BT, Barclays, Rolls-Royce: Die neuen Cashflow-Treiber der Londoner Börse

Vishal Bhatia

Vishal Bhatia, Senior Fondsmanager bei J O Hambro. (Foto: zvg)

Von Vishal Bhatia, Senior Fondsmanager bei J O Hambro

Der britische Aktienmarkt wird von vielen internationalen Anlegern noch immer vor allem durch die Brille der britischen Politik betrachtet. Das ist ein Fehler. Denn zwischen dem Markt, an dem ein Unternehmen gelistet ist, und den Regionen, in denen es seine Umsätze und Gewinne erzielt, besteht ein grosser Unterschied. Viele in London kotierte Unternehmen sind keine rein britischen Firmen, sondern globale Marktführer – nur eben mit britischem Börsenetikett. Genau darin liegt heute die Chance. Der britische Aktienmarkt handelt seit Jahren mit einem deutlichen Abschlag gegenüber anderen grossen Märkten, insbesondere den USA. Doch aus Sicht aktiver Anleger ist das kein Grund, den Markt zu meiden. Im Gegenteil: Ein günstiger Markt bietet ein attraktives Umfeld, um Qualitätsunternehmen mit hoher Sicherheitsmarge zu finden. Anleger erhalten Zugang zu internationalen Qualitätsunternehmen – aber zu einem Preis, der deutlich unter dem vieler globaler Wettbewerber liegt.

Entscheidend ist allerdings Selektivität. Wir investieren nicht in den britischen Markt als solchen, sondern in Unternehmen, deren Wertsteigerung aus eigener Kraft entstehen kann. Unser Fokus liegt auf Unternehmen, die sich in einer Transformation befinden: Firmen, die sich in der Vergangenheit von ihrem Kerngeschäft entfernt haben, deren Ertragskraft dadurch gelitten hat und die nun durch Managementwechsel, Kostendisziplin, Schuldenabbau oder Portfoliobereinigungen wieder auf einen klareren Wertpfad zurückkehren.

Der Schlüssel liegt im freien Cashflow. Er zeigt, wie viel Geld einem Unternehmen nach Kosten und Investitionen tatsächlich bleibt. Genau dort setzen wir an: Wir suchen Firmen, die durch Kostensenkungen, Verkäufe von Randaktivitäten oder einen stärkeren Fokus auf das Kerngeschäft wieder mehr Barmittel erwirtschaften. Steigt dieser freie Cashflow nachhaltig, kann der Markt den inneren Wert des Unternehmens neu bewerten. Unser UK-Dynamic-Portfolio weist aktuell eine Free-Cashflow-Rendite von rund 9% auf. Gleichzeitig erwarten wir für die Unternehmen im Portfolio ein Gewinnwachstum von etwa 12 bis 13%. Hinzu kommt eine Dividendenrendite von rund 3,5%. Anleger werden also dafür bezahlt, auf die Realisierung des inneren Werts zu warten.

Mehr KI-Gewinner als der Markt erwartet
Ein gutes Beispiel ist Rolls-Royce. Das Unternehmen war während der Pandemie schwer getroffen, weil der Flugverkehr praktisch zum Stillstand kam. Gleichzeitig verfügte Rolls-Royce über starke Technologie, geistiges Eigentum und langfristig attraktive Geschäftsfelder. Die Kapitalstruktur musste stabilisiert werden, und genau das geschah. Danach leitete das neue Management unter CEO Tufan Erginbilgic eine tiefgreifende operative Transformation ein.

Heute ist Rolls-Royce nicht mehr nur eine Wette auf die Erholung des Flugverkehrs. Das Unternehmen profitiert von mehreren strukturellen Trends: steigenden Verteidigungsausgaben, dem Bedarf an Backup-Stromversorgung für Rechenzentren, möglichen Chancen im Markt für kleinere Flugzeugtriebwerke sowie der Entwicklung kleiner modularer Nuklearreaktoren. Gerade diese Breite macht Rolls-Royce interessant. Das Unternehmen hat Bilanz, Kostenbasis und Cashflow-Profil deutlich verändert und ist heute ein anderes Unternehmen als noch vor wenigen Jahren. Die Position macht derzeit rund 5% des Portfolios aus.

Ein zweites Beispiel ist Diageo. Der Spirituosenkonzern steht aus unserer Sicht erst am Anfang einer mehrjährigen Transformation. Das Unternehmen hatte in den vergangenen Jahren stark auf Premiumisierung gesetzt und dabei Marktanteile an günstigere, agilere Wettbewerber verloren. Nun sehen wir einen klareren Fokus auf Bruttogewinn, Cashflow, Schuldenabbau und den Verkauf nicht strategischer Vermögenswerte. Auch Diageo zählt mit rund 5% zu den grösseren Positionen im Portfolio. Der Unterschied zu Rolls-Royce: Rolls-Royce ist bereits ein weit fortgeschrittener Transformationsfall, Diageo steht noch früher im Zyklus.

Auch die Debatte um künstliche Intelligenz eröffnet Chancen – allerdings nicht immer dort, wo der Markt sie vermutet. Viele Anleger teilen Unternehmen vorschnell in „AI-Gewinner“ und „AI-Verlierer“ ein. Das ist gefährlich. Seit der Einführung von ChatGPT wurden etwa Firmen wie WPP oder Pearson häufig pauschal als Verlierer eingeordnet. Dabei wurden Restrukturierungen, Managementwechsel, der Einsatz eigener AI-Tools und veränderte Strategien vom Markt kaum berücksichtigt. Genau solche Fehlbewertungen können für aktive Investoren interessant sein.

Auf der anderen Seite gibt es Unternehmen, die von der Infrastruktur hinter AI profitieren. Künstliche Intelligenz braucht tiefe Latenz, hohe Datenvolumina, belastbare Netze und sichere Energieversorgung. Ein Beispiel ist BT. Der britische Telekomkonzern baut über Openreach eines der zentralen Glasfasernetze des Landes aus. Das Unternehmen hatte vor einigen Jahren das Ziel formuliert, 25 Mio. Haushalte mit Glasfaser zu erreichen; inzwischen geht die Planung in Richtung nahezu universeller Abdeckung bis 2030. Der Höhepunkt der Investitionsphase wird aus unserer Sicht in diesem Jahr erreicht. Danach sollte der freie Cashflow deutlich steigen – im kommenden Jahr um rund 35%, bis Ende des Jahrzehnts könnte er sich verdoppeln. Die Free-Cashflow-Rendite von BT liegt aus unserer Sicht weiterhin im zweistelligen Bereich.

Interessant sind zudem Unternehmen, die AI früh und effizient in ihren eigenen Geschäftsprozessen einsetzen. Dazu zählen Banken wie Barclays und Standard Chartered. Beide Institute arbeiten seit Jahren an Kostensenkungsprogrammen und profitieren nun zusätzlich davon, dass AI Prozesse effizienter macht. Wir erwarten, dass sich die Cost-Income-Ratios beider Banken in Richtung 50% bewegen können. Gleichzeitig sind die Bilanzen deutlich stärker als vor der Finanzkrise. Die harte Kernkapitalquote liegt bei rund 14% – etwa doppelt so hoch wie vor der globalen Finanzkrise. Barclays macht derzeit rund 5% des Portfolios aus, Standard Chartered rund 4%.

Globale Qualitätsunternehmen billig bewertet
Diese Beispiele zeigen, warum der britische Markt für aktive Anleger attraktiv bleibt. Es geht nicht darum, eine makroökonomische Wette auf Grossbritannien einzugehen. Vielmehr bietet London Zugang zu globalen Franchise-Unternehmen, die häufig aufgrund ihres Listings mit einem Abschlag bewertet werden. Rolls-Royce, Diageo, Barclays und Standard Chartered sind keine rein lokalen britischen Firmen. Sie sind globale Unternehmen mit globalen Ertragsquellen.

Die hohe Unsicherheit an den Märkten verstärkt diese Chance. Viele Investoren reagieren auf geopolitische Schlagzeilen, Zinsdebatten, Rohstoffpreise oder AI-Narrative, indem sie ganze Aktienkörbe kaufen oder verkaufen. Dadurch entstehen Fehlbewertungen bei einzelnen Unternehmen. Für fundamentale Bottom-up-Investoren ist genau das ein attraktives Umfeld. Wer sich auf Bilanzqualität, Free Cashflow, Managementdisziplin und konkrete Transformationsfortschritte konzentriert, kann Unternehmen identifizieren, deren Wertentwicklung weniger von kurzfristigen Schlagzeilen abhängt als vom eigenen operativen Fortschritt.

Der britische Aktienmarkt ist also nicht deshalb interessant, weil er billig ist. Er ist interessant, weil Anleger dort globale Qualitätsunternehmen finden können, die billig bewertet sind – und deren Managementteams konkrete Hebel haben, um freien Cashflow und Eigenkapitalwert zu steigern. Für langfristige Anleger ist das eine seltene Kombination: hohe Sicherheitsmarge, attraktive laufende Rendite und strukturelles Wertsteigerungspotenzial.

J O Hambro

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