Von Joël Le Saux, Portfoliomanager bei Eurizon
Die Bank of Japan dürfte bei ihrer nächsten Sitzung den Leitzins um 25 Basispunkte auf 1,25 Prozent anheben. Da dieser Schritt weitgehend erwartet wird, dürfte die Entscheidung selbst nur begrenzte Auswirkungen auf den Markt haben. Entscheidend wird vielmehr die Kommunikation der Notenbank sein: Die Marktteilnehmer haben ihre Erwartungen für weitere Zinserhöhungen zuletzt angepasst und rechnen bis zum kommenden Sommer mit vierteljährlichen Zinserhöhungen, so dass der Leitzins dann bei 2 % liegen dürfte.
Nach drei Jahren solider Wertentwicklung – mit jährlichen Zuwächsen von über 20 % – lassen sich die guten Ergebnisse des Jahres 2026 auf mehrere Faktoren zurückführen. Ein zweistelliges Gewinnwachstum je Aktie für die Jahre 2026 und 2027 scheint der Hauptgrund für diese anhaltende Rallye zu sein. Einen wichtigen Beitrag leisten Technologieunternehmen, die im TOPIX stark gewichtet sind. Auch Unternehmen aus den Sektoren Industrie und Materialien profitieren von Investitionen in künstliche Intelligenz.
Dabei ist die Normalisierung der Geldpolitik Teil eines umfassenderen Regimewechsels in Japan. Die BoJ hat in den vergangenen zwei Jahren ihre Leitzinsen angehoben, während sich die mittel- bis langfristige Zinskurve bereits weitgehend normalisiert hat. Davon profitieren unter anderem Banken, die über hohe Überschussliquidität und Anleiheportfolios mit kurzer Duration verfügen. Generell gewinnen japanische Unternehmen zunehmend an Preissetzungsmacht.
Die Reformen bei der Corporate Governance sind struktureller Natur. Unternehmen verfügen weiterhin über Spielraum für höhere Aktionärsrenditen, da ihre Ausschüttungsquoten im internationalen Vergleich niedrig sind. Der Abbau von Überkreuzbeteiligungen, eine stärkere Fokussierung auf die Eigenkapitalrendite und eine zunehmend aktionärsfreundliche Unternehmensführung prägen damit die japanische Aktienmarktstory ebenso wie die Normalisierung der Geldpolitik.
Auch die jüngste Aufwertung des Yen hat die meisten Marktteilnehmer überrascht. Mit rund 153 Yen je US-Dollar bewegt sich die Währung jedoch weiterhin innerhalb ihrer Zweijahresspanne von 145 bis 160 Yen. Die Schwäche des Yen oberhalb von 160 Yen zu Beginn des Sommers war wahrscheinlich unbegründet. Auf dem aktuellen Niveau dürfte der Einfluss auf die Unternehmensgewinne begrenzt bleiben. Die meisten Unternehmen haben ihre Gewinnprognosen für 2026 auf Basis eines Kurses von 155 Yen erstellt. Das erwartete Gewinnwachstum der TOPIX-Gewinne für 2026 und 2027 sollte daher weitgehend unverändert bleiben.
Nach der starken Entwicklung ist der japanische Aktienmarkt nicht mehr günstig bewertet. Die aktuellen Bewertungen erscheinen jedoch angesichts des erwarteten Gewinnwachstums angemessen. Ein zweistelliges EPS-Wachstum erscheint uns plausibel. Inländische Unternehmen wirken aus Bewertungssicht attraktiv, doch ihre Marktkapitalisierung macht weniger als ein Viertel des TOPIX aus und es handelt sich in der Regel nicht um Mega-Caps
Der japanische Aktienmarkt ist breiter aufgestellt als der US-Markt. Das grösste Unternehmen hat ein Gewicht von 4 %, das zweitgrösste lediglich 2,5 %. Zum Vergleich: Die drei grössten US-Unternehmen kommen zusammen auf einen Anteil von mehr als 20 %. Gegenüber Europa ist der Technologiesektor in Japan deutlich stärker gewichtet. Für globale Anleger bietet der japanische Markt daher gute Diversifikationsmöglichkeiten.
Der Regimewechsel ist struktureller Natur. Wir sehen keinen Grund, warum sich dieser Rückenwind plötzlich umkehren sollte. Japan befindet sich in einem positiven Kreislauf aus Lohnwachstum, das weitgehend mit der zugrunde liegenden Inflation Schritt hält, einer Normalisierung der Geldpolitik und einem zunehmend anlegerfreundlichen Verhalten der Unternehmen. Dazu zählen höhere Ausschüttungen an die Aktionäre, der Abbau von Überkreuzbeteiligungen und ein stärkerer Fokus auf die Eigenkapitalrendite. Darüber hinaus setzt sich in den Führungsetagen vieler Unternehmen zunehmend eine wachstumsorientierte Denkweise durch. Diese Entwicklung ist neu und dürfte das künftige Gewinnwachstum unterstützen. (Eurizon/mc/ps)
