Ein Hundespaziergang am Montag Morgen am Greifensee lässt mich regelmässig an der Menschheit zweifeln. Nicht nur, weil ich meine Hündin kaum von der Leine lassen kann, da sich in jedem Gebüsch Essensreste finden, die sie natürlich zielgerichtet aufspürt, sondern auch und vor allem aufgrund der Abfallberge. Einweggrills, Plastikteller, Fleischverpackungen, Flipflops und alles, was nicht fertig gegessen wurde, türmt sich nicht nur neben den geräumigen Abfalleimern, sondern liegt weit über den Kiesstrand und die kleinen Lichtungen verstreut.
Oft treffe ich dabei den freundlichen, aber frustrierten Mann im orangen Wagen, der sämtliche Grillstellen vom Abfall befreit und dafür sorgt, dass bereits am Montag Mittag der See und die Schifflände wieder wie unberührt aussehen und die Spuren der Wochenendeskapaden und Familiengrillfeste nicht mehr zu sehen sind. Es werde schlimmer, bestätigt mir der Mann jeweils mein Gefühl und ärgert sich berechtigterweise über die Rücksichtslosigkeit und Nonchalance der Badenden und Picknickenden, die nach dem Prinzip “Nach mir die Sintflut” oder eben “Nach mir der orange Putzwagen” verfahren und stehen und liegen lassen, was sie nicht mehr brauchen. Ich ärgere mich mit ihm, bestätige, dass das zu meiner Zeit doch irgendwie noch nicht so war, dass wir Abfälle jeweils mit nach Hause nahmen und er fügt eine Anekdote aus seiner Kindheit an, in der man Plastikteller und -besteck sogar noch wiederverwendete. Es ist unser Montagsritual, ich danke ihm jeweils für seine Arbeit, er ärgert sich ein bisschen und dann gehen wir wieder unsere Wege.
Doch die Art und Weise, wie sich viele Menschen nicht nur am Greifensee verhalten, beschäftigt mich weit über das “zu meiner Zeit war das anders” hinaus. Es wird gefeiert, gegrillt, gebadet und offenbar schätzt man das Naherholungsgebiet Greifensee als Ausflugsziel enorm. Interessant ist dabei, dass die Gedanken nur bis zum Ende des Abends oder des Nachmittags reichen: Was mit dem Platz passiert, wenn man ihn so zugemüllt hinterlässt, scheint nicht mehr Teil des bewussten Wahrnehmens zu sein, es scheint, als würde daran keinen Gedanken verschwendet. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich stets auf das direkt naheliegende und Nächste, jetzt Picknicken, dann Baden, dann ins Auto nach Hause und hoffentlich hat der Coop noch offen für ein Feierabendbrot.
Diese sequenzierte Aufmerksamkeit beobachte ich nicht nur am See, sondern auch im Zug oder an Bahnhöfen, wo genau so verfahren wird: Müll wird liegen gelassen, wo man gerade steht oder sitzt im Wissen, dass irgendeine Putzequipe bestimmt hinter einem her räumen wird – was ja auch stimmt. Einwegsalatbowls, Einwegbecher, Einwegbesteck, Einweggrills und sogar Einwegbadeschuhe (Warum?) – Alles ist disposable. Und hier ist die Doppeldeutigkeit von Disposability von Relevanz: Disposable bedeutet bekanntlich nicht nur wegwerfbar, sondern auch verfügbar. Und genau darin besteht meines Erachtens die Problematik: Es ist alles wegwerfbar und alles allzeit verfügbar und weil es stets verfügbar ist, kann man es auch getrost wegwerfen – dafür wurde es konzipiert. Etwas kulturpessimistisch könnte man konstatieren, dass wir in einer Wegwerfgesellschaft leben und sich die allumfassende Verfügbarkeit nicht nur auf unser Arbeitsleben, sondern längst auch auf unser Freizeitverhalten ausgedehnt hat. Wir haben uns daran gewöhnt, ständig alles zur Verfügung zu haben, wodurch es an Wert verliert und das Wegwerfen leichter fällt. Wir verfahren so aber nicht nur mit Materiellem, sondern offensichtlich auch mit immateriellen Gütern wie einem Naherholungsgebiet und schaffen diese permanente Verfügbarkeit sogar selber. Wenige Stunden nach dem Abfalldesaster findet sich der Seeplatz wieder in alter Frische und picobello aufgeräumt, bereit für die nächsten gedankenlosen Picknickgäste.
Allzeit verfügbar verliert die saubere und intakte Natur genau so ihren Wert wie der Plastikteller, der achtlos weggeworfen wird, nachdem er seinen Zweck erfüllt hat. Wer einen zugemüllten Grillplatz entdeckt, postet ihn empört auf Facebook in den entsprechenden Gruppen (doch, Facebook lebt, genau in diesen Gruppen!) und erhebt Vorwürfe – nicht an die Individuen, sondern an die Stadt Uster, weil sie nicht aufräumt. Die Erwartungshaltung ist die einer ständigen Verfügbarkeit und wenn diese nicht eintrifft, ist die Empörung gross. Vielleicht wäre es spannend, den netten Mann im orangen Wagen einmal ein paar Wochen in die Ferien zu schicken und die Entwicklung am See zu beobachten. Denn spätestens, wenn am nächsten Wochenende ob des ganzen Mülls keine Grillstelle mehr benutzbar ist, wird sich der ein oder die andere seine Gedanken machen. Wir tragen Sorge zu dem, was wir lieben und was für uns einen Wert besitzt. Allzeit Verfügbares und Wegwerfbares sind das Gegenteil davon. Vielleicht müssen wir lernen, dass Disposability für vieles gilt, aber kaum für Naturschutzgebiete und Ökosysteme und vielleicht ist das auch gut so.
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