die PostFinance Card rege genutzt werden. Darauf bauen wir als Bank der Schweiz und Marktführerin im Zahlungsverkehr mit 2,4 Millionen Kundinnen und Kunden sowie 1,5 Milliarden Transaktionen jährlich auch in Zukunft.

TWINT hat sich zum dominierenden mobilen Zahlungssystem der Schweiz entwickelt. Welche Bedeutung hat TWINT heute für PostFinance – und wie stellen Sie sicher, dass die Bank von diesem Erfolg nicht nur als Infrastrukturpartner, sondern auch wirtschaftlich profitiert?

TWINT ist eine Erfolgsgeschichte und wir sind stolz darauf, dass sich das von PostFinance gegründete Unternehmen zur führenden Mobile-Payment-Lösung der Schweiz entwickelt hat. Als Aktionärin und Partnerin profitieren wir nicht nur von attraktiven Angeboten für unsere Kundinnen und Kunden, sondern auch von den wirtschaftlichen Chancen, die sich aus dieser Partnerschaft ergeben.

Internationale Technologiekonzerne wie Apple, Google oder Revolut drängen zunehmend in den Zahlungsverkehr. Wo sehen Sie die grössten Wettbewerbsvorteile von PostFinance gegenüber diesen digitalen Herausforderern?

PostFinance untersteht vollständig dem Schweizer Recht und seinen hohen regulatorischen Standards. Wir können unseren Kundinnen und Kunden wichtige Werte wie Stabilität, Service public und vor allem Vertrauen vermitteln. Das Vertrauen der Kundschaft ist unser grösstes Kapital. Und gerade im regelmässigen Kundenkontakt ist Verlässlichkeit entscheidend. Dabei hilft uns auch das Filialnetz der Post, wodurch wir sehr nahe bei den Schweizerinnen und Schweizern sind. Gleichzeitig braucht es heute innovative und einfache Banking-Lösungen, weshalb wir da gezielt investieren und ausbauen, etwa im Kryptobereich, in der E-Vermögensverwaltung oder mit unserem neuen PostFinance-ETF.

«PostFinance verfügt über die Fähigkeiten und Mittel, bei der Unternehmensfinanzierung die Lücke zu schliessen, welche die Credit Suisse im Schweizer Markt hinterlassen hat.»

Sie haben sich mehrfach dafür ausgesprochen, dass PostFinance künftig Firmenkredite vergeben können sollte. Wie realistisch ist eine entsprechende Gesetzesänderung in den nächsten Jahren?

Wir haben wiederholt signalisiert, dass wir für Lösungen zur nachhaltigen Finanzierung des Werkplatzes Schweiz Hand bieten würden. PostFinance verfügt über die Fähigkeiten und Mittel, bei der Unternehmensfinanzierung die Lücke zu schliessen, welche die Credit Suisse im Schweizer Markt hinterlassen hat. Und das relativ rasch. Hierfür bräuchte es jedoch eine Anpassung des Postorganisationsgesetzes, was wiederum in der Verantwortung der politischen Akteure liegt. Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Nationalrats (WAK-N) wird dieses Thema voraussichtlich im Rahmen ihrer nächsten Sitzung diskutieren.

– und welche Auswirkungen hätte dies auf Ihr Geschäftsmodell?

Konkret könnte uns einerseits die Vergabe von Kontokorrentkrediten an Geschäftskunden ermöglicht werden. Andererseits könnte PostFinance als Partnerin ohne Lead-Funktion an Konsortialkrediten teilnehmen. Die beiden Ausnahmen wären eng definiert, operativ kontrollierbar und regulatorisch klar abgegrenzt. Wir streben keine Vergabe von direkten Hypotheken an Private an, da bleiben wir im Vermittlungsgeschäft.

Die Erträge aus dem klassischen Zahlungsverkehr stehen seit Jahren unter Druck. Welche Geschäftsfelder sollen in fünf Jahren einen wesentlich grösseren Beitrag zum Ergebnis leisten als heute?

Wir wollen das Sparen durch Anlegen breiter zugänglich machen mit einem qualitativ überzeugenden und transparenten Angebot. Dazu gehören auch einfache Lösungen und Angebote von kosteneffizienten Instrumenten wie ETF-Sparpläne oder Fractional Trading. Zudem bauen wir unsere Produktepalette im Kryptobereich stetig aus. Denn wir wissen, dass unsere Kundschaft ein Bedürfnis nach vertrauenswürdigen und regulierten Anbietern für Kryptogeschäfte hat. PostFinance bietet als vertrauenswürdige Schweizer Retailbank einen Rundum-Service im Bereich Handeln, Verwahren und nun auch Staking von Kryptowährungen.

«PostFinance soll auch in Zukunft als «Bank der Schweiz» wahrgenommen werden, die für alle Menschen und Unternehmen in der Schweiz da ist.»

Seit Juli 2024 stehen Sie an der Spitze von PostFinance. Welchen strategischen Wandel möchten Sie bis Ende des Jahrzehnts erreicht haben, damit man rückblickend von der «Ära Rothlisberger» sprechen kann?

Es geht hier nicht um ein persönliches Vermächtnis, sondern um eine gesunde, geschätzte und vertrauenswürdige Bank. PostFinance soll auch in Zukunft als «Bank der Schweiz» wahrgenommen werden, die für alle Menschen und Unternehmen in der Schweiz da ist. Dafür müssen wir unsere Produkte und Prozesse noch stärker auf die Bedürfnisse unserer Kundschaft ausrichten. Diesen Weg der Kundenzentrierung, den wir eingeschlagen haben, verfolgen wir konsequent weiter. Gleichzeitig wollen wir auch effizienter und schlanker werden, ohne bei der Dienstleistungsqualität Kompromisse eingehen zu müssen. Deshalb investieren wir gezielt in die Weiterentwicklung unserer digitalen Services.

Immer wieder wird über eine teilweise oder vollständige Privatisierung von PostFinance diskutiert. Würde eine Loslösung vom Post-Konzern Ihrer Bank mehr strategische Freiheiten verschaffen – oder überwiegen die Vorteile der heutigen Struktur?

Wir sind sehr stolz, zur Post zu gehören. PostFinance kann mit der Schweizerischen Post im Rücken als Bank wichtige Werte vermitteln: Vertrauen, Tradition, Stabilität und Service public. Zudem schafft die Zusammenarbeit über das Filial- und Postomatennetz viele Opportunitäten. Diese Aufstellung ist daher die Basis unserer Strategie.

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