Abseits der weltweiten Schlagzeilen findet in Indien eine grosse Transformation statt. Gerade im September tat sich einiges. Von der Entwicklung können Investoren profitieren.
Von Dr. Ajay P. Singh, Founding Managing Partner RootBridge AG, Zurich
Indien erlebte im vergangenen Monat zwei internationale Höhepunkte: Zuerst fand der Gipfel der BRICS-Staaten inklusive Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika in Neu-Delhi statt. Mit Putin, Xi und Modi trafen selbstbewusste Staatenlenker aufeinander. Die abschliessende 140-Punkte-Erklärung wurde einstimmig angenommen. Sie ist umfassend, geopolitisch ausgewogen und kann als Erfolg der indischen Diplomatie betrachtet werden. Zehn Tage später kamen ebenfalls in Neu-Delhi mehr als 1.300 Regierungs- und Wirtschaftsvertreter sowie Investoren aus über 20 Ländern beim Global Business Summit der Indischen Handelskammer (Indian Chamber of Commerce) zusammen. Die ICC fördert seit über 100 Jahren Handel und Investitionen zwischen Indien und anderen Staaten.
Indien und Schweiz: Von Freund- zu Partnerschaft
Die Konferenzsession Indien-Schweiz stiess nicht zuletzt aufgrund des Freihandelsabkommen (TEPA), das im Oktober vergangenen Jahres zwischen den beiden Staaten in Kraft getreten war, auf grosses Interesse. Dabei wurde klar, dass Indien nicht länger nur das Backoffice der Welt ist. Führende Schweizer Unternehmen wie Swiss Re oder Postfinance haben einen grossen Teil ihrer Infrastruktur in Indien. Swiss Re baut seine IT- und Backoffice-Standorte dort seit Jahren kontinuierlich aus. Satish Rao, Präsident der Swiss Indian Chamber of Commerce, bezeichnete TEPA als Wendepunkt: «Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Indien haben vor 71 Jahren begonnen. Aus der indisch-schweizerischen Freundschaft ist eine Partnerschaft geworden. Das Abkommen kommt zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort und mit den richtigen Inhalten.» Er verwies auf die Ziele des Abkommens: 14 Schweizer Unternehmen haben sich zu Investitionen in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar und die Schaffung von 100’000 Arbeitsplätzen innerhalb von 15 Jahren verpflichtet. Das zeugt vom Vertrauen der Schweizer Unternehmen in Indien.
Urbanisierung, Wandel, Digitalisierung
Ein weiterer Höhepunkt im September war der RootBridge Capital Strategy Day Indien, bei dem sich zahlreiche gelistete wie auch ungelistete Wachstumsunternehmen präsentierten. Alle haben eines gemeinsam: Sie profitieren von der Urbanisierung Indiens, vom Wandel einer informellen hin zu einer formellen, transparenten, kreditwürdigen und organisierten Wirtschaft sowie von der Digitalisierung. Exemplarisch dafür steht die Firma Tohands. Das Unternehmen von CEO und Mitgründer Praveen Mishra hat intelligente Kassensysteme für die rund 30 Millionen kleinen Ladenbesitzer und Kirana-Läden in Indien entwickelt. Mit seiner digitalen Technologie bringt Tohands eine eigene Version einer «SAP-Lösung» – einfach und intelligent, basierend auf geringen Anschaffungskosten und einem Abomodell – in die kleinsten Geschäfte in ländlichen wie auch städtischen Gebieten. Damit erleichtert das Unternehmen jedem Ladenbesitzer Aufgaben wie Rechnungsstellung, Buchhaltung und Bestandsverwaltung – in einem Land, in dem fast alle Menschen bereits täglich digital über QR-Codes Waren einkaufen, von Bananen bis hin zu Motorrädern.
Ein Vor-Ort-Besuch bei Delhivery, dem grössten Logistikanbieter Indiens in einem nach wie vor stark fragmentierten Markt, lieferte ein weiteres Beispiel für das Wachstumspotential des Landes. Das Unternehmen profitiert von der Digitalisierung und steigenden Konsumausgaben über E-Commerce. Am besuchten Ort werden 500’000 Pakete pro Tag verarbeitet. Anhand der Belegschaft von Delhivery zeigt sich zudem, wie jung die Bevölkerung Indiens ist – das Medianalter von 28,1 Jahren liegt deutlich unter dem von Deutschland, China oder Japan.
Indiens Aktienindex hat sich verdreifacht
Indien ist die viertgrösste Binnenwirtschaft der Welt. Das Land befindet sich in einer grossen Transformation und zeigt sich von geopolitischen Störungen fast unbeeindruckt. Während viele Märkte unter Unsicherheit leiden, ist man dort in einer vergleichsweisen starken Position. Indien hat immer auf Multilateralismus gesetzt: Das Land unterhält gute Beziehungen zu allen globalen Akteuren und verfügt inzwischen über zahlreiche Freihandelsabkommen.
Die Wirtschaft in Indien wächst aktuell laut IMF um 6,4% Prozent pro Jahr, stärker als jede andere grosse Volkswirtschaft der Welt. Seit 2020 hat sich der Aktienmarkt/NIFTY-Index in Indien verdreifacht. Die meisten Firmen gehen jedoch erst in einem reifen Stadium an die Börse, wenn schon ein Grossteil des Firmenwachstums vollzogen wurde. Inzwischen sind die Aktien an der indischen Börse verhältnismässig teuer. Im SME-Bereich ist jedoch weiterhin mit überdurchschnittlich hohem Wachstum zu rechnen.
Wie kann man also bestmöglich an der Entwicklung von Indien partizipieren? Man muss in Unternehmen investieren, die sich noch in einem früheren Entwicklungsstadium befinden, in indische mittelständische Unternehmen. Die meisten davon befinden sich in Familienbesitz und profitieren vom enormen Binnenwachstum des Landes. Für die richtige Auswahl solcher Firmen braucht es lokale Kenntnisse – eine gute Vernetzung mit den über 1.100 Universitäten, Politik und Wirtschaft ist von grossem Vorteil.
