Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: 89 Jahre sind genug

Fredy Hasenmaile

Fredy Hasenmaile, Chefökonom Raiffeisen. (Foto: Raiffeisen)

Hollywood kann einpacken. Die Geschichte, welche das Schweizer Eishockey letzte Woche schrieb, hätte in keinem Drehbuch packender, dramatischer und rührender sein können. Zum ersten Mal seit 2004 fiel die Entscheidung über den Schweizer-Meister-Titel wieder in der Overtime des letzten Spiels. Als Lucas Wallmark in der sechsten Minute der Verlängerung die Scheibe unter die Latte hämmerte, brachen alle Dämme. Es war weit mehr als nur eine Eruption erlösender Freude über den langersehnten Meistertitel. In diesem Moment fiel eine zentnerschwere Last von den Schultern der Freiburger Spieler. Starke Männer lagen sich in den Armen, schrien vor Erleichterung und konnten ihre Tränen kaum unterdrücken.

Es war der ultimative letzte Tanz dieser Mannschaft. Seit Jahren hatte die Equipe eine Hand am Kübel. In den letzten fünf Jahren wurde sie dreimal Zweite der Qualifikation – doch mit dem Meistertitel wollte es nicht klappen. Seit 89 Jahren wartete der 1937 gegründete Klub auf diesen Erfolg. Mehrmals war er in der jüngeren Geschichte nahe dran gewesen. Vier Finalserien hatten die Üechtländer bereits verloren. Und es war buchstäblich die letzte Gelegenheit. Die Mannschaft wird im kommenden Jahr ein anderes Gesicht haben. Torhüter Reto Berra lässt seine Karriere in Kloten ausklingen, Julien Sprunger, der Stürmerstar der Freiburger, hängt seine Schlittschuhe an den Nagel. Und Lucas Wallmark, der Erlöser, der zusammen mit Marcus Sörensen ein kongeniales Sturmduo bildete, hat bereits in der zweiten schwedischen Liga unterschrieben.

Definitiv die letzte Chance, als ultimative Legende in die Freiburger Geschichte einzugehen, war es für Stürmer Julien Sprunger. Der Freiburger Held und Identifikationsfigur hielt seinem Klub stets die Treue und widerstand allen Versuchungen, zu einem Meisterteam nach Bern, Zürich oder Zug zu wechseln. Mit seinen 40 Jahren und sichtlich ergrautem Bart war der Captain auch in seiner letzten Saison eine Teamstütze und ein wesentlicher Puzzlestein des Erfolgs. Bereits im Vorjahr wollte er zurücktreten. Wegen Roger Rönnberg, dem neuen Trainer, hängte er noch eine weitere Saison an – in der Hoffnung, vielleicht doch noch Meister zu werden. In Spiel drei traf er zum Overtime-Sieg und sein wichtiges Tor in der zweitletzten Partie ebnete überhaupt erst den Weg zur alles entscheidenden Finalissima. Er wird in Freiburg in Zukunft im gleichen Atemzug genannt werden wie Jo Siffert, der legendäre Freiburger Autorennfahrer.

Nicht auszudenken, wenn es nach so viel Leidenschaft, Arbeit und Willensleistung doch wieder nicht geklappt hätte. Die Leere wäre grenzenlos gewesen. Die Saane wäre ob der Tränen über die Ufer getreten. Die Freiburger hatten bereits den Ruf der Erfolglosen und dieser schien sich allmählich zu einem Fluch zu entwickeln. Den Gedanken daran schienen die Beteiligten gar nicht erst zulassen zu wollen. Sie sahen sich auf einer heiligen Mission, mit dem Auftrag, den Titel für Julien zu holen.

Und das Schicksal hatte ein Einsehen. Der HCD, der phasenweise auch im letzten Spiel das bessere Team war, vermochte das Glück nicht auf seine Seite zu zwingen. Die Götter schienen sich angesichts der erdrückenden Argumente auf die Seite der Freiburger gestellt zu haben. Bereits in der 58. Minute, als der Davoser Tino Kessler beim Spielstand von 2:2 den Puck an die Latte knallte und das Freiburger Märchen auf der Klinge stand, schienen sich die Götter für Gottéron entschieden zu haben. Gestohlen ist der Titel aber keineswegs. Beide Mannschaften hätten den Sieg gleichermassen verdient. Auch die Statistiken zeigen, dass die beiden besten Teams der Qualifikation nur sehr wenig voneinander trennt. Und so musste letztlich das Schicksal entscheiden. Die Bündner mögen mir verzeihen, wenn ich in dieser Frage Partei für die Zähringer ergreife. Bei allem Respekt: Die Freude des Rekordmeisters über den 32. Titel wäre kaum so gross gewesen wie die Freude der Freiburger über den ersten Titel ihrer Klubgeschichte.

Der HC Fribourg-Gottéron spielte nicht nur gegen Davos. Die Mannschaft spielte gegen ihre Geschichte. Gegen Bykow und Chomutow, die beiden Russen, die einst gross genug waren für jedes Eishockey-Epos und doch am letzten Tor scheiterten. Gegen die Erinnerung an verlorene Finals. Gegen das Etikett der Unvollendeten. Gegen den eigenen Fluch. Und ja: Ab und zu scheint es eine höhere Gewalt zu geben, die dafür sorgt, dass nicht ist, was nicht sein darf. Hollywood darf sich gerne melden, um sich die Rechte an diesem unglaublichen Drehbuch zu sichern. (Raiffeisen/mc)

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