Robert Jakobs Wirtschaftlupe: Angst vor der nächsten Hitzewelle

Ein Foto ist in kürzester Zeit zur Ikone geworden: Strandbesucher ruhen sich am vergangenen Freitag am Ufer des Lacanau-Sees aus, während Rauchwolken vom Waldbrand in der Gironde im Südwesten Frankreichs in den Himmel aufsteigen.

Von Robert Jakob

Bereits vor einem knappen Vierteljahrhundert war unter den ersten Teilnehmern und Zuhörern der Sigma-Studien am Centre for Global Dialogue in Rüschlikon (Schweiz) klar, wohin die Reise geht: Die globale Erwärmung wird nicht nur den Skifahrern den Schnee versulzen, sondern auch den Wäldern an den Kragen gehen.

In Europa werden besonders jene Bäume, die reich an Harz und ätherischen Ölen sind, rasch ein Raub der Flammen. Terpentinöl (aus Pinienharz mit reichlich α- und β-Pinen) hat einen Flammpunkt von 35 Grad. Waren solche Temperaturen vor 25 Jahren die Ausnahme, so sind Sie jetzt im Département Gironde und im Départment Landes, wo sich der grösste zusammenhängende Nutzwald Europas befindet, die Regel. Terpentinöl bildet in der Sommerhitze leicht entzündliche Dampf-Luft-Gemische, die dann auf die trockenen Pinienzapfen und -nadeln und schliesslich auf den ganzen Stamm übergreifen.

Chemische Prozesse laufen pro zehn Grad Temperaturerhöhung ohnehin im Schnitt doppelt so rasch ab, was für zusätzliche Dramatik im Geschehen führt. Ein Blitz, ein Zigarettenstummel und schon bricht die Kettenreaktion aus. Terpentinöl ist nichts anderes als Benzin in «light» Version, seiner leichten Entzündbarkeit wegen. Bei Hitzewellen um die 40 Grad kann die Hitze die Vegetation auf der gegenüberliegenden Seite von Brandschneisen allein durch Strahlung entzünden. Thermische Winde sorgen für Verwirbelungen, die das Feuer regelrecht springen lassen. Diese treiben glühende Äste und Zapfen oft hunderte Meter weit über klassische Brandschneisen hinweg. Während bei moderater Witterung oft schon wenige Meter breite Wundstreifen gegen Bodenfeuer ausreichen, erfordern extrem heisse und trockene Sommertage noch breitere, gestaffelte Pufferzonen, da das Risiko von Funkenflug und starker Hitzestrahlung drastisch steigt.

Idefix ist traurig
Der von Napoleon III zwischen 1857 bis 1870 per Gesetz auf den trockenen Sandboden gestampfte grüne Teppich der Landes de Gascogne aus Seekiefer (Pinus pinaster, dominiert zu 85%) misst eine Million Hektar. Der dort angerichtete Schaden betrifft natürlich nicht nur die Holz-, Papier- und Zellstoffindustrie, die in beiden betroffenen Départements sehr bedeutend ist, sondern den Tourismus. Gerade les Landes, die Heimat meiner Lebenspartnerin, die ähnlich wie Idefix um jeden zerstörten Baum trauert, ist das Hauptziel französischer Inlandtouristen. Wohl weil historisch einst Wilhelm dem Eroberer gehörend, sind auch die Briten dort reich vertretene Gäste. Ein Grossbrand dieses gigantischen Ausmasses wird zu einem einmaligen Einbruch der Besucherzahlen im zweistelligen Bereich führen, und das mitten in der Hochsaison. In der geschädigten Region sind auch im nächsten Jahr weniger Touristen als im Durchschnitt zu erwarten. Profitieren wird das an der Küste weniger baumbepflanzte Baskenland.

Zerstört wurden bisher 450 Quadratkilometer Wald oder 45’000 Hektar. Der Verlust an Festholz liegt damit bei rund dreizehneinhalb Millionen Kubikmetern, was ungefähr einer halben Milliarde Euro an Gegenwert entspricht. Glücklicherweise waren bislang kaum Gebäudeschäden zu gewärtigen. Aber die nächste längere Trockenperiode hat gerade mit einem neuen Hitzetag begonnen.

Strategieänderung vonnöten
Die Kosten für Wiederaufforstung werden über 100 Millionen verschlingen. Langfristig wird kein Weg an einer Strategieänderung vorbeiführen, da Feuer sich immer schneller verbreiten, schneller als Usain Bolt je rennen konnte.

Mittlerweile brennen auch auf der benachbarten Iberischen Halbinsel die Wälder. Die Waldgebiete sind zwar kleinräumiger als südlich von Bordeaux, aber Portugals Wälder werden vom Eukalyptusbaum beherrscht. Ihr Harzgehalt ist gering, dafür ist die Brandintensität wegen der ätherischen Öle noch grösser. Wer schon einmal die herrlich duftenden Eukalyptuswälder durchwandert hat, kann sich ihrem euphorisierenden Duft nicht entziehen.

Die grössten Brände konzentrieren sich aktuell auf den Norden um Braga und Bragança sowie das Zentrum des Landes im Bezirk Santarém und Teilen von Viseu. Auch in Portugal wurden aufs ganze Land gerechnet bereits über 30’000 Hektar Wald vernichtet. Dabei brennen die Kronen der Eukalyptusbäume wegen des extrem flüchtigen Eucalyptols (1,8-Cineol) lichterloh. Portugal verfügt heute über rund 800’000 Hektar Eukalyptus, überwiegend für die Zellstoffindustrie. Damit besitzt das Land – relativ zur Fläche – eine der höchsten Eukalyptusdichten weltweit. Über 1000 Feuerwehrleute und rund 20 Löschflugzeuge sowie Hubschrauber sind gerade im Dauereinsatz gegen die zahllosen Brandherde in den ausgetrockneten Busch- und Waldlandschaften.

Starke Hitze und starke Winde werden in den nächsten Jahren überall auf der Welt zunehmen. Wälder sollten nicht mehr auf leicht brennbare Monokulturen setzen, sondern zumindest durch gestaffelte Pufferzonen aufgelockert werden. Brandschneisen verlangen einen andauernden Unterhalt und eine Verbreiterung sowie Überwachung durch Drohnen. Einen sicheren Schutz vor Waldbränden hat es nie gegeben, und er wird auch in Zukunft nicht möglich sein. Die Schadensbilanz der Sommerbrände in Frankreich wird weit über einer Milliarde Euro zu liegen kommen und damit alles bisher Dagewesene sprengen. Sollten Brände auf ganze Siedlungen und Städte übergreifen, könnte sich die Schadenssumme gar verdoppeln. Bleibt bei alledem zu hoffen, dass der Blutzoll der heldenhaften Feuerwehrleute nicht zu hoch ausfällt. Während der grossen Brandkatastrophe vom 19 August 1949 bis 25 August 1949 kamen südwestlich von Bordeaux 82 Menschen ums Leben.

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