SNB-Präsident Schlegel sieht erhöhte Unsicherheit für Schweizer Wirtschaft

SNB-Direktionspräsident Martin Schlegel. (Bild: SNB/mc)

Bern – Der Konflikt im Nahen Osten wirkt sich laut SNB-Direktoriumspräsident Martin Schlegel auch auf die Schweiz aus. So sei die Unsicherheit bezüglich der Entwicklung der Schweizer Wirtschaft und der Inflation «deutlich gestiegen».

Der Nahost-Konflikt mache die globale Wirtschaftslage «sehr unsicher» und die gestiegenen Energiepreise würden in den kommenden Monaten die Inflation in vielen Ländern weiter erhöhen, erklärte Schlegel am Freitag an der Generalversammlung der Schweizerischen Nationalbank (SNB). «Das globale Wachstum dürfte sich vorübergehend verlangsamen.»

In der Schweiz könnte das Wachstum laut Schlegel kurzfristig «eher verhalten ausfallen», auch wenn die SNB mittelfristig eine gewisse Belebung erwarte. In den kommenden Quartalen würden zudem die höheren Energiepreise die Inflation auch in der Schweiz weiter anheben.

Erhöhte Bereitschaft
Der Aufwertungsdruck auf die Schweizer Währung habe Anfang Jahr und mit der Eskalation im Nahen Osten zugenommen, sagte Schlegel. «In unsicheren Zeiten wird der Franken als sicherer Hafen gesucht.»

Die SNB beobachte entsprechend die Lage laufend. «Und wenn nötig werden wir die Geldpolitik anpassen.» Eine solche Anpassung erfolge dann, wenn die monetären Bedingungen nicht mehr angemessen seien und die Preisstabilität ohne Anpassung gefährdet wäre. «Dann zögern wir nicht zu handeln.»

Sowohl beim SNB-Leitzins als auch bei den Devisenmarktinterventionen habe die SNB «den vollen Handlungsspielraum», betonte Schlegel. «Unsere Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren, ist wegen des Konflikts im Nahen Osten erhöht.» Damit könne die SNB einer «raschen und übermässigen» Aufwertung des Frankens entgegenwirken.

Geldpolitik wirkt expansiv
Im vergangenen Jahr habe die SNB den Leitzins in zwei Schritten auf Null gesenkt, und ihn an den letzten drei Lagebeurteilungen nicht mehr angepasst, erinnerte Schlegel. Zurzeit wirke die Geldpolitik der SNB expansiv. Die tiefen Zinsen wirkten primär über die Kredite und den Wechselkurs. «Sie machen Kredite günstiger, fördern Investitionen und unterstützen damit die konjunkturelle Entwicklung.»

Das zeige sich auch in den Daten: Das Wachstum der Kredite habe über das letzte Jahr zugenommen. Und beim Wechselkurs machten die im Vergleich zum Ausland tiefen Zinsen den Franken weniger attraktiv. Das Ziel der Geldpolitik der SNB sei aber immer die Preisstabilität – dies unter Berücksichtigung der Konjunktur, betonte Schlegel.

Stabilität wird wertvoll
Auch Bankratspräsidentin Barbara Janom Steiner verwies in ihrer Rede vor den SNB-Aktionärinnen und Aktionären auf die gestiegene Unsicherheit angesichts des aktuellen Weltgeschehens. «Wir leben in einer neuen westlichen Welt, einer Welt, in der sich die Wertehaltung massgeblich verändert.» In dieser Welt würden die Rechtsstaatlichkeit, freie Meinungsäusserung, demokratische Errungenschaften und internationale Organisationen und Staatenbündnisse in Frage gestellt.

In einem solchen Umfeld werde Stabilität zu einem besonders wertvollen Gut, sagte die Bankratspräsidentin. Genau dafür stehe die Nationalbank seit jeher. «Gerade dann, wenn Märkte unter Druck geraten, Inflation anzieht oder globale Krisen Unsicherheit schaffen, zeigt sich, wie wichtig eine besonnene und unabhängige Zentralbank ist.»

Die stabilitätsorientierte Geldpolitik der SNB sei das Resultat klarer Prinzipien: «Institutionelle Unabhängigkeit, fachliche Kompetenz und eine konsequente Ausrichtung am gesetzlichen Auftrag». Die Nationalbank entziehe sich bewusst kurzfristigen politischen Einflüssen. «Gerade das macht sie zu einem verlässlichen Orientierungspunkt in einem oft unruhigen Umfeld.» (awp/mc/pg)

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