Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Opium fürs Volk (Teil 3)

Rappen für eine höhere Dosis Fentanyl: YouTube-Video des Opioid-Produzenten Insys Therapeutics. (Bild: Screenshot YouTube)

Von Robert Jakob

Letztes Jahr gab es in den USA nicht nur viele Coronatote. Allein 70’000 Menschen starben durch Opioidmissbrauch. Das sind weit mehr Menschen, als durch Schusswaffen ums Leben kamen.

Die Probleme mit dem Opium sind aber nicht importiert, sondern wie vieles in den Vereinigten Staaten hausgemacht. In den letzten 25 Jahren waren rund eine halbe Million US-Amerikaner an Schmerzmittelmissbrauch gestorben. Schuld daran sind skrupellose Pharmafirmen. Noch Mitte der 90er Jahre war der Markt wenig ertragreich: Starke Schmerzmittel wurden vornehmlich am Lebensende der Patienten verabreicht. Das bedeutete aber gleichzeitig, dass der Abnehmer wegstarb, womit die direkte Geschäftsgrundlage plötzlich wieder verschwand.

Doch dann kam es zum Paradigmenwechsel. Findige Marketingstrategen der Firma Purdue erfanden eine «line extension». Schmerzmittel mussten zu einem richtigen Lifestyle-Produkt werden, das auch den alltäglichen Schmerz wegpustet. Die starken Schmerzmittel, allen voran die Opioide, sollten auch bei mittelstarken Schmerzen genommen werden, dafür sorgten die Pharmavertreter. Der grosse Schlager hiess OxyContin (eine Retardformulierung von Oxycodon), welche die Droge besonders langsam freigibt, was jedoch auch leicht zur Gewöhnung und dann in die Abhängigkeit führen kann.

Von 1996 bis 2000 schnellten die Verkäufe von 46 Millionen auf über eine Milliarde Dollar hoch. Und das war erst der Anfang. Mit illegalen Rückvergütungen an Ärzte und falschen Angaben gegenüber den Zulassungsbehörden wurde die Droge zum Blockbuster. Von 1997 bis 2002 verzehnfachten sich die Verschreibungen auf über sechs Millionen pro Jahr. Die Firmengründerfamilie Sackler sackte Milliarden ein. Aber nicht nur sie. Noch viele andere sprangen mit der Zeit auf den langen, rollenden Zug auf. Auch Pharmariesen wie Johnson&Johnson oder Teva (über die Tochter Cephalon) mischten bei der Opioidparty mit. Angekurbelt wurden die Verkäufe durch einen immer laxeren Umgang mit der medizinischen Wahrheit.

Ein durch und durch verrottetes System
Die meisten US Sales Reps (Pharmareferenten, wie sie so schönfärberisch im deutschsprachigen Kulturraum genannt werden) sind jung, geldgeil und haben von Medizin null Ahnung. Sie sind der Treibriemen für die direkte Beeinflussung der Ärzte. Neun von zehn US-Pharmafirmen geben mehr fürs Marketing als für Forschung und Entwicklung aus. Ich arbeitete für eine, da war der Marketingchef gelernter Autohändler.

Es fliessen eine Menge Vergünstigungen an die Arztpraxen und Kliniken, von überzogenen Geldern für Vorträge bis zu Verköstigungen und Bildungsreisen. In die Hände spielt den Firmen, dass in Amerika offen für Medikamente geworben werden kann. «Ask your doctor» heisst es daher immer in den Werbespots unverblümt, denn die Pharmafirmen wissen, dass die Ärzte vorinstruiert sind, was sie dann verschreiben sollen. Rückvergütungen und Gratisproben tun ein Übriges.

Was die Motivation der Pharmareferenten angeht, so hat die Opioidbranche nichts noch so Peinliches ausgelassen. Es existieren vielerlei Werbesongs für die Verkäufer und teilweise mit den Verkäufern hergestellt, in denen es immer nur um das eine geht: «sell». Und zwar so unverblümt, dass eines der dazu gedrehten Videos als stärkstes Beweisstück für bewusst gesetzte suchtfördernde Anreize im wohl grössten Gesundheitsskandal der Vereinigten Staaten diente:

Da preist mit Insys Therapeutics ein Opioid-Produzent doch tatsächlich höhere süchtig machende Dosen seines Medikamentes Fentanyl. Der Staatsanwalt nahm sich der Sache an. Top-Manager von Insys wurden zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt. John Kapoor, Gründer, Ex-CEO und Mehrheitsaktionär, bekam noch im hohen Alter von 76 Jahren mit 66 Monaten Gefängnis die Höchststrafe aufgebrummt.

Stupid White Men
Gesprayt, geschluckt oder gespritzt wurde vornehmlich von der weissen Unterklasse, der in den wiederholten amerikanischen Wirtschaftskrisen die Felle wegschwammen. Generalstaatsanwalt Mitchel Denham bestätigte, dass Purdue Marketingpläne basierend auf Arbeitsunfällen und überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeitsraten aufstellte, um seine Zielklientel besser zu treffen. So kam es, dass beispielsweise der «weisse» Bundesstaat Kentucky zu den mit am stärksten von Todesfällen durch Opioid-Überdosis betroffenen Gegenden zählte. Man schätzt, dass mittlerweile zwei Millionen Amerikaner opiatsüchtig sind und alle 19 Minuten ein abhängiges Baby auf die Welt kommt. Letztere nennt man auch «heroin babies». 2019 jedenfalls starb alle 10 Minuten ein Amerikaner an einer Überdosis Heroin. Auch das ergibt mehr Tote als durch Schusswaffenmissbrauch. Geschätzt vier von fünf Heroinabhängigen rekrutieren sich aus dem Heer der Schmerzmittelzombies.

Als nach vielen Jahren der Opiod-Skandal endlich aufflog, bemühten sich alle um Schadensbegrenzung. Plötzlich erklärte sich fast jeder für schuldig. Ja sogar die weltberühmte Beratungsfirma McKinsey zog es vor, 573 Millionen Dollar für einen juristischen Vergleich zu zahlen, nur weil sie Firmen beim Verkauf der süchtig-machenden Substanzen beraten hatte. Ein langer Rechtsstreit mit unsicherem Ausgang und dauerhaft schlechter Presse wäre wohl teurer gekommen.

September 1, 2021: «B-I-T-T-E-R», sagt Richter Robert Drain
Überall im Land kam es zu einem Geschacher mit der Justiz. Purdue glaubt auch hier, besonders clever zu sein und beantragte Insolvenz. Gleichzeitig sollten die Klagen beigelegt und dann die Firma in eine Stiftung der öffentlichen Hand zur Bekämpfung von Drogenabhängigkeit überführt werden. Nach langem Hin- und Her war es am 1. September 2021 so weit. Die Sacklers schlossen einen Deal über die Zahlung einer Ablasssumme von 4,5 Milliarden Dollar. Im Gegenzug sollen sie straffrei bleiben, obwohl sich Purdue als Firma schuldig bekannt hatte. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt – trotz der Rekordsumme. Das sprach Richter Robert Drain auch offen aus – Buchstabe für Buchstabe.

Allen ist bekannt, dass die Sacklers den grössten Teil Ihrer Ersparnisse im elfstelligen Bereich unter zahllosen Firmendeckeln in Sicherheit gebracht haben. Und da die Vergleichssumme in Raten über neun lange Jahre abgestottert werden kann, dürften die Erträge des bestehenden Vermögens sogar locker ausreichen, um den Vergleichsbetrag sozusagen «rückbringend» zu zahlen.

Was lehrt uns das alles. Nun: Der amerikanische Traum lebt. Aber nur für wenige. Dafür sterben mehr Leute an Opium als schliesslich Schuhputzer zum Millionär werden.

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Opium fürs Volk (Teil 1)
Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Opium fürs Volk (Teil 2)

 

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