Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Opium fürs Volk (Teil 2)

Robert Jakobs Wirtschaftslupe: Opium fürs Volk (Teil 2)
Karges Land: Siedlung in der afghanischen Provinz Herat. (Photo: Marius Arnesen from Oslo, Norway)

Durch die absehbar wachsende Armut im schwer gebeutelten Afghanistan wird es schwer werden, überhaupt wieder auf die Beine zu kommen.

In den 70er-Jahren träumte ich, wie viele Jugendliche, von einer langen Überlandreise ins Land der hohen Berge. Mit einem alten VW-Käfer kamen wir zwar nur bis Westanatolien. Was wir aber im Umfeld des dritten Militärputsches 1980 in der Türkei erlebten, war vergleichbar mit dem, was sich häufig auf den verschlungenen Wegen Afghanistans abspielt. Schon um ins Land herein zu kommen, mussten wir einen Geldschein in den Reisepass legen. Direkt an den Strassenändern sprossen die Hanfpflanzen in den blauen Himmel. Drogendealer machten uns ungefragt aufdringlich Angebote. Überall gab es Militärkontrollen. Einmal wurden wir sogar dazu gezwungen, uns zu den im Kreis zusammensitzenden Soldaten zu gesellen, während sie mit ihren Maschinengewehren spielten und angaben. Wir hatten eine gehörige Portion Angst.

Die Türkei hatte damals eine Inflationsrate von 100 Prozent, eine Arbeitslosigkeit von 15 Prozent und kaum konkurrenzfähige Produkte, aber in den folgenden Jahren sollte das Land sich stabilisieren und wirtschaftlich erholen. In Afghanistan aber sieht es auch langfristig düster aus. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut und fast ein Drittel muss um seine tägliche Kalorienration kämpfen. Das alles bei einer Arbeitslosenquote von 25 Prozent. Die Lebenserwartung der etwa 38 Millionen Einwohner liegt bei 53 Jahren. Kein Land auf der Erde liegt da tiefer.

Wegelagern ist kein nachhaltiges Geschäftsmodell
Auch die neuen alten Herrscher Afghanistans werden daran nichts ändern. Denn ihr Know-how beschränkt sich im Gegensatz zur Türkei aufs militärische. In den letzten Wochen ist wieder einmal viel von den immensen Bodenschätzen Afghanistans die Rede. Aber das hohe Lied wird schon seit Jahrzehnten gesungen. Die afghanische Regierung schätzt den Wert von Erdöl über Lithium bis Gold auf drei Billionen Dollar, die Amerikaner rechneten zunächst vorsichtiger mit einer Billion, haben die Zahlen aber nach oben korrigiert. Kupfer, Eisenerz, Lithium und Erdöl sind (in dieser Reihenfolge) am interessantesten.

In der Klatschpresse steht immer wieder der Reichtum Afghanistans an seltenen Erden im Vordergrund und das wirtschaftliche Interesse Chinas. Aber da seltene Erden gar nicht so selten sind, dürfte sich das Interesse der Chinesen nicht in einer unmittelbaren Ausbeutung manifestieren, sondern in einer taktischen Blockade. Denn neun Zehntel der weltweiten Abbaukapazität halten die Chinesen in der Hand. Und die Faust hält die chinesische Führung gerne geschlossen.

Gigantische Logistikkosten
Mit dem Abbau der angeblich so immensen Schätze ist das so eine Sache: Das Gelände ist unwirtlich und schlecht erschlossen, was die Kosten erst einmal exorbitant macht. Die Commodities (Gold ist nur vergleichsweise wenig vorhanden) müssten von kompetenten Ingenieuren und angeleiteten Arbeitern erst einmal abgebaut, dann müssten sie per Strasse oder Schiene transportiert und schliesslich exportiert werden. Die Taliban werden das nicht können. Sie wären auf Hilfe von aussen angewiesen. Doch wer möchte mit Subjekten Geschäfte machen, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung als Untermenschen behandeln, und die einem bei Gelegenheit vielleicht die Hand abhacken? Ausserdem könnte mittelfristig vielleicht eine andere, noch durchgeknalltere islamistische Gruppierung die Macht an sich reissen.

Die Aussenministerien Russlands und Chinas haben Kreide gefressen und diplomatisch verklausuliert Interesse an einer generellen Kooperation bekundet. Den Machthabern im Norden des asiatischen Kontinents geht es nicht um Ethik, sondern um Realpolitik gegenüber dem «Westen», der in Afghanistan so dilettantisch versagt hat und bei dem Trump durch seinen Geheimvertrag mit den Taliban den eigenen Verbündeten in den Rücken gefallen ist. Für die Chinesen bietet der Rückzug der Amerikaner die Chance, Afghanistan an die Neue Seidenstraße anzuschliessen. Aber eine Eisenbahn über den Hindukusch müsste erst einmal gebaut werden, und wenn, dann würde das sehr lange dauern. Auch wenn China wegen Sicherheitsbedenken nicht direkt ins Explorationsgeschäft einsteigen wird, so will es doch schon einmal wichtige strategische Ankerpunkte setzen.

Auch die Russen würden in Afghanistan gerne wieder präsenter sein. Der staatlich kontrollierte Gaskonzern Gazprom will die Gasfelder an der afghanisch-turkmenischen Grenze erschliessen und hätte Interesse an einer Pipeline durch afghanisches Territorium. Dann könnten Pakistan und Indien gleichzeitig mit billigem Erdgas aus Russland geflutet werden.

Beide Grossmächte haben es aber überhaupt nicht eilig. Sie geniessen erst einmal die jämmerliche Darbietung der USA und der NATO. Dann lassen sie den Hochmut der Taliban abkühlen, das Land weiter jahrelang an die Wand fahren und stellen in Ruhe ihre Bedingungen. Denn selbst die Einnahmen aus dem Drogenhandel werden den neuen Herrschern Afghanistans hinten und vorne nicht ausreichen, um die Explorations-, Abbau- und Transportkosten der mineralischen Rohstoffe zu stemmen.


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