Von Bernhard Allgäuer, Senior Investment Strategist VP Bank
Das Wetterphänomen soll dieses Jahr besonders stark sein. Gut für Insurance-linked Securities (ILS).
Vaduz – Wieder einmal spielt das Christuskind eine grosse Rolle für die Vorhersage von Hurrikans im Atlantik. Denn die alle paar Jahre gemessene Erwärmung eines Gebiets im äquatorialen Pazifik erreicht die lateinamerikanische Küste meist um die Weihnachtszeit, also am Geburtstag des Jesuskinds, auf Spanisch «El Niño». Der Ausdruck soll von peruanischen Fischern stammen, die ausbleibende Fischschwärme zu beklagen hatten.
Derzeit zeigen die Wahrscheinlichkeiten der US-Behörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), dass ab September 2026 ein Super-El-Niño bevorstehen könnte. Die Folgen wären extremes Wetter, was besonders Anleger, die versicherungsähnliche Wertpapiere halten, also Insurance-linked Securities (ILS) und Cat-Bonds, interessiert. Für sie könnten dies sogar positive Neuigkeiten sein. Doch der Reihe nach.
Oft auftretende Abweichungen: El Niño, La Niña
Ähnlich wie das Azorenhoch die Wetterlagen in West- und Mitteleuropa beeinflusst, so wirken sich Meerestemperaturen im zentralen äquatorialen Pazifik auf das Entstehen von Hurrikans im Atlantik aus. Das entsprechende Meeresgebiet wird auch Niño‑3.4‑Zone der «El Niño Southern Oscillation» (ENSO) genannt. Dort werden die Temperaturabweichungen von der Norm gemessen.
Bei erhöhter Temperatur spricht man von El Niño, bei Temperaturen unterhalb der Norm von La Niña. Die Ausprägungen reichen von schwach (+0.5 °C bis 0.9 °C), moderat und stark bis sehr stark (>2 °C). Aktuell liegt die Temperatur 0.9 °C über der Norm, also im schwachen Bereich. Der Temperaturanstieg dürfte noch anhalten; wie weit, lässt sich jedoch nicht beziffern. El-Niño- und La-Niña-Ereignisse sind keine Besonderheit. Sie wiederholen sich meist alle zwei bis sieben Jahre und dauern sieben bis zwölf Monate, manchmal auch bis zu zwei Jahre.
Die höhere Meerestemperatur verändert die Luftzirkulation, dadurch werden die Höhenwinde (Jetstreams) beeinflusst. Die vertikalen Windscherungen stören dabei die Sturmbildung im Atlantik. In El‑Niño‑Jahren wird daher eine geringere und schwächere Sturmbildung im Atlantik beobachtet. Zu den Folgen gehören auch Dürren in Asien und Starkregen in Südamerika, sie spielen jedoch für die Anlageklasse keine relevante Rolle. Allerdings sind sie in steigenden Agrarpreisen sichtbar.
Temperatur in der El-Niño-Zone im äquatorialen Pazifik
Ausblick Hurrikansaison 2026
Aufgrund der erhöhten El-Niño-Wahrscheinlichkeit ist für das laufende Jahr also mit einer ruhigen Sturmsaison (offiziell vom 1. Juni bis 30. November) zu rechnen. Das Tropical Storm Risk Institut (TSR) rechnet mit einer akkumulierten Zyklonenergie (ACE) von 55, was auf eine unterdurchschnittliche Saison hindeutet (siehe Tabelle). Der Zehnjahresdurchschnitt liegt bei 149, beziehungsweise einem intensiven Hurrikan (3.9) und vier Hurrikans insgesamt (8.2).
Für die Rendite von ILS ist allerdings entscheidend, wo die Hurrikane entstehen und wohin sie sich bewegen. Es gab in der Vergangenheit sehr aktive Sturmjahre, in denen die Stürme entweder über Wasser blieben oder auf weniger besiedeltem Gebiet an Land gingen und nur geringe Schäden anrichteten. Oder aber die Schäden waren nicht versichert. Umgekehrt reicht bei geringer Sturmaktivität ein einzelner Sturm in dicht besiedeltem Gebiet, beispielsweise in der Metropolregion Miami, um folgenschwere Schäden anzurichten.
Deutlich unterdurchschnittliche Hurrikansaison 2026 erwartet
Überdurchschnittliche Rendite trotz sinkender Prämien und Renditebeiträgen
Neben effektiven Schäden zählen für die Rendite von ILS auch die erhaltene Versicherungsprämie und die Höhe der Verzinsung des Sicherungsfonds. Nach dem verheerenden Hurrikan Ian im Jahr 2022 mit über 100 Mrd. US-Dollar Gesamtschaden und gleichzeitigen Verlusten an den Anleihenmärkten wegen des steigenden Zinsniveaus, reduzierte sich das verlustabsorbierende Kapital der Versicherungen deutlich. Sie waren deshalb bereit, mehr für die Rückversicherung durch ILS zu bezahlen. Diese Auslagerung liess die Versicherungsprämien von 5 % auf 11 % ansteigen.
Gleichzeitig stieg die Verzinsung des Sicherungsfonds nach der Nullzinsphase auf 4.6 %, woraus in der Spitze im Frühjahr 2023 eine Gesamtrendite von über 15 % resultierte. Der modellierte jährliche Schaden blieb jedoch konstant bei knapp über 2 %.
Seither haben sich die Versicherungsprämien wieder auf zuletzt 5.7 % normalisiert. Die Gesamtrendite aller am Markt verfügbaren Cat-Bonds liegt aktuell bei 9.4 % (in USD) und ist damit immer noch überdurchschnittlich. Bei Fondstranchen in anderen Währungen liegt die Rendite jeweils in Höhe der Kosten der Währungsabsicherung (Zinsdifferenz) tiefer. Die Performance (in USD) von gerundet 16 %, 14 % und 10 % in den drei Vorjahren lässt sich damit nicht mehr erzielen. Eine Performance, die höher ist als die von Staatsanleihen, erscheint jedoch weiterhin wahrscheinlich.
ILS kann Diversifikation liefern
Nicht nur als stabile Renditebringer spielt ILS im Portfolio eine Rolle. Die Anlage konnte in den letzten Jahren auch einen positiven Beitrag zur Diversifikation liefern. Denn im Gegensatz zu anderen Anlageklassen besticht ILS durch eine garantierte Diversifikation, auch in aussergewöhnlichen Marktereignissen. Denn der Renditetreiber Naturkatastrophe kann zwar gleichzeitig auftreten wie Marktverwerfungen, ist jedoch weitgehend unkorreliert. ILS eignet sich daher als Depotbeimischung zur Stabilisierung von Portfolios.
Staatsanleihen haben hingegen in den letzten Jahren immer wieder enttäuscht. Nach dem Ende der Nullzinspolitik erlitten sie im Jahr 2022 riesige Verluste, welche bis heute nicht wettgemacht werden konnten. ILS konnte sich diesen Verlusten entziehen, da das Kapital des Sicherungsfonds weniger lange gebunden ist und so nur sehr beschränkt Zinsänderungsrisiken unterliegt.
Immer wieder enttäuschten Staatsanleihen bei Marktverwerfungen, wie zuletzt während des Iran-Konflikts. Wegen der damit einhergehenden Inflationsrisiken mussten Aktien und Staatsanleihen gleichzeitig Verluste hinnehmen. In der Vergangenheit haben Staatsanleihen anders reagiert als Aktien, was das Portfolio vor allem bei Rezessionen stabilisiert hat.
Wertentwicklung verschiedener Anlagen im Vergleich (indexiert, 2016 = 100)
(VP Bank/mc/ps)
