Kunsthaus Zürich zeigt Ausstellung «Reformation»

Kunsthaus Zürich

Ferdinand Hodler, Einmütigkeit. Zweite Fassung, 1913 (Detail), Öl auf Leinwand, 329 x 1000 cm Kunsthaus Zürich, Geschenk Alfred Rütschi, 1919.

Zürich – Vom 29. September 2017 bis 14. Januar 2018 veranstaltet das Kunsthaus Zürich eine Ausstellung über Aspekte der Reformation in der bildenden Kunst. Dem Leitgedanken des Umgestaltens und der Erneuerung folgend sind Werke vom 16. bis zum 20. Jahrhundert versammelt: spätmittelalterliche Sakralbilder, gegenreformatorische Barockmalerei, Historienbilder des 19. Jahrhunderts und die unterschwellig-religiöse Kunst Mondrians und der Konkreten. Im Zentrum dieses Querschnitts steht Ferdinand Hodlers «Einmütigkeit». Sein monumentales Historienbild befasst sich mit einem Ereignis der Glaubensspaltung.

Die historische Reformation, wie sie vor 500 Jahren von Luther angestossen wurde, hatte weitreichende Folgen für die Kunst. Die Gläubigen sollten das Bild Christi im Herzen haben und nicht mehr vor Augen. Geprägt von Zwingli und Calvin ist dies in den reformierten Gebieten der Schweiz bis heute augenscheinlich. Die Kirchen sind leer, die sakralen Werke haben ihre dienende Funktion als Heilsvermittler verloren. Seit der Reformation haben Bilder einen markanten Wandel erfahren. Sie demonstrieren künstlerisches Können und regen Sinne, Gedanken und Erinnerungen an. Sie sind Kunst geworden. Damit ist auch die beträchtliche Sammlung sakraler Werke im Kunsthaus der reformierten Stadt Zürich zu erklären. Als Kunstwerke zeugen sie zusammen mit ihren jüngeren Nachfolgern bis heute von dem, was Kunst ausmacht: Menschen beanspruchen damit Umgestaltung, Verbesserung, Erneuerung, eben andauernde «Reformation». Das Kunsthaus präsentiert diese Ausstellung aus der Reihe der «Bilderwahl!» in fünf Kapiteln: «Reformation», «Einmütigkeit», «Erinnerung», «Erleuchtung» und «Erneuerung». Gastkurator Andreas Rüfenacht konnte dafür 75 Gemälde, Skulpturen und selten gezeigte Zeichnungen aus den Beständen des Kunsthauses versammeln.

REFORMATION. SAKRALE WERKE WERDEN KUNST
Am Ausgang des Mittelalters entstanden zahlreiche sakrale Bilder. Aus Angst vor dem Fegefeuer wurden viele Altäre, liturgisches Gerät und reichhaltig geschmückte Bildwerke gestiftet. Solche «guten Werke» sollten dem Wohl der Seele zugute kommen. Angeregt von Luthers 95 Thesen gegen den Ablass von 1517, breitete sich die reformatorische Kritik auf zentrale Themen mittelalterlicher Theologie und Liturgie aus. Die Abschaffung der Messe, die Ablehnung des Kultes um die Verstorbenen und die Beschränkung der Heiligenverehrung waren für die Bilder fatal. Durch ihre rasche Entfernung aus den Kirchen wurde ein sichtbarer Schlussstrich unter den alten Glauben gezogen. Mit der Funktion von Sakralbildern und der Krise der alten Kirche beginnt die Ausstellung. Die von den Reformatoren kritisierten Inhalte, Institutionen und Rituale sind in den überlieferten Altartafeln und Skulpturen präsent. Der Zürcher Bildersturm – also die geordnete Räumung in den Zürcher Kirchen – ist von weiterem Interesse. In der Folge wird dem langen Nachhall der Glaubensspaltung am Beispiel ausgewählter Kunstwerke aus verschiedenen Epochen nachgegangen.

EINMÜTIGKEIT: REFORMATION ALS DEMOKRATISCHER GEDANKE
1911 erhielt Ferdinand Hodler den Auftrag, für das neu erbaute Rathaus in Hannover ein grossformatiges Historienbild zu malen. Thema war eine Begebenheit der Reformation im Jahr 1533 – als sich die versammelte Bürgerschaft zur Reformation bekannte und die altgläubigen Ratsherren fluchtartig die Stadt verliessen. Im neuen Rathaus von Hannover erhielt die Szene einen demokratischen Charakter. Die Botschaft, dass Veränderung durch Mitbestimmung geschieht, liess Hodler in eine etwas kleinere Variante dieses Bildes für Zürich einfliessen: «Die Einmütigkeit. Zweite Fassung» (1912–1913). Zu beiden Fassungen besitzt das Kunsthaus rund 100 Skizzenblätter und Studien. Von diesen selten zu sehenden Werken auf Papier werden rund 20 im Raum hinter dem monumentalen Gemälde ausgestellt, das seit 1919 permanent in der Treppenhalle des Kunsthauses gezeigt wird.

ERINNERUNG: NATIONALE EINHEIT WIDER KONFESSIONSGRENZEN
Das historisierende Interesse an der Reformation diente schon im 19. Jahrhundert dem Zweck, die heimatlich-nationale, liberale Identifikation zu festigen. Hier setzt der zu seiner Zeit berühmteste Zürcher Historienmaler Ludwig Vogel an. 1819 konzipierte er «Zwinglis Abschied beim Aufbruch zur Schlacht bei Kappel», ein Ereignis im Herbst 1531. Die Geschichte basiert auf der Überlieferung des Zürcher Reformators Heinrich Bullinger, wonach das Pferd des Reformators scheute. Bei Vogel wird das vielleicht zum Omen, dass der nationale Zusammenhalt über die Konfessionsgrenzen hinaus unter einem schlechten Stern stand. Positiv und idealisiert hingegen hat Albert Anker in der «Kappeler Milchsuppe» (1869) die historisch verbürgte Verbrüderung unter den reformierten und katholischen Feinden im unblutig beendeten ersten Kappeler Krieg von 1529 dargestellt. Die Erinnerung an das gute Alte äusserte sich auch anders: Um 1800 war eine Hinwendung zum Sinnlichen zu beobachten und dadurch auch zum Religiösen. Die Suche nach einer neuen Kunst verlief in gewissen Künstlerkreisen über die Rückbesinnung auf die Alten Meister vor der Reformation. Mit diesen sogenannten «Nazarenern» (ein Spottbegriff, weil sie sich angeblich wie die urchristlichen Anhänger Jesu von Nazareth kleideten), brach sich von Rom aus eine technisch zwar qualitätvolle, etwas frömmelnde Darstellungspraxis bahn, die Herz, Seele und Gefühl Ausdruck verlieh. Diese an süddeutschen Höfen geschätzte Kunst wurde bald in biedermeierlichen Haushalten populär. Sie wirkt bis heute in Kitschmotiven nach. Hauptanliegen der Nazarener aber war die Kritik an der einengend empfundenen Kunst des Klassizismus. Ihr Wortführer war Johann Joachim Winckelmann. Dessen berühmtes, von Angelica Kauffmann 1764 geschaffenes Bildnis, ist im Besitz des Kunsthauses. Es zeigt den erleuchteten «Evangelisten» der Aufklärung. Die reine, einfältige Schönheit der antiken Kunst, wie Winckelmann sie postulierte, wirkt dabei unterschwellig antiklerikal, mithin als reformierte Kunst.

ERLEUCHTUNG: GEGENREFORMATION GEHT AUF IM BAROCK
Historisch gesehen diente katholische Kunst nach der Reformation als explizit sinnliche Gegenposition zur vergeistigten Wortorientiertheit und Bilderfeindlichkeit der Protestanten. Das Bilderdekret, das 1563 während des Konzils von Trient verfasst worden war, blieb denn auch bei der althergebrachten kirchlichen Tradition: Sakrale Bilder dienten der Verehrung, Belehrung und Erinnerung an die Wunder der Heiligen. Mittels des Bildes wurden die geistigen Freuden des Himmels als göttliche Erleuchtung überwältigend wahrnehmbar gemacht. Diese Wahrnehmung manifestiert sich in den Gemälden: sie propagieren die mächtige, heilsvermittelnde und wahre christliche Kirche. «Das Schweisstuch der Heiligen Veronika», also das wahre Antlitz Christi von Philippe de Champaigne, vor 1654 gemalt, ist das zentrale Werk in dieser Hängung. In den Sammlungsräumen des Kunsthauses wird die Kunst der Gegenreformation wie in den meisten musealen Sammlungen im Kontext der Barockmalerei gezeigt – wird folglich nach ästhetischen und kunsthistorischen Kriterien behandelt und nicht nach ideologischen.

ERNEUERUNG: REINE KUNST AUF DEM ALTAR
Die Reformation war eine Erneuerungsbewegung. Die Bilder mit ihren einstigen sakralen Funktionen gingen dabei verloren. Gleichzeitig wurde dadurch die Tür für neue Entwicklungen geöffnet, die bis heute andauern. Die Hinwendung der Konkreten zur reinen Malerei und einer von äusseren Umständen (Religion, Natur, Politik) vollständig unabhängigen Kunst ist in gewissem Sinn ein ferner Nachhall der reformatorischen Bilderkritik. Piet Mondrian, die Künstlergruppe De Stijl, und in ihrer Nachfolge die Zürcher Konkreten wandten sich universalen Gesetzen der Geometrie, Mathematik und Optik zu. Ihre Kunst enthält einen unterschwellig sakralen Charakter. Dieser äussert sich in formvollendeten Kompositionen, der Verwendung der Primärfarben oder reiner Grundformen wie Kreis und Quadrat. Zudem bedienten sich die Künstler in Manifesten und gelegentlich auch in Bildtiteln einer religiös konnotierten Sprache. Im Nachhall romantischer Vorstellungen von Kunst, die sich gerade in den Museen als Kunsttempel manifestieren, wird im letzten Raum der Ausstellung die reine Kunst auf den Altar gestellt. Der Charakter des zentralbauartigen, intimen achteckigen Raums am Ende der bespielten Raumfolge im Moserbau lädt dazu richtiggehend ein. Die seit Werner Hofmanns Ausstellung «Luther und die Folgen für die Kunst» (Hamburger Kunsthalle, 1983) mehrfach wiederholte These, dass die Reformation die Kunst zwar zuerst einschränkte, letztlich aber zu ihrer totalen Befreiung führte, wird hier dem Betrachter noch einmal deutlich vor Augen geführt.

ALLGEMEINE INFORMATIONEN
Kunsthaus Zürich, Heimplatz 1, CH–8001 Zürich
Tel. +41 (0)44 253 84 84, www.kunsthaus.ch
Fr–So/Di 10–18 Uhr, Mi/Do 10–20 Uhr. Feiertage siehe www.kunsthaus.ch.
Eintritt: CHF 16.–/11.– reduziert und Gruppen. Kombiticket Ausstellungen und Sammlung: CHF 23.–/18.– reduziert und Gruppen. Bis 16 Jahre Eintritt frei.
Öffentliche Führungen durch die Ausstellung mit Gastkurator Andreas Rüfenacht: finden statt am Donnerstag, 19. Oktober, um 18 Uhr und am Sonntag, 5. November, 14 Uhr.
Publikation: Der Ausstellungsführer (20 Seiten, 12 Abbildungen) mit Texten von Gastkurator Andreas Rüfenacht ist für CHF 5.- im Kunsthaus-Shop erhältlich.

Vorverkauf: SBB RailAway-Kombi. Ermässigung auf Anreise und Eintritt: am Bahnhof oder beim Rail Service 0900 300 300 (CHF 1.19/Min. ab Festnetz), www.sbb.ch/kunsthaus-zuerich.
Zürich Tourismus: Hotelzimmer-Buchung und Ticketverkauf, Tourist Service im Hauptbahnhof, Tel. +41 44 215 40 00, information@zuerich.com, www.zuerich.com.

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