Neue Chancen zwischen Kapitalmarktöffnung und globaler Diversifikation.
Von Meryem Grimaldi | Grimaldi & Partners AG, Zürich | Stand 13. Oktober 2026
Zürich – Ein offenerer Aktienmarkt, wachsende Digitalgeschäfte und der Bedarf an verlässlicher Energieversorgung eröffnen am Golf neue Anlageperspektiven. Zugleich verändert der Krieg im Nahen Osten die wirtschaftlichen Voraussetzungen. Teil 2 der EMMA-Serie fragt deshalb, wo belastbare Erträge entstehen können – und wie Investoren aus der Golfregion ihre heimischen Chancen mit einer international ausgerichteten Vermögensstrategie verbinden.
Einordnung
Im ersten Beitrag vom August 2025 standen Reformen, Infrastruktur und die wirtschaftliche Öffnung im Mittelpunkt. Diese Themen bleiben relevant. Im Herbst 2026 müssen Anleger jedoch genauer unterscheiden: zwischen angekündigtem Projektvolumen und finanzierten Vorhaben, zwischen Umsatzwachstum und verfügbarem Geldfluss, zwischen einer attraktiven Branche und einer angemessen bewerteten Aktie.
Die neue Ausgangslage ist anspruchsvoll. Die Weltbank erwartet in ihrer Oktober-Prognose für die sechs Staaten des Golfkooperationsrats GCC einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um durchschnittlich 4,3 Prozent im Jahr 2026. Die Störungen an der Strasse von Hormus belasten Exporte; auch Tourismus, Luftfahrt und Logistik leiden. [1] Der am 13. Oktober veröffentlichte IWF-Ausblick veranschlagt laut Reuters für Saudi-Arabien minus 3,3 Prozent und für die Vereinigten Arabischen Emirate minus 3,9 Prozent. Das sind Prognosen, keine bereits feststehenden Jahresergebnisse. [2]
Unsere Schlussfolgerung: Die Region verlangt heute eine sorgfältigere Auswahl und einen längeren Atem. Wer die Unternehmen hinter den Schlagzeilen prüft, kann Geschäftsmodelle entdecken, deren Entwicklung vom regionalen Konjunkturbild abweicht. Für Anleger aus dem Golf wird zugleich besonders greifbar, welchen Wert geografisch verteilte Vermögensanlagen haben.
Impulse für Wachstum und Rendite
Kapitalmarktöffnung wird konkret. Seit dem 1. Februar 2026 erlaubt Saudi-Arabien allen Kategorien ausländischer Investoren den direkten Zugang zum Hauptmarkt; die bisherige Qualifikation als «Qualified Foreign Investor» entfällt. Damit ist ein zentraler Reformpunkt aus Teil 1 umgesetzt. [3] Ein grösserer Kreis möglicher Käufer kann die Marktentwicklung unterstützen. Einen automatischen Kursanstieg begründet die Öffnung allerdings ebenso wenig wie eine Garantie, jederzeit zu günstigen Konditionen handeln zu können.
Digitalisierung liefert überprüfbare Geschäftszahlen. Der Telekom- und Technologiekonzern e& meldete für das erste Halbjahr 2026 einen konsolidierten Umsatz von 38,1 Milliarden Dirham, 11,6 Prozent mehr als im Vorjahresvergleich. [4] Das Beispiel zeigt, weshalb es sich lohnt, innerhalb der Region zu differenzieren. Bei Telekom- und Digitalunternehmen prüfen wir insbesondere wiederkehrende Erlöse, die Kosten des Netzausbaus und den Geldfluss nach Investitionen. Erst dann lässt sich beurteilen, was vom Wachstum bei den Aktionären ankommen kann.
Künstliche Intelligenz öffnet internationale Geschäftsfelder. Core42 aus der G42-Gruppe kündigte im Juni 2026 einen weiteren Ausbau seiner KI-Infrastruktur am Standort Lake Mariner im US-Bundesstaat New York an. [5] Das veranschaulicht, wie Unternehmen aus dem Golf ihre technologische Präsenz über die Region hinaus ausbauen. Unsere Anlagethese richtet sich dabei auch auf die Zulieferer: Stromversorgung, Kühlung, Vernetzung und Datensicherheit. Bei jedem Projekt zählen gesicherte Finanzierung, verfügbare Technik und zahlende Kunden. Eine Ankündigung ist noch kein laufender Ertrag.
Energie und Wasser bleiben unverzichtbar. Versorgungssicherheit und effiziente Infrastruktur sind langfristige Investitionsthemen. Wie anspruchsvoll die Umsetzung sein kann, zeigt Acwa, vormals ACWA Power: Das Unternehmen berichtete für das erste Halbjahr 2026 über einen Ausbau seiner Projektpipeline, gleichzeitig sank der Nettogewinn von 909 auf 653 Millionen Saudi-Riyal. Als Einflussfaktor nannte es unter anderem den zeitlichen Verlauf von Projektentwicklungen und Finanzierungsabschlüssen. [6] Für die Aktienauswahl sind deshalb auch Verschuldung, zusätzliche Kapitalanforderungen und der Zeitpunkt tatsächlicher Mittelzuflüsse entscheidend.
Logistik und Tourismus erfordern neue Massstäbe. Die Risiken entlang wichtiger Transportwege erhöhen den Wert verlässlicher Alternativrouten und belastbarer Lieferketten. Daraus können sich Chancen für geeignete Betreiber und Dienstleister ergeben. Bei Hotels und Immobilien richten wir den Blick auf reale Auslastung, Mieteinnahmen und Finanzierungskosten. Eine Wiederbelebung des Reiseverkehrs wäre ein zusätzlicher Impuls; sie sollte bei der Bewertung nicht bereits als sichere Entwicklung vorausgesetzt werden.
Risiken im Blick
Im Vordergrund stehen die Sicherheitslage, mögliche Betriebsunterbrüche und die Dauer der Transportstörungen. Hinzu kommen Refinanzierungsbedarf, staatliche Budgetprioritäten und Verzögerungen bei Grossprojekten. Staatsnahe Eigentümer ersetzen keine Analyse von Bilanz und Minderheitsaktionärsrechten. Auch hohe Ausschüttungen müssen durch tragfähige Erträge gedeckt sein.
Währungsrisiken bleiben zentral. Die Bindung von Dirham und Saudi-Riyal an den US-Dollar bedeutet für ein Vermögen mit Referenzwährung Franken oder Euro weiterhin ein Dollar-Risiko. Ebenso bietet eine zusätzliche USD-Anlage einem bereits stark dollarabhängigen Golf-Portfolio wenig neue Währungsstreuung. Die Handelswährung eines Fonds allein sagt zudem wenig über seine tatsächlichen wirtschaftlichen Währungsrisiken aus.
Wie investieren
Für Anleger mit begrenzter Erfahrung an den lokalen Börsen kann ein regional gestreuter Aktienfonds oder ETF den Zugang vereinfachen. Die Zusammensetzung bleibt entscheidend: Länder- und Branchenkonzentrationen können erheblich sein, und ein Golf-ETF bildet die digitale Transformation nicht zwingend gezielt ab. Einzelaktien eignen sich als bewusste Ergänzung, wenn Geschäftsmodell, Bewertung und Handelbarkeit gründlich geprüft wurden.
Sukuk können laufende Erträge ergänzen, tragen aber Kredit-, Zinsänderungs- und Liquiditätsrisiken. Ein Sukuk-Fonds ist deshalb kein Ersatz für jederzeit verfügbare Liquidität. Bei scharia-konformen Mandaten gehören Auswahlregeln und laufende Überwachung ausdrücklich zur Umsetzung. Käufe in mehreren Tranchen können das Einstiegsrisiko zeitlich verteilen; vor Verlusten schützen sie nicht.
Die Perspektive der Investoren aus dem Golf
Wer ein Unternehmen, Immobilien und Wertschriftendepots in derselben Region hält, kann wirtschaftlich stärker konzentriert sein, als die Zahl seiner Anlagen vermuten lässt. Für Unternehmerfamilien und vermögende Privatpersonen am Golf bietet sich deshalb eine grundlegende Frage an: Welcher Teil des Vermögens soll unabhängig von der heimischen Konjunktur und dem eigenen Betrieb arbeiten?
Ein international ausgerichtetes Portfolio kann diese Aufgabe übernehmen – etwa mit weltweit tätigen Qualitätsunternehmen, sorgfältig ausgewählten Anleihen und einer Liquiditätsreserve für absehbare Verpflichtungen. Die Gewichtung von Franken, Euro und Dollar sollte sich an den tatsächlichen Ausgaben, Beteiligungen und langfristigen Zielen der Familie orientieren. Eine Schweizer Depotbank allein schafft noch keine wirtschaftliche Diversifikation; ausschlaggebend sind die zugrunde liegenden Anlagen.
Grimaldi & Partners AG lädt interessierte Investoren aus den Golfstaaten zum persönlichen Austausch in Zürich ein. Ausgangspunkt ist das gesamte Vermögen: bestehende regionale Engagements, gewünschte Erträge, Liquiditätsbedarf und die tragbaren Schwankungen. Daraus lässt sich eine individuell passende Anlagestrategie entwickeln. Transparente Gesamtkosten, nachvollziehbare Anlageentscheide und klare Berichte schaffen die Grundlage für eine langfristige Zusammenarbeit.
Fazit
Die Fortsetzung der Anlagegeschichte am Golf wird an der Umsetzung gemessen. Die Öffnung des saudischen Marktes, aktuelle Digitalumsätze und der Bedarf an Energie- und Wasserinfrastruktur liefern konkrete Ansatzpunkte. Attraktiv werden sie dort, wo belastbare Geschäftsmodelle auf vernünftige Bewertungen treffen. Für Investoren aus der Region eröffnet die Verbindung mit international verteilten Anlagen eine zusätzliche Perspektive: das eigene Vermögen breiter aufzustellen und zugleich für künftige Chancen handlungsfähig zu bleiben.
Wie lassen sich regionale Aktien, globale Qualitätswerte und Sukuk zu einem schlüssigen Portfolio verbinden? Dieser Frage widmet sich der nächste Teil der EMMA-Serie.
Anhang mit Anlagebeispielen
Beobachtungsbeispiele zur Vertiefung der Themen. Die Auswahl ist weder eine Rangliste noch eine individuelle Kaufempfehlung.
Direkte Unternehmensbeteiligungen
e& (VAE): Telekommunikation und digitale Dienstleistungen; zu prüfen sind operative Mittelzuflüsse, Investitionsbedarf und die Beiträge der internationalen Beteiligungen. Die genannten Halbjahreszahlen sind Unternehmensangaben. [4]
Acwa (Saudi-Arabien, vormals ACWA Power): Stromerzeugung und Wasserentsalzung; zu prüfen sind Projektfinanzierung, Verschuldung, Inbetriebnahmen und Bewertung. Eine wachsende Pipeline kann mit vorübergehend sinkenden Gewinnen einhergehen. [6]
Bereits erschienen:
EMMA – Anlageperspektiven Golf (Teil 1)
Kontakt
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(pd/mc/ps)
Hinweis
Dieser Beitrag dient ausschliesslich Informationszwecken und stellt weder eine individuelle Anlageberatung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten dar. Kapitalanlagen können erhebliche Verluste bis hin zum Totalverlust verursachen. Prognosen und Einschätzungen können sich ändern. Eine Umsetzung setzt die Prüfung von Eignung, Risikotragfähigkeit sowie den jeweils anwendbaren rechtlichen und steuerlichen Voraussetzungen voraus.
