Basel – Bei Grabungen unter dem Basler Stadtcasino sind Gräber aus dem 17. Jahrhundert zum Vorschein gekommen, darunter auch Pestbestattungen. Die Analyse von Forschenden der Universität Basel zeigt, dass vor allem junge Menschen aus unteren Schichten der Seuche zum Opfer fielen.
Die Pest wütete im Laufe der Geschichte in Europa immer wieder und traf auch die Stadt Basel regelmässig. Die Abhängigkeit vom Handel hielt den Stadtrat davon ab, während Epidemien die Tore zu schliessen, dadurch konnte sich die Krankheit leichter ausbreiten.
Der letzte dokumentierte Pestausbruch in der Schweiz war zwischen 1665 und 1670 n. Chr. und kostete zahlreiche Menschenleben – auch in Basel: Die Untersuchung menschlicher Überreste dieses Ausbruchs aus Gräbern dieser Zeit zeigt, wie der soziale Status die Peststerblichkeit im frühneuzeitlichen Europa beeinflusste.
Seuchenfriedhof unter dem Stadtcasino
Im Kreuzgarten des ehemaligen Basler Barfüsserklosters, wo heute das Stadtcasino steht, kamen bei Ausgrabungen der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt über 260 neuzeitliche Gräber aus dem 17. Jahrhundert zum Vorschein. Ein interdisziplinäres Team, zu dem auch Forschende der Universität Basel zählten, hat diese untersucht. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift «Antiquity» erschienen.
Das Kloster war im 17. Jahrhundert in ein Spital umgewandelt worden. Mehrere nebeneinanderliegende Bestattungsgruben mit jeweils mehreren Toten liessen bereits während der Ausgrabung einen Seuchenfriedhof vermuten. Eine Analyse alter DNA bestätigte, dass der Erreger Yersinia pestis bei mindestens fünf Individuen vorhanden war. «Das ist ein starker Hinweis darauf, dass die Pest Ursache für das katastrophale Sterbeereignis war, das Mehrfachbestattungen erforderte», sagt Laura Rindlisbacher, Erstautorin der Studie. Die Auswertung gehören zu ihrem Dissertationsprojekt am Fachbereich Integrative Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) am Departement Umweltwissenschaften.
«Die Datierung dieser Gräber bietet eine seltene Gelegenheit, die Auswirkungen der Pest auf reale Menschen in einer frühneuzeitlichen Stadt wissenschaftlich zu untersuchen», so die Archäoanthropologin weiter. Der Schwerpunkt der Studie lag auf Beobachtungen von Anzeichen schwerer körperlicher Arbeit sowie auf dem Gesundheitszustand der Individuen. Dazu untersuchten die Forschenden die Knochen der Verstorbenen.
Arbeitsbelastung macht verwundbar
Das Ergebnis: Die Bestatteten starben innerhalb eines kurzen Zeitraums und waren überwiegend jung, das Durchschnittsalter in der Grabgruppe betrug 17,7 Jahre. Sie wiesen zudem zahlreiche pathologische Befunde auf, die auf degenerative Erkrankungen wie Arthrose und Verschleiss an der Wirbelsäule hindeuten.
«Es handelte sich also überwiegend um Jugendliche, die bereits körperlich anspruchsvolle Arbeit verrichteten. Das ist ein Indiz für einen niedrigen sozialen Status», resümiert die Forscherin.
Die Arbeitsbelastung ist eine der wichtigsten Faktoren für die Verwundbarkeit während einer Epidemie und war deshalb für das Forschungsteam von besonderem Interesse. «Wenn jemand arbeiten muss, um zu überleben, kann selbst die Gefahr, sich mit einer tödlichen Krankheit anzustecken, diese Personen nicht von der Arbeit abhalten», betont Laura Rindlisbacher. Das legt nahe, dass die arbeitenden Jugendlichen aus unteren sozialen Schichten während der Pestausbrüchen der Frühen Neuzeit sich nicht nur häufiger infizierten, sondern auch häufiger verstarben.
Sozialer Status als Risikofaktor
Damit bieten die Pestbestattungen einen direkten Einblick in die Lebenswelt der mittleren und niederen Stände des frühneuzeitlichen Basels und in ihre Lebensqualität, die in offiziellen schriftlichen Quellen nur selten erwähnt werden. «Es ist bemerkenswert zu sehen, wie stark die Pest junge Leben verkürzte, insbesondere von benachteiligten Jugendlichen aus unteren Schichten, die im frühneuzeitlichen Basel bereits früh häufig harter Arbeit nachgehen mussten», resümiert Rindlisbacher.
Die Auswertung historischer Quellen aus dem Basler Staatsarchiv lieferte zusätzlich Hinweise zum Verlauf und zu den Opferzahlen dieser letzten Pestepidemie. «Neben städtischen Massnahmen wurde medizinische Versorgung durch die Familie oder ähnliche enge soziale Netzwerke gewährleistet», weiss Rindlisbacher. Obwohl der soziale Zusammenhalt in der Frühen Neuzeit stark war, schloss er nicht automatisch alle ein. «In diesen sozialen Dynamiken waren der Bürgerstatus sowie Vorstellungen von Ehre und Ansehen ein wichtiges soziales Kapital.»
Parallelen zu Covid-19
Solche Dynamiken zeigten sich auch in heutiger Zeit während der Covid-19-Pandemie, wo sozioökonomischer Status, Staatsbürgerschaft und der Zugang zu sozialen Unterstützungsnetzwerken die Verwundbarkeit bestimmter gesellschaftlicher Gruppen beeinflussten; wie diese Faktoren jedoch in der Vergangenheit zur Sterblichkeit beitrugen, sei bislang wenig verstanden. «Wir wollten diese Zusammenhänge auch im frühneuzeitlichen Kontext untersuchen.» (Universität Basel/mc/ps)
Originalpublikation
Laura Rindlisbacher et al.
All equal in the face of death? Life histories of confirmed victims of the last plague epidemic in Basel (Switzerland)
Antiquity (2026), doi: 10.15184/aqy.2026.10297
Arbeitsgruppe Archäoanthropologie
Universität Basel
