Von Simon Hartmann, Junior Investment Strategist VP Bank
Vaduz – Edelmetalle sind die Gewinner von geopolitischer Unsicherheit. Diese Absicherung bleibt gefragt.
Die Edelmetalle Gold und Silber haben beide 2025 höhere Renditen erzielt als Aktien. Das beschreibt, dass besondere Treiber am Werk sind.
Gold hat im Verlauf des Vorjahres insgesamt 51 neue Höchststände markiert. Auch Silber zeigte eine sehr starke Entwicklung und erzielte mit rund 148 % Jahresrendite sogar eine deutlich höhere Performance als Gold (+65 %).
Die Nachfrage steht in engem Zusammenhang mit geopolitischen Konflikten, Stichworte sind hier Venezuela, Iran oder Grönland. Anleger suchen offensichtlich Schutz in Sachwerten und gerade Gold ist als Portfoliobeimischung beliebt. Doch zuletzt stahl Silber Gold jedoch die Show, obwohl es noch viel häufiger als das gelbe Edelmetall in der Industrie eingesetzt wird.
Wir beleuchten in fünf Fragen die Hintergründe für die Rally in Gold und Silber und geben einen Ausblick, ob weitere Kursgewinne möglich sind.
1. Der Silberpreis pro Feinunze hat sich seit Anfang 2025 mehr als verdreifacht und stellt sogar Gold in den Schatten. Was steckt dahinter?
Ein strukturelles Angebotsdefizit und sinkende Lagerbestände in den wichtigsten Handelszentren. Somit ist der jüngste Preisanstieg überwiegend fundamental getrieben. Laut dem «Silver Institute», einer Organisation, die von Unternehmen in der Silberindustrie getragen wird, deckt die weltweite Minenproduktion die Nachfrage bereits seit mehreren Jahren nicht mehr. Auf der Angebotsseite hat dies damit zu tun, dass Silber vorab ein Nebenprodukt beim Abbau von Kupfer, Blei, Zink und Gold ist, und eine Ausweitung der Produktion ausblieb.
Die Nachfrageseite wird durch die Elektrifizierung im Rahmen der grünen Transformation, die Aufrüstung innerhalb der Nato-Staaten und die Anwendungen im Bereich der künstlichen Intelligenz bestimmt. Dieser Mix aus hoher Nachfrage der Industrie und einem unelastischen Angebot hält den Silbermarkt, Investments eingeschlossen, seit 2019 in einem Defizit.
Die signifikanten Kursgewinne seit 2025 begannen mit der Ankündigung neuer US-Zölle auf Importen. Dies führte zu einem Lageraufbau von Silber und somit zu einer künstlichen Verknappung. Hinzu kommt eine wachsende Investmentnachfrage, was sich in starken Zuflüssen bei Silber-Fonds (ETFs) zeigt. Die geopolitische Unsicherheit und Zweifel über die Unabhängigkeit der Zentralbank in den USA verstärkten diese Dynamik. Die Preisbewegung hat dann spiralförmig immer weitere Kreise gezogen und die Aufwärtsbewegung beschleunigt.
2. In überrissenen und Angst schürenden Beiträgen in sozialen Medien wird die Befürchtung geäussert, es gebe bald einen Silber-Lieferengpass. Was heisst das und ist das überhaupt möglich?
Derzeit gibt es kaum Anzeichen für eine Gefahr der Nichtlieferung von Silber. Auch die aufgeworfenen Zahlen von angeblichen Short-Positionen in Silber sind überrissen. Fakt ist, bei der Comex in Chicago, der weltweit grössten Warenterminbörse für Rohstoffe, sind rund 150’000 Kontrakte zur Lieferung von 5’000 Feinunzen Silber offen. Wie im Futures-Handel üblich, wird nur ein Bruchteil der Verträge physisch erfüllt, bei Silber sind es nur 2 % aller Kontrakte. Der Rest wird auf spätere Termine verlängert (gerollt).
Der Silberhandel basiert auf einer Teilreservesystematik, bei der nur ein geringer Anteil durch physische Bestände gedeckt ist. Dieses Modell ermöglicht Marktliquidität und eine effiziente Preisfindung. Es macht die Marktfunktionalität aber auch stressanfällig in Phasen erhöhter physischer Nachfrage. Zusätzlich hat die Comex die Margins für Edelmetalle erhöht, also den Einsatz, um einen Future handeln zu können. Zwar zeigen die Lagerbestandsberichte der Comex aktuell rückläufige registrierte Silberbestände, von einer Beschaffungskrise zu sprechen wäre aber zu weit hergeholt.
3. Offenbar wird mehr Silber nachgefragt als das Angebot hergibt. Warum wird das Angebot nicht ausgedehnt?
Es ist grundsätzlich möglich, dass langfristig mehr Silber gefördert wird, wenn die Nachfrage und die Preise nachhaltig steigen. Die Angebotsausweitung ist jedoch begrenzt und erfolgt nur langsam. Rund zwei Drittel der weltweiten Silberproduktion sind ein Nebenprodukt der Förderung anderer Metalle wie Blei, Kupfer, Zink oder Gold. Der Rest entfällt auf die Produktion aus Silberminen (Primärgewinnung). Das bedeutet, dass die Silberförderung nur eingeschränkt auf den Preis reagiert, sondern eher von der Förderkapazität anderer Metalle abhängt.
Der Neubau einer Primärsilbermine benötigt je nach Minengrösse zehn bis 20 Jahre, wobei zuvor intensive geologische Untersuchungen durchzuführen und entsprechende Bewilligungen einzuholen sind. Neben dem eigentlichen Bergwerk umfasst der Bauprozess auch die Erschliessung der Produktionsstätte mit notwendiger Infrastruktur wie Verkehrs – oder Stromnetzen. Auch das Recycling kann zur Angebotsausweitung beitragen, reagiert aber ebenfalls verzögert und hängt stark vom Preisniveau ab.
Kurzfristig ist daher selbst bei hoher Nachfrage kaum mit einer deutlichen Ausweitung des Angebots zu rechnen. In solchen Marktphasen führt ein Nachfrageüberhang typischerweise eher zu steigenden Preisen als zu einer raschen Produktionssteigerung.
4. Welche Überlegungen sprechen für Gold, welche für Silber und inwieweit kann eine Kombination beider Metalle im Portfolio sinnvoll sein?
Gold gilt als Krisenwährung. Dabei schätzen Investoren besonders die Sicherheit während einer Krise, egal, ob die Unsicherheit von geopolitischen oder wirtschaftlichen Ereignissen ausgeht, oder von Inflation. Diese einzigartige Wertbeständigkeit hat das gelbe Edelmetall zuletzt im Zuge der Grönlandkrise, den abermals drohenden Zöllen der USA sowie auch dem Vertrauensverlust in US-Institutionen unter Beweis gestellt.
Silber vereint diese Eigenschaften mit jenen eines Industriemetalls. In der Industrie, insbesondere in der Solarbranche, wird Silber aufgrund seiner hervorragenden Leitfähigkeit eingesetzt. Sie ist sogar höher als jene von Kupfer. Deshalb kommt das Metall beim Bau von Rechenzentren im Zuge der Digitalisierung und breiteren Anwendung von künstlicher Intelligenz zum Zug.
Die unterschiedlichen Eigenschaften von Gold und Silber können sich im Portfolio ergänzen. Gold dient als stabilisierendes Element in Phasen erhöhter Unsicherheit, während Silber als Industriemetall von technologischen und strukturellen Entwicklungen profitieren kann. Wobei wir bei den Industriemetallen nicht nur in Silber investieren, sondern in mehrere Metalle mit jeweils unterschiedlicher Nachfragestruktur. Durch die Kombination der Metallgattungen können Anleger sowohl defensive als auch wachstumsorientierte Aspekte abdecken, was die Risikostreuung verbessert.
5. Nach dem rasanten Preisanstieg in diesen Edelmetallen, wie geht es 2026 weiter?
Obwohl die Aufwärtsbewegung 2025 und zu Beginn des Jahres bemerkenswert ist, bedeutet dies nicht automatisch, dass die Preise bald deutlich korrigieren müssen. Das Momentum und die fundamentalen Rahmenbedingungen sind unverändert. Zwischenzeitliche Konsolidierungen sind möglich, wie Gold dies 2025 zu spüren bekam. Vor dem Hintergrund anhaltender geopolitischer Spannungen, erwarteter Zinssenkungen der US‑Notenbank und einer weiterhin hohen Nachfrage der Zentralbanken, die in ihren Reserven Gold gegenüber US-Dollar-Wertpapieren bevorzugen, rechnen wir mit weiteren Kurssteigerungen.
Was für Gold gilt, hat auch für den kleinen Bruder Silber Bestand. Die fundamentale Ausgangslage bleibt unverändert. Wir gehen davon aus, dass in den nächsten drei bis sechs Jahren weiterhin ein Angebotsdefizit besteht. Solange Trends wie Digitalisierung und Investitionen in künstliche Intelligenz die Nachfrage nach Silber weiter stützen oder gar erhöhen, dürfte sich am hohen Preisniveau von Silber wenig ändern.
Auch wenn sich das Umfeld für Metalle weiterhin positiv gestaltet, ist mittlerweile auch sehr viel eingepreist. Eine Entspannung kann angesichts der stark überkauften Niveaus zu temporären Rückschlägen führen. Dies wären gute Einstiegsgelegenheiten, falls sich noch keine Edelmetalle im Portfolio befinden.
Investoren mit bestehenden Positionen in Gold und Silber können an ihren Positionen grundsätzlich festhalten. Lohnend dürfte es in diesem Fall sein, das Portfolioübergewicht infolge der starken Performance zu reduzieren und einen Teil der Gewinne zu realisieren. (VP Bank/mc/ps)
