Elektrifizierung als Billionen-Investition – warum Stromnetze, Batterien und Industrieausrüster vor einem neuen Zyklus stehen

Christian Rom, Portfoliomanager DNB Fund Renewable Energy bei DNB Asset Management (Bild: DNB, Moneycab)

Die Energiewende war in den vergangenen fünf Jahren ein Paradebeispiel für einen Boom-und-Bust-Zyklus an den Kapitalmärkten. Zwischen 2019 und Anfang 2021 trieben Nullzinsen, staatliche Stimuli und politische Dekarbonisierungsprogramme die Bewertungen von Solar-, Wind- und Wasserstofftiteln auf Rekordniveaus. Mit dem Inflationsschub, steigenden Zinsen und massiven Lieferkettenproblemen folgte eine mehrjährige Korrektur. Margenerwartungen wurden zurückgenommen, Multiples komprimierten sich drastisch, zahlreiche Unternehmen mussten Geschäftsmodelle und Investitionspläne überdenken.

Marktkommentar von Christian Rom, Portfoliomanager DNB Fund Renewable Energy bei DNB Asset Management

Heute beginnt sich das Bild zu drehen – allerdings anders als im ersten Hype. Im Zentrum steht weniger das einzelne Windrad oder der nächste Solarpark, sondern die systemische Elektrifizierung der gesamten Volkswirtschaft. Der globale Elektrifizierungsgrad liegt derzeit bei rund 20 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. In den kommenden ein bis zwei Jahrzehnten könnte dieser Anteil auf 60 bis 70 Prozent steigen. Die ökonomische Logik dahinter ist klar: Elektronen sind effizienter als Moleküle. Während bei Verbrennungsmotoren zwei Drittel der Energie als Wärme verloren gehen, werden bei Elektromotoren rund 90 Prozent in kinetische Energie umgewandelt. Diese Effizienzvorteile wirken langfristig stärker als temporäre Zinsbewegungen.

Gleichzeitig wächst die Stromnachfrage wieder. Nach rund 15 Jahren Stagnation steigt der Verbrauch in den USA inzwischen um zwei bis drei Prozent pro Jahr. Treiber sind Rechenzentren, künstliche Intelligenz, Re-Industrialisierungstendenzen sowie Elektromobilität. Die Investitionsausgaben für Rechenzentren summieren sich auf rund eine Billion US-Dollar. Meta erhöht seine Planungen um 75 Milliarden Dollar, Alphabet zieht nach. Dieser Kapitalaufwand entspricht mehr als einem Prozentpunkt des globalen Bruttoinlandsprodukts – und jede dieser Anlagen benötigt gesicherte, planbare Stromversorgung.

Damit verschiebt sich der Engpass der Energiewende. Nicht die Erzeugungskapazitäten sind aktuell das Hauptproblem, sondern die Netzinfrastruktur. In Europa müssten die jährlichen Investitionen in Stromnetze in den kommenden drei bis fünf Jahren um das Vier- bis Fünffache steigen, um Elektrifizierung, Dezentralisierung und steigende Volatilität bewältigen zu können. Genehmigungsprozesse, Bauzeiten und Lieferketten machen diesen Ausbau komplex – und eröffnen zugleich ein strukturelles Investitionsfeld.

Ausrüster profitieren

Davon profitieren vor allem Ausrüster entlang der Wertschöpfungskette. Kabelhersteller wie Prysmian und Nexans verzeichnen stark steigende Auftragsbestände und längere Vorlaufzeiten. Transformatoren- und Motorenproduzenten wie WEG bauen Kapazitäten aus. Schneider Electric profitiert von Schaltanlagen, Automatisierungslösungen und der Elektrifizierung von Gebäuden sowie Rechenzentren. Halbleiterhersteller wie On Semiconductor oder Monolithic Power liefern zentrale Komponenten für Stromumwandlung und Effizienzsteigerung. Selbst intelligente Stromzähler gewinnen strategische Bedeutung: Mit wachsender Einspeisung aus Solaranlagen, Batteriespeichern und Elektrofahrzeugen steigt der Bedarf an Echtzeitdaten über Netzstabilität und Lastverteilung.

Parallel dazu wächst der Batteriemarkt rasant. 2025 legte das weltweite Volumen um rund 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Speicher werden zum Bindeglied zwischen volatiler Erzeugung und konstanter Nachfrage. Marktführer CATL und BYD investieren massiv in Forschung und Skalierung, während Unternehmen wie Albemarle vom Lithiumbedarf profitieren. Im Bereich dezentraler Lösungen bauen Firmen wie Enphase oder Sunrun Heimspeicher in Kombination mit Solaranlagen auf. Gleichwohl bleibt das Risiko der Kommoditisierung hoch. Wie zuvor bei Solarzellen könnte Preisdruck Margen belasten, weshalb Investoren genau prüfen müssen, wo technologische Eintrittsbarrieren und nachhaltige Kapitalrenditen bestehen.

Interessant ist, dass nicht nur klassische Erneuerbare im Fokus stehen. Unsere grösste Einzelposition ist Darling Ingredients, der führende Biodieselproduzent in den USA. Das Unternehmen ist vertikal integriert, sammelt weltweit Schlachtabfälle, verarbeitet Fette zu Biodiesel und gewinnt Nebenprodukte wie Kollagen für die Kosmetikindustrie. Gerade im Luftverkehr gelten Biokraftstoffe mittelfristig als kaum ersetzbar. Die Branche ist zwar zyklisch und befindet sich aktuell in einer Schwächephase, doch strukturell bleibt sie politisch unterstützt – insbesondere in den USA, wo der Agrarsektor eine zentrale Rolle spielt.

Ein weiterer prominenter Wert ist Ørsted, Weltmarktführer im Offshore-Wind. Politische Unsicherheiten in den USA, insbesondere unter Donald Trump, belasteten das Unternehmen massiv. Bereits zu 60 bis 80 Prozent fertiggestellte Projekte gerieten ins Stocken, Projektfinanzierungen wurden schwieriger. Dennoch lag die Free-Cashflow-Rendite zum Zeitpunkt der Kapitalerhöhung bei rund 17 Prozent – selbst unter der Annahme, dass sämtliche US-Investitionen nicht zurückfliessen würden. Mit einem Fondsgewicht von rund sechs Prozent zählt Ørsted weiterhin zu den zentralen Positionen. Offshore-Wind bleibt aus europäischer Perspektive strategisch relevant, nicht zuletzt aus Gründen der Energiesicherheit nach dem russischen Angriff auf die Ukraine.

Bewertungsseitig zeigt sich derzeit ein ungewöhnliches Bild. Während für den MSCI World ein Gewinnwachstum von rund acht Prozent erwartet wird, liegt die Prognose für das betrachtete Portfolio bei über 20 Prozent pro Jahr in den kommenden zwei Jahren. Gleichzeitig notiert es mit einem Abschlag gegenüber dem Weltindex. Das vereint Wachstums- und Value-Elemente in einer Phase, in der viele Titel nach mehrjähriger Korrektur fundamental gestärkt, aber bilanziell vorsichtiger aufgestellt sind.

China bleibt dabei ein ambivalenter Faktor. Unternehmen wie CATL oder BYD sind technologisch führend, gleichzeitig besteht strukturelle Skepsis gegenüber Governance-Standards und politischer Einflussnahme. Zudem haben Überkapazitäten in der Vergangenheit europäische Anbieter unter massiven Preisdruck gesetzt. Entsprechend ist Asien im Portfolio untergewichtet, auch wenn klar ist, dass die globale Elektrifizierung ohne chinesische Produktionskapazitäten kaum realisierbar wäre.

Struktureller Investitionszyklus

Der Blick auf die Zahlen verdeutlicht die Dimension der Transformation. Eine Billion Dollar für Rechenzentren, 40 Prozent Wachstum im Batteriemarkt, eine Vervier- bis Verfünffachung der Netzinvestitionen in Europa, zweistellige Free-Cashflow-Renditen bei ausgewählten Projektentwicklern und ein erwartetes Gewinnwachstum von über 20 Prozent im Portfolio – das sind keine kurzfristigen Modeerscheinungen, sondern Kennzahlen eines strukturellen Investitionszyklus.

Die Energiewende ist damit weniger eine Frage ideologischer Debatten als eine industrielle Grossbaustelle. Wer heute investiert, setzt nicht primär auf Visionen, sondern auf Transformatoren, Kabel, Speicher, industrielle Software und robuste Cashflows. Die eigentliche Investment-Story beginnt erst – und sie spielt sich zunehmend im Netz und in der Infrastruktur ab, nicht mehr nur auf dem Windrad. (dnb/mc/hfu)


DNB Asset Management

Exit mobile version