AWS: Zwischen Experiment und Skalierung – Das KI-Potenzial der Schweiz richtig nutzen

Christoph Schnidrig

Christoph Schnidrig, Head of Technology, AWS Switzerland. (Foto: zvg/mc)

Die Ergebnisse der aktuellen Studie «Das Potenzial von KI in der Schweiz 2026 erschliessen» im Auftrag von AWS zeichnen ein zweigeteiltes Bild der Schweizer Wirtschaft: Während die Verbreitung künstlicher Intelligenz (KI) im Mittelstand stetig wächst, hakt es bei der strategischen Verankerung und Skalierung.

von Christoph Schnidrig, Head of Technology, AWS Switzerland

Die Einführung von KI in der Schweiz tritt in eine entscheidende Phase ein. Mittlerweile nutzen 57 Prozent der hiesigen Unternehmen KI-Technologien gegenüber 46 Prozent im Vorjahr. Damit liegt die Schweiz über dem europäischen Durchschnitt von 54 Prozent. Allerdings hat sich das Wachstum im Jahresvergleich spürbar von 48 Prozent im Vorjahr auf 24 Prozent verlangsamt. Zudem zeigt sich unter der Oberfläche eine Herausforderung: Die Nutzung nimmt zwar zu, bleibt aber meist auf einer grundlegenden Stufe.

Breite Akzeptanz trifft auf Stagnation bei der Skalierung
Obwohl 65 Prozent der KI-Einführung eine hohe Priorität einräumen und 70 Prozent die Technologie als zentral für ihre Geschäftsstrategie erachten, verharrt der Grossteil auf grundlegender Stufe. Rund 60 Prozent der Anwendenden setzen KI primär für Routineaufgaben wie öffentliche Chatbots oder Standard-Software ein. Der Anteil von Unternehmen mit fortgeschrittenen, massgeschneiderten oder autonomen KI-Systemen ging prozentual leicht von 20 Prozent auf 18 Prozent zurück. Dies erklärt sich durch den starken Zustrom von Einsteigern, verdeutlicht jedoch auch die bestehende KI-Kluft. Aktuell verfügen erst 31 Prozent aller Unternehmen über eine umfassende KI-Strategie, bei kleinen und mittelgrossen Unternehmen (KMU) sind es lediglich 29 Prozent.

Wo KI bereits tiefer integriert ist, zeigt sich der Nutzen eindeutig. Von den Unternehmen, die KI einsetzen, berichten 83 Prozent von messbaren Produktivitätssteigerungen und 84 Prozent erwarten dadurch zusätzliches Wachstum. Bei den KMU, die KI nutzen, geben 64 Prozent an, dass sich dadurch ihre Innovationszeitpläne beschleunigt haben. Als solide Basis dient die Cloud-Infrastruktur: 74 Prozent der Schweizer Unternehmen nutzen mittlerweile Cloud-Lösungen – nach 66 Prozent im Vorjahr. Der Cloud-Reifegrad liegt mit 68 Prozent deutlich über dem europäischen Schnitt.

Die nächste Technologiewelle: Agentische KI und Physical AI
Mit dem Fortschreiten der generativen KI zeichnet sich die nächste Stufe ab. Agentische Systeme und physische KI bieten das Potenzial zur autonomen Entscheidungsfindung und zu intelligenten Produktionsprozessen. Allerdings ist die Bekanntheit noch gering: Erst 24 Prozent der Unternehmen kennen agentische KI, und nur 4 Prozent haben sie bisher vollständig implementiert. Anwender von agentischer KI berichten jedoch zu 43 Prozent von schnelleren Entscheidungen und zu 33 Prozent von höherer betrieblicher Effizienz.

In der Praxis nutzt der Agrarkonzern Syngenta auf AWS basierende agentische KI mit Cropwise AI, um Beratungsempfehlungen fünfmal schneller zu erstellen. Das ETH-Spin-off mimic robotics nutzt KI-Videomodelle, damit Greifroboter menschliche Handbewegungen erlernen und komplexe Aufgaben in Produktion und Logistik selbstständig ausführen können.

Hürden bei Regulierung, Kosten und Start-ups
Obwohl die Schweiz mit 110,5 KI-Forschenden und Entwickelnden pro 100’000 Einwohnerinnen und Einwohnern weltweit an erster Stelle steht, klagen 35 Prozent der Unternehmen über einen Mangel an praxisnah einsetzbaren Fachkräften im eigenen Betrieb. Zudem besitzen 41 Prozent der KMU kein eigenes KI-Budget.

Erhebliche Hindernisse stellen auch Regulierung und Compliance dar: Schweizer Unternehmen wenden im Schnitt 47 Prozent ihrer gesamten IT-Ausgaben für die Einhaltung nationaler und internationaler Vorschriften auf. Hinzu kommt für KI-Anwendungen eine neue Unsicherheit: Eine Motion im Schweizer Parlament fordert eine Opt-in-Zustimmung der Rechteinhaber für das KI-Training, was Schweizer Unternehmen den Zugang zu KI-Technologien erschweren und ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährden könnte.

Besonders gefordert ist das Start-up-Ökosystem. Start-ups kämpfen vor allem mit eingeschränktem Kapitalzugang (54 Prozent), Fachkräftemangel (42 Prozent) und regulatorischer Fragmentierung (38 Prozent). In der Folge erwägen 32 Prozent der Schweizer Start-ups einen Wegzug aus Europa, vor allem in die USA (58 Prozent) oder nach Ostasien (19 Prozent). Vor allem in diesem Segment drohen die geplanten Urheberrechtsanpassungen mit Opt-in-Pflichten die Rechtsunsicherheit weiter zu verschärfen.

Das Rezept für nachhaltigen Erfolg
Damit die Schweiz ihre Spitzenposition behauptet, müssen die exzellente Hochschulforschung rascher in marktfähige Produkte münden und der Mittelstand leichteren Zugang zu KI-Talenten erhalten. Neben gezielten Förderanreizen braucht es praxistaugliche, international abgestimmte Regeln sowie maximale Freiheit bei der Technologieauswahl. 93 Prozent der hiesigen Firmen betrachten die freie Wahl zwischen verschiedenen Anbietern als entscheidend. Das Ziel ist klar: Aus der breiten Akzeptanz muss nun nachhaltiger wirtschaftlicher Nutzen entstehen. (aws/mc/pg)

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