von Patrick Gunti
Moneycab.com: Herr Schreiber, wenn man an das Schweizer Gesundheitswesen denkt, denkt man kaum an Mangelernährung. Warum wird das Problem Ihrer Meinung nach unterschätzt?
Robert Schreiber: Weil Mangelernährung ein stilles Problem ist. Viele verbinden den Begriff mit Hungersnöten in fernen Ländern, nicht mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt. Dabei ist in der Schweiz ca. jeder dritte Patient bei Spitaleintritt und jede zweite Person im Altersheim mangelernährt oder hat ein Risiko für Mangelernährung. Meist handelt es sich um einen Mangel an Protein und Energie. Erfreulicherweise erlangt die Ernährungsmedizin durch wissenschaftliche Publikationen einem immer höheren Stellenwert, da sie die Behandlungsergebnis eines Patienten signifikant verbessern kann.
Was sind die konkreten Folgen von Mangelernährung?
Sie sind erstaunlich gravierend. Unter anderem haben mangelernährte Patienten mehr Komplikationen, mehr Infektionen, eine schlechtere Wundheilung und einen höheren Medikamentenverbrauch. Sie haben deutlich längere Liegezeiten im Spital, werden häufiger wieder eingewiesen und verlassen die Klinik weniger selbständig. Im schlimmsten Fall erhöht sich die Sterblichkeit. Die EFFORT-Studie unter Professor Philipp Schütz konnte beispielsweise zeigen, dass eine gezielte Ernährungstherapie Komplikationen und Sterblichkeit nachweislich senkt.
«Mangelernährung ist stilles Problem. Viele verbinden den Begriff mit Hungersnöten in fernen Ländern, nicht mit einem der besten Gesundheitssysteme der Welt.»
Robert Schreiber, CEO und Gründer AlpinaSana
Nach Ihren Angaben verursacht Mangelernährung in der Schweiz Gesundheitskosten von über 500 Millionen Franken pro Jahr. Wo entstehen diese Kosten konkret?
Vor allem durch die verlängerten Spitalaufenthalte – jeder zusätzliche Tag ist teuer – sowie durch Komplikationen und Wiedereinweisungen. Diese Kosten stehen auf keiner einzelnen Rechnung; sie verteilen sich unsichtbar über das ganze System. Das Paradoxe daran: Das Einsparpotenzial ist enorm im Verhältnis zum Aufwand. Pro Patient lassen sich realistisch 1400 bis 2800 Franken einsparen – bei Interventionskosten von wenigen hundert Franken. Mangelernährung zu bekämpfen ist also nicht nur medizinisch, sondern auch ökonomisch eine der effizientesten Massnahmen, die wir haben.
Weshalb wird Mangelernährung in Spitälern und Pflegeeinrichtungen denn oft zu spät erkannt?
Es fehlt an systematischer Erfassung im Alltag. Das Screening ist selten fest in den klinischen Ablauf und in die elektronische Krankengeschichte integriert, und beim Personal ist die ernährungsspezifische Ausbildung oft zu knapp. Dazu kommt der Kostendruck. Und weil die Folgen erst nach dem Austritt auftreten, wird die Dringlichkeit auf der Station unterschätzt. Genau diese Lücke versuchen wir mit einer ganzheitlichen Lösung zu schliessen, indem wir helfen die Nahrungsaufnahme zu erfassen und orale Nahrungssupplemente entwickeln, die den Patienten schmecken, ohne einen Kompromiss bei den Nährwerten einzugehen.
«Mangelernährung ist also kein reines Altersphänomen, sondern eine Begleiterscheinung schwerer Erkrankungen.»
Ist Mangelernährung primär ein Problem sehr alter Menschen oder betrifft sie zunehmend auch andere Patientengruppen?
Das Alter ist ein Risikofaktor, wie bereits erwähnt, hat jede zweite Person im Altersheim ein Risiko für Mangelernährung. Nichtsdestotrotz ist das Alter aber bei weitem nicht der einzige. Treiber ist die Krankheit selbst: Krebs, schwere Infektionen, Magen-Darm-, Leber-, Nieren-, Herz- oder Lungenerkrankungen verändern den Stoffwechsel, führen zu Appetitlosigkeit und gleichzeitig zu einem erhöhten Nährstoffbedarf. Das betrifft Onkologie-, Chirurgie- und Intensivpatienten in jedem Alter. Mangelernährung ist also kein reines Altersphänomen, sondern eine Begleiterscheinung schwerer Erkrankungen.
AlpinaSana entwickelt einen integrierten Ansatz zur Erkennung und Behandlung von Mangelernährung im Gesundheitswesen. Dabei setzen Sie auf KI und 3D-Bildgebung. Wie funktioniert das System in der Praxis?
Der Kern unserer Software ist eine einfache, aber entscheidende Frage: Was isst ein Patient tatsächlich? Mit Hilfe von 3D-Bildgebung und KI erfassen wir das Tablett vor und nach der Mahlzeit und berechnen automatisch, wie viel Energie und Protein die Person wirklich zu sich genommen hat. Das passiert ohne manuelles Wägen und ohne Schätzungen durch das ohnehin überlastete Personal.
Wie präzise misst Ihre Lösung den tatsächlichen Nährstoffkonsum eines Patienten?
Deutlich präziser als der heutige Standard. Bislang wird der Konsum meist visuell geschätzt – «der Patient hat etwa die Hälfte gegessen» – und solche Schätzungen sind notorisch ungenau. Unter der Leitung meines Co-Gründers Raban Iten, konnten wir ein System entwickeln, dass den effektiven Verzehr auf Ebene von Gramm aller Makronährstoffe misst. Die Genauigkeit liegt bei über 90%, welches in einer kürzlichen Studie erhoben wurde.
«Wir konnten ein System entwickeln, dass den effektiven Verzehr auf Ebene von Gramm aller Makronährstoffe misst.»
Die zweite Komponente setzt bei der Behandlung an. Patientinnen und Patienten, bei denen ein Risiko für Mangelernährung festgestellt wird, erhalten von AlpinaSana entwickelte Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke. Was sind das für Ernährungsprodukte?
Das sind sogenannte FSMP – Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke. Sie sind protein- und energiereich, vollbilanziert und auf den erhöhten Bedarf kranker Menschen abgestimmt. Dazu gehören bei uns hochkonzentrierte Proteindrinks und eine vollbilanzierte Glace. Wir legen dabei nicht nur Wert, dass die Produkte medizinisch wirksam sind, sondern Patienten eine Freude bereiten und sie diese konsumieren wollen. Denn je besser ein Produkt einem Patienten schmeckt, desto länger wird es auch konsumiert.
Wie kam es zur ungewöhnlichen Idee einer Glace?
Das grösste Hindernis in der klinischen Ernährung ist, dass die Produkte häufig stehen bleiben. Klassische Trinknahrung schmeckt vielen zu «medizinisch». Mein Co-Gründer, Jotam Bergfreund, hat Menschen in Kliniken und Altersheimen beobachtet und gesehen, dass alle – egal welches Alter – gerne Glace konsumieren. Es ist kühl, angenehm zu schlucken – ideal auch bei Schluckbeschwerden oder nach Operationen – und praktisch jeder mag sie.
Wie wichtig sind Geschmack und Genuss bei der Bekämpfung von Mangelernährung?
Sie sind absolut zentral. Das am besten formulierte Produkt nützt nichts, wenn es nicht konsumiert wird. In der klinischen Ernährung entscheidet die Akzeptanz über den Erfolg – Geschmack ist deshalb kein «nice to have», sondern der eigentliche medizinische Hebel.
Könnte Ihre Technologie künftig auch ausserhalb von Gesundheitseinrichtungen eingesetzt werden?
Grundsätzlich ja – überall dort, wo der tatsächliche Nahrungskonsum zählt: in der Betreuung zu Hause, in der Gemeinschaftsverpflegung zur Reduktion von Food Waste oder in der Forschung.
AlpinaSana wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Vigier Award. Wie weit sind Sie heute auf dem Weg zur Skalierung?
Der de Vigier Award ist für uns vor allem eine grosse Bestätigung und ein Ansporn. Heute arbeiten wir bereits mit knapp 200 Spitälern zusammen und wir sehen noch viel Potential.
Wo stehen Sie bei Projekten mit Spitälern und Kliniken?
Wir sind über die Pilotphase hinaus und in konkreten Einsätzen in Schweizer Spitälern. Seit unserer Pilotstudie am Kantonsspital Winterthur und dem Entscheid im Bundestag in Deutschland eine verpflichtende systematische Erkennung von Mangelernährung einzuführen, haben sich die Anfragen nochmals vervielfacht, was uns natürlich sehr freut.
Letzte Frage: Ist AlpinaSana heute eher ein Food-Unternehmen, ein Medtech-Unternehmen oder ein Softwareunternehmen?
Ich würde sagen eine gesunde Mischung aus einer Software und Foodtech Firma. Beide Bereiche benötigt es gleichermassen, um eine ganzheitliche Lösung gegen Mangelernährung anbieten zu können. Genau dies macht ALPINA+SANA einzigartig.
