Zentrum Paul Klee: «Roberto Burle Marx. Modernismo tropical»

Roberto Burle Marx während einer botanischen Expedition in Ecuador, 1974 (Ausschnitt). (Foto: Luiz Knud Correia de Araújo)

Bern – Indem er Gestaltungsprinzipien aus Kunst und Musik auf die Natur übertrug, revolutionierte der brasilianische Künstler Roberto Burle Marx (1909–1994) in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Landschaftsarchitektur. Das Zentrum Paul Klee widmet dem «Erfinder des tropischen Gartens», der auch Maler, Grafiker, Designer, Sammler und Umweltschützer war, vom 17. Oktober 2026 bis 7. Februar 2027 die erste grosse Ausstellung in der Schweiz. Sie lädt dazu ein, das gesamte interdisziplinäre künstlerische Universum von Roberto Burle Marx zu entdecken. Ein Schwerpunkt liegt auf seinen landschaftsarchitektonischen Projekten.

Roberto Burle Marx war ein vielseitiger Gestalter: Er malte, zeichnete, entwarf, sang leidenschaftlich gerne, war Sammler, Umweltaktivist und kultivierte zahllose Pflanzen aus den verschiedenen Ökoregionen Brasiliens. Sein wichtigstes Vermächtnis sind seine landschaftsarchitektonischen Projekte: Er revolutionierte die Landschaftsarchitektur, indem er Gestaltungsprinzipien aus der Malerei und der Musik auf die Natur übertrug und sich an der kulturellen Aufwertung dessen beteiligte, was als «brasilianisch» galt. Seine Gärten und Parks bestückte er mit einheimischen Pflanzenarten, obwohl diese gegenüber importierten europäischen Pflanzen als minderwertig galten, und er engagierte sich für die Erforschung und den Schutz der brasilianischen Flora. Seine Projekte sah er in einem grösseren urbanistischen Kontext. Auch heute noch ist Roberto Burle Marx Referenzfigur für Landschaftsarchitekt:innen weltweit.

Die Ausstellung im Zentrum Paul Klee lädt als erste in der Schweiz dazu ein, den interdisziplinär arbeitenden Künstler, der in seiner Heimat Brasilien als Ikone gilt und zu den wichtigsten Vertreter:innen der globalen Moderne gehört, kennenzulernen. Der Schwerpunkt liegt auf fünfzehn ausgewählten landschaftsarchitektonischen Projekten, die sich durch handgemalte Pläne, Tuschzeichnungen, zahlreiche Fotografien und Filme entdecken lassen. Darunter Gestaltungen von öffentlichen Parkanlagen und privaten Gärten sowie die weltbekannte Copacabana in Rio de Janeiro. Daneben zeigt die Ausstellung Entwürfe und eine Auswahl von Schmuck, Tapisserien, Theaterkostümen und Bühnenbildern sowie Gemälde und Objekte aus dem Sítio Roberto Burle Marx, dem Wohnsitz von Burle Marx, der ihm auch als Atelier und Experimentierfeld diente und seine einzigartige Sammlung tropischer Pflanzen beherbergt. Eine fünfzehn Meter breite Videoinstallation erlaubt es Besucher:innen, in die üppige Pflanzenwelt des Sítio einzutauchen, der heute zum UNESCO-Welterbe gehört. Zudem wird der BBC-Film Lost Paradise: The Gardens of Roberto Burle Marx gezeigt.

Architektur – Malerei – Landschaftsarchitektur
Burle Marx begann seine Karriere an der Kunsthochschule in Rio de Janeiro. Er studierte zunächst Architektur, wechselte dann aber zur Malerei. Obwohl er das Malereistudium nach zwei Jahren abbrach, blieb die Malerei zeitlebens ein Grundpfeiler seines Schaffens. Seine interdisziplinäre Arbeit war wechselseitig durchdrungen von Natur und Kunst: Bei seinen Gartenprojekten arbeitete er oft mit Massenpflanzungen, bei denen klar umrissene, organisch geschwungene oder orthogonale Flächen dicht mit einer bestimmten Pflanzenart bepflanzt werden. So entstehen, wie in der Malerei, nebeneinander gesetzte Flächen, die sich in Form, Farbe oder Textur kontrastieren. Es erstaunt daher wenig, dass seine in Gouache gemalten Pläne an abstrakte Gemälde erinnern. Zudem integrierte er Skulpturen oder farbig gestaltete Wandbilder, Wasserfälle, Steinelemente und Bodenmosaike in seine Landschaftsprojekte. So zum Beispiel das dreifarbige Pflaster an der Copacabana.

Seine zeichnerischen Fertigkeiten setzte Burle Marx für die Visualisierung seiner Projekte ein. Spontane Tuschezeichnungen wirken wie Wimmelbilder, die von Pflanzen und kleinen Menschenfiguren bevölkert sind, und geben einen ersten Eindruck der Projekte. In anderen Zeichnungen achtete er auf eine wissenschaftlich korrekte Wiedergabe verschiedener Ökoregionen Brasiliens mit ihrer je typischen Topografie und den darin heimischen Pflanzen. Ihm war es stets wichtig, Kenntnisse über die einheimische Flora zu vermitteln und die Menschen für die Natur ihres Landes zu sensibilisieren.

Burle Marx pflegte Kontakte und eine enge Zusammenarbeit mit führenden brasilianischen Architekten seiner Zeit, darunter Lucio Costa und Oscar Niemeyer, was ihm früh zu Anerkennung verhalf. So war er für die landschaftsarchitektonische Gestaltung vieler ikonischer Bauwerke des brasilianischen Modernismus verantwortlich. Ab 1938 entwarf er die drei Gärten des Ministeriums für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro, das von einem Team brasilianischer Architekten in Zusammenarbeit mit Le Corbusier geplant wurde und das erste modernistische öffentliche Gebäude Lateinamerikas war. Insgesamt haben

Roberto Burle Marx und sein Team mehr als zweitausend Projekte für Garten- und Parkgestaltungen auf der ganzen Welt hinterlassen. Darunter auch für den tropischen Garten der von Richard Neutra entworfenen Casa Schulthess in Havanna, die heute die Residenz der Schweizer Botschaft in Kuba beherbergt.

Der Erfinder des tropischen Gartens
Viele von Burle Marx’ innovativen Ansätzen – die asymmetrischen und geschwungenen Formen, die klare Gestaltung mit dichten Massenpflanzungen, die harmonische Verbindung von Architektur, Garten und umgebender Landschaft, seine profunde Pflanzenkenntnis, der Einsatz tropischer Arten sowie der Einbezug von Elementen der modernen Kunst und der brasilianischen Kultur – prägen die Landschaftsarchitektur bis heute nachhaltig und sind weltweit anzutreffen.

Oft zeigen Burle Marx’ Entwürfe für öffentliche Parks und urbane Räume, wie Landschaftsarchitektur das städtische Leben bereichern und das Gemeinschaftsgefühl stärken kann. Burle Marx war weniger an der Gestaltung von Privatgärten als vielmehr daran interessiert, Erholungsräume und Berührungspunkte mit der Natur für die stark wachsende städtische Bevölkerung zu schaffen. Er berücksichtigte damit bereits Mitte des 20. Jahrhunderts sowohl urbanistische als auch soziale Aspekte, was heute selbstverständlich ist.

Avantgardist und Umweltschützer
1949 erwarb Burle Marx ein ehemaliges Landgut, wo er mit Gestaltungselementen experimentierte und eine lebende Pflanzensammlung aufbaute. Für seine immer zahlreicher und grösser werdenden Projekte benötigte er einheimisches Pflanzenmaterial, das im Handel nicht ausreichend verfügbar war. Er organisierte Expeditionen in verschiedene Regionen Brasiliens, um Pflanzen zu sammeln. Einige davon waren noch nicht wissenschaftlich erfasst: Burle Marx und sein Team sammelten über hundert neue Arten. Rund dreissig davon wurden nach ihm benannt und tragen den Namenszusatz «burlemarxii». Die Sammlung des heutigen Sítio Robert Burle Marx umfasst über 3500 Arten aus Brasilien und anderen Weltgegenden, einige davon sind durch Abholzung, Industrialisierung und extensive Landwirtschaft in der freien Natur verschwunden. Bereits in den 1960erJahren setzte sich Burle Marx als Mitglied des Bundeskulturrates gegen die Entwaldung und die Zerstörung der Artenvielfalt ein. Er war damit einer der ersten Umweltschützer, der sich in Brasilien für die Biodiversität engagierte. Burle Marx brachte Ökologie, Urbanismus und Kunst in einzigartiger Weise zusammen – ein Aspekt, der sein Schaffen bis heute besonders relevant und faszinierend macht. (ZPK/mc/ps)

Ausstellungsinformationen

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