«Auswandern» innerhalb der Schweiz: Von Kranvirtuosen, Holzkünstlern und dem daraus entstehenden Haus

Hausbau in Vignogn (Bild: Helmuth Fuchs)

Nachdem wir den Ort gefunden und auf dem Papier das Haus erstellt hatten, ging es um die aktuelle Herstellung der Elemente und die Fertigstellung auf dem vorbereiteten Fundament. Traditionellerweise die Phase, in der die Dinge beginnen, aus dem Ruder zu laufen und das Verhältnis zwischen den beteiligten Parteien sich in Richtung ewiges Eis abkühlt.

Von Helmuth Fuchs

Da wir über keine nennenswerten handwerklichen Fähigkeiten und nur rudimentäre Erfahrung im Hausbau verfügen, haben wir für das gesamte Projekt jemanden gesucht, der sowohl die Planung, als auch die Ausführung und die Koordination aller involvierter Handwerker übernehmen kann. Mit Reto Lippuner und der Mark Holzbau wurden wir fündig. Mark Holzbau ist spezialisiert auf individuellen Holz-Systembau. In enger Kooperation mit der gleich neben dem Büro liegenden Schreinerei Battaglia + Pinggera können die einzelnen Elemente der Pläne ab dem CAD-System gleich in die Werkstätten auf grosse CNC-Tische geliefert und dort gefertigt werden. Von erfahrenen Schreinern und Zimmerleuten werden danach die grossen Elemente (Wände, Dachelemente, Bodenelemente…) erstellt und für den Transport vorbereitet.

Das schmales Streifenfundament, das mit sehr wenig Beton (für einen möglichst tiefen CO2-Verbrauch) zu Beginn des Winters 2021/2022 erstellt wurde, konnte über den Winter austrocknen. Bevor am 15. März 2022 mit dem Errichten des Hauses begonnen werden konnte, musste das Fundament noch von Schnee befreit und das Gerüst hochgezogen werden. Ersteres konnte ich alleine bewerkstelligen, da es ausser einer Schaufel, etwas Rohkraft und Durchhaltewillen keiner weiteren Fähigkeiten bedurfte, die zweite Aufgabe übernahmen die Spezialisten von Luzi Gerüste in Rekordzeit.

Am 14. März 2022 wurde unser neues Zuhause in Form von fertigen Elementen auf mehreren Tiefladern von Scharans nach Vignogn gefahren. Der Lastwagenfahrer der Firma Voneschen, der zugleich auch der Kranführer war, erwies sich als Virtuose an Steuer und Krankonsole. Millimeterarbeit auf beiden Geräten, ohne nur einen Fehler und ohne beim Setzen der Elemente je zweimal anzusetzen. Als ausgebildeter Zimmermann wusste er genau, welche Teile wo und in welcher Reihenfolge hingehörten und wie sie dann gesetzt werden mussten. Hoch oben auf dem Gerüst stehend, die Konsole umgehängt, liess er die Teile durch die Luft schweben und sich wie folgsame Zirkustiere an den richtigen Platz setzen.

Innerhalb von zweieinhalb Tagen entstand in der Saharastaub-durchzogenen Luft im Val Lumnezia unser Haus. Dies auch dank dem aussergewöhnlichen Einsatz aller Beteiligter, die bis in die Nacht unter Flutlicht weiter arbeiteten. Nicht, weil es der Bauherr anordnete, sondern weil sie einen Lauf hatten, den sie nicht unterbrechen wollten. Es lief schlicht zu perfekt, um unterbrochen zu werden.

Hier ein Video in Zeitraffer. In zwei Minuten, was in Wirklichkeit zwei Tage dauerte.

In dieser Phase hatten wir Gelegenheit, die Handwerkskunst der Zimmerleute und Schreiner zu würdigen, deren Arbeit danach kaum mehr sichtbar ist, da sie entweder hinter der Holzfassade, oder im Dachbereich liegt. Die Arbeiten waren von Beginn weg geprägt von dem den Fachleuten eigenen Berufsstolz, der sich darin zeigte, dass sie über die Vereinbarungen hinaus Lösungen suchten und umsetzten, die sie auch an ihrem eigenen Haus haben würden. Beim Aufstellen des Hauses zeigte sich, wie präzise und mit wie viel Liebe zum Detail unser Haus über den Winter vorbereitet wurde. Alles passte, funktional und optisch.

Vor dem Innenausbau und nach dem Einblasen der Isolation (Kartongemisch) wurde noch die Aussenhülle, unbehandeltes Lärchenholz, angebracht. Diese Haut wird sich, wie bei den Menschen, im Laufe der Zeit anpassen. Die Sonne wird dem Holz, je nach Intensität, braune, rötliche, bis fast schwarze Töne verleihen, der Regen wird für silberne Schattierungen sorgen. Die geschützte Terrasse unter dem Dach hat ein Deck aus Lärchenholz und Wände aus Fichtenholz. Die Wände ziehen sich nahtlos ins Innere, so dass Innen und Aussen eigentlich Eines sind.

Nach dem Entfernen des Gerüstes steht das Haus am Rande und leicht über dem Dorf an dem Platz, den wir für uns und unser neues Zuhause ausgesucht haben. Hier, um zu bleiben, sich anzupassen, sich zu verändern, Teil des Tales zu werden.

Entgegen der Befürchtung und den Erfahrungen anderer (und eigener aus dem Bau des ersten Hauses vor 30 Jahren), gab es kaum Probleme, lief nichts aus dem Ruder und wir sind so begeistert von den Handwerkern, wie zu Beginn.

Wie es im Innern aussieht, welche Farben und Komponenten wir weshalb gewählt haben, im kommenden Artikel.


Vorherige Artikel:

Exit mobile version