Zürich – Künstliche Intelligenz (KI) ermöglicht Cyberkriminellen, ihre Angriffe schneller vorzubereiten und gezielter durchzuführen. Dadurch würden die Attacken immer häufiger und raffinierter, warnt ein Cybersicherheitsexperte angesichts der jüngsten Vorfälle bei Beyond Gravity, Publica und Ricardo.
Insbesondere KI ermögliche es Kriminellen, ihre Angriffe schneller vorzubereiten und gezielter durchzuführen, sagte Paul Such, CEO von Swiss Post Cybersecurity, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AWP.
Die Häufung solcher Vorfälle ist laut Such auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Cyberangriffe träten häufig in Wellen auf, etwa nach der Entdeckung neuer Sicherheitslücken oder aufgrund geopolitischer Entwicklungen. Gleichzeitig hätten verschärfte gesetzliche Meldepflichten dazu geführt, dass mehr Vorfälle bekannt würden.
Staatliche Akteure schwer zu identifizieren
Besonders brisant ist der Fall Beyond Gravity: Der Raumfahrtkonzern gehört zu 100 Prozent dem Bund und wurde Opfer eines hochprofessionellen Cyberangriffs, bei dem offenbar Daten abflossen. Bereits am Tag der Bekanntgabe des Angriffs spekulierte die FDP von einem «Angriff auf die Schweiz». Sollte ein staatlicher Akteur dahinterstecken, habe der hybride Krieg das Land erreicht. Die Partei warb in diesem Zusammenhang für einen Rüstungsfonds.
Such relativiert hingegen den Eindruck, dass staatliche oder staatsnahe Organisationen zunehmend gezielt ins Visier gerieten. Dafür gebe es nach seinem Kenntnisstand keine Hinweise. Die Urheberschaft sei schwer festzustellen, da Angreifer ihre Identität verschleiern und mit Schadsoftware falsche Spuren legen könnten.
Laut einer SRF-Recherche vermuten Verantwortliche bei Beyond Gravity und beim Bund China hinter der Attacke. Offiziell bestätigt ist der Verdacht nicht.
Während Cyberkriminelle meist rasch Geld erbeuten wollten, verfolgen staatlich unterstützte Angreifer laut Such langfristige strategische Ziele und investierten dafür mitunter Jahre.
Das Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) äussert sich wegen laufender Verfahren weder zu möglichen Zusammenhängen zwischen den jüngsten Vorfällen noch zur mutmasslichen Täterschaft. Die Behörde verzeichnet allerdings mehr gemeldete Angriffe auf kritische Infrastrukturen.
Im dritten Quartal gingen beim BACS 143 Meldungen zu Angriffen auf kritische Infrastrukturen ein, nach 93 im Vorquartal. Allein im September waren es 63. Ob sich daraus ein längerfristiger Trend ableiten lasse, sei noch offen. Seit April 2025 gilt für bestimmte Vorfälle eine Meldepflicht.
Künstliche Intelligenz verschärft die Bedrohung
Mit KI könnten Cyberkriminelle laut Such auch komplexe Attacken durchführen, bei denen sie mehrere Sicherheitslücken nacheinander ausnutzen. Die Technologie helfe zwar auch bei der Abwehr. «Derzeit müssen wir jedoch anerkennen, dass Angreifer sie effektiver einsetzen und ausnutzen als die Verteidiger», sagt Such.
Auch das BACS sieht vor allem die zunehmende Geschwindigkeit und die Möglichkeit, Angriffe in grosser Zahl durchzuführen, als Gefahr. Unternehmen müssten Sicherheitslücken rascher schliessen und ihre Systeme auch ausserhalb der regulären Arbeitszeiten überwachen.
Eine Entspannung erwartet Such nicht: «Die Cyberbedrohung dürfte sich weiter verschärfen – nicht nur für Schweizer Unternehmen und öffentliche Einrichtungen, sondern für Organisationen weltweit.» (awp/mc/pg)
