Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Brave New World

Fredy Hasenmaile

Fredy Hasenmaile, Chefökonom Raiffeisen. (Foto: Raiffeisen)

Von Fredy Hasenmaile, Chefökonom Raiffeisen Schweiz

Früher lasen wir Science-Fiction-Romane, wie den berühmten Klassiker «Schöne neue Welt» von Aldous Huxley. Oder wir sahen entsprechende Filme und waren fasziniert von den darin gezeichneten Zukunftswelten. Heute brauchen wir keine utopischen Bücher mehr. Die von der Künstlichen Intelligenz (KI) umgepflügte Gegenwart ist schon faszinierend genug – und verspricht mehr Science-Fiction, als wir uns womöglich wünschen. Lauscht man den KI-Apologeten, wie sie unsere künftige Welt skizzieren, scheint die Utopie schon morgen Realität zu werden.

KI macht Arbeit optional
Eine der prominentesten Stimmen in dieser Debatte ist Elon Musk. Gemäss seinen Überlegungen wird KI nicht nur die Produktivität massiv steigern, sondern letztlich sämtliche menschliche Arbeit überflüssig machen. Wir werden dereinst wählen können, ob wir noch arbeiten wollen oder ob KI und Roboter uns die Arbeit abnehmen. In einer solchen Welt, in der es mehr Roboter als Menschen geben soll, würden Knappheiten überwunden. Musk skizziert eine Welt des Überflusses. Armut werde dank KI und Roboter eliminiert, und jeder Mensch werde wohlhabend sein. Selbst Geld werde in einem solchen System überflüssig. Der reichste Mensch der Welt sagt, man müsse sich keine Sorgen mehr darüber machen, wie man Geld für den Ruhestand zurücklegt. Denn es werde keine Rolle mehr spielen. Allerdings liefert er keine Details, wie ein solches System konkret funktionieren würde.

Arbeit als Fundament der Ökonomie
Historisch gesehen war Arbeit eine zentrale knappe Ressource in jeder Wirtschaftsordnung. Die klassische Ökonomie verstand Arbeit als einen der drei grundlegenden Produktionsfaktoren neben Kapital und Boden beziehungsweise Rohstoffen. Arbeit strukturierte nicht nur die Produktion von Gütern und Dienstleistungen, sondern auch die gesellschaftliche Verteilung von Einkommen und Status. Insofern war Einkommen aus Arbeit nicht nur ein Mittel zur Existenzsicherung, sondern zugleich ein Mechanismus sozialer Integration. Sollte künstliche Intelligenz tatsächlich einen grossen Teil menschlicher Arbeit ersetzen, würde dies eine fundamentale Verschiebung dieser sozialen Struktur bedeuten. Doch selbst wenn Maschinen einen Grossteil der Produktion übernehmen, verschwinden Knappheiten nicht automatisch. Sie verlagern sich bloss. Die Knappheit könnte sich künftig stärker auf andere Faktoren konzentrieren – etwa auf Energie, Rohstoffe, Rechenkapazitäten, Daten oder Eigentumsrechte an KISystemen.

Die Illusion einer Welt ohne Knappheit Viele techno-utopische Vorstellungen setzen implizit voraus, dass KI eine Welt nahezu unbegrenzter Güterproduktion ermöglicht. Ökonomisch betrachtet ist eine solche Annahme problematisch. Auch hochautomatisierte Systeme benötigen physische Ressourcen, Infrastruktur und Wartung. Rechenzentren verbrauchen enorme Mengen an Energie, seltenen Rohstoffen und Landflächen. Selbst wenn Produktionskosten sinken, bleiben grundlegende Ressourcen begrenzt. Knappheit ist daher kein vorübergehendes Problem, das durch Technologie verschwindet, sondern ein strukturelles Merkmal jeder realen Ökonomie. Selbst in einer hochautomatisierten Zukunft wird es Rivalität um Ressourcen geben – etwa um Wohnraum an attraktiven Lagen, exklusive Erlebnisse, seltene Materialien oder politische Macht. Geld würde damit nicht überflüssig. Zwar ist es richtig, dass in einer Welt ohne Knappheit Geld tatsächlich unnötig ist, da keine Preisbildung erforderlich wäre. Doch wie bereits erwähnt, ist vollständige Knappheitsfreiheit ökonomisch höchst unwahrscheinlich. Geld würde daher weiterhin seine zentrale Koordinationsfunktion ausüben und als Informations- und Verteilungsmechanismus in einer komplexen Wirtschaft dienen.

Das ungelöste Problem der Verteilung
Ein zentrales Defizit vieler Zukunftsvisionen ist die mangelnde Auseinandersetzung mit Verteilungsfragen. Wenn die menschliche Arbeit nicht mehr benötigt wird, sinkt ihr Preis – also die Löhne. Die meisten Menschen würden dadurch eher verarmen als wohlhabend werden, da die menschliche Arbeit nicht mehr als Einkommensquelle dient. Gesellschaftlich stellt sich dann die Frage: Wer besitzt die Maschinen und die Algorithmen, die den Wohlstand erzeugen? In einer marktwirtschaftlichen Logik würden Eigentümer von KISystemen einen erheblichen Teil der Wertschöpfung kontrollieren. Ohne politische Eingriffe könnte dies zu einer massiven Konzentration von Vermögen führen. Bereits heute zeigt sich eine starke Konzentration wirtschaftlicher Macht in technologieintensiven Branchen. So machen die Aktien der «Magnificent Seven» inzwischen mehr als einen Sechstel des Aktien-Weltindex aus. Eine vollständig automatisierte Wirtschaft könnte diese Konzentrationstendenzen drastisch verstärken. Modelle wie ein bedingungsloses Grundeinkommen werden häufig als mögliche Lösung vorgeschlagen. Doch auch solche Konzepte setzen voraus, dass ausreichend steuerbare Wertschöpfung existiert und politische Institutionen über genügend Legitimation verfügen, um Umverteilung durchzusetzen. Ohne funktionierende staatliche Strukturen würde eine solche Verteilung kaum stabil realisierbar sein.

Die Grenzen technologischer Heilsversprechen
Die Vorstellung, dass Künstliche Intelligenz alle ökonomischen Probleme löst und Arbeit überflüssig macht, ist faszinierend, aber hochgradig spekulativ. Selbst wenn KI enorme Produktivitätsgewinne ermöglicht, bleiben grundlegende ökonomische Fragen bestehen: Wer besitzt die Produktionsmittel? Wie werden Ressourcen verteilt? Welche Rolle spielen Anreize und Institutionen? Zum Beispiel war Arbeit bisher nicht nur Einkommensquelle, sondern auch Grundlage für Innovation, Qualifikation und gesellschaftliche Teilhabe. Wenn individuelle Anstrengung nicht mehr unmittelbar mit wirtschaftlichem Nutzen verbunden ist, stellt sich die Frage, wie Motivation und Innovation künftig organisiert werden. Eine Zukunft ohne menschliche Arbeit ist nicht zwangsläufig eine Utopie. Die Vorstellung, damit würden alle Probleme verschwinden, hingegen schon. Eine solche Zukunft würde neue Formen von Ungleichheit und Abhängigkeit hervorbringen. Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht in der Technologie selbst, sondern in der Gestaltung der wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sie eingesetzt wird.

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