Winterthur – Vier von zehn Unternehmen verzeichnen steigende Kosten aufgrund von Personalausfällen. Die aktuelle KMU-Arbeitsmarktstudie der AXA zeigt aber auch: KMU mit einer Führungskultur, die auf Eigenverantwortung setzt, berichten seltener von psychisch bedingten Fehlzeiten als KMU ohne dieses Leitprinzip. Besorgniserregend ist hingegen, dass trotz steigender Fehlzeiten gezielte Präventionsmassnahmen stagnieren. Jedes vierte KMU ergreift gemäss eigenen Aussagen gar keine Gegenmassnahmen.
Die Belastung durch Personalausfälle hat sich in der Schweizer KMU-Landschaft verschärft. 42 Prozent der im Rahmen der KMU-Arbeitsmarktstudie befragten Unternehmen berichteten, dass die Kosten für Fehlzeiten in den letzten fünf Jahren gestiegen sind, bei den grossen KMU mit 50-250 Mitarbeitenden sind es gar 62 Prozent. «Personalausfälle sind längst nicht mehr nur ein HR-Thema. Für viele KMU entwickeln sie sich zu einem betriebswirtschaftlichen Risiko. Gerade in Zeiten des Arbeitskräftemangels können bereits wenige längere Ausfälle Projekte verzögern, Teams zusätzlich belasten und die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens beeinträchtigen – insbesondere bei KMU, die über weniger personelle Reserven verfügen, um Ausfälle aufzufangen», sagt Laetitia Amey, CEO von WeCare, dem Angebot für betriebliches Gesundheitsmanagement der AXA.
Eigenverantwortliche Mitarbeitende resilienter
Neben dem generellen Anstieg der Fehlzeiten erweist sich auch die psychische Belastung der Mitarbeitenden als Herausforderung: Gut ein Drittel der befragten KMU gab an, mittelmässig oder sogar stark von Ausfällen betroffen zu sein, die auf die mentale Verfassung der Mitarbeitenden zurückzuführen ist. Gegenüber dem Jahr 2023 entspricht das einer Zunahme von zehn Prozentpunkten (35 % vs. 25 %). Dabei zeigt die Studie einen bemerkenswerten Zusammenhang: Unternehmen, die Freiheit und Eigenverantwortung als wichtiges Führungsprinzip nennen, berichten seltener von psychisch bedingten Fehlzeiten. Während in Unternehmen mit diesem Führungsverständnis 27 Prozent von entsprechenden Ausfällen betroffen sind, liegt der Anteil bei Betrieben ohne dieses Leitprinzip bei 43 Prozent.
Eigenverantwortung kann Stress und Belastung am Arbeitsplatz nicht grundsätzlich verhindern, könnte gemäss Studienergebnissen aber ein psychologischer Puffer sein, da KMU mit diesem Führungsprinzip von weniger Ausfällen berichten: «Das deckt sich mit unseren Erfahrungen aus der Praxis. Führung beeinflusst nicht nur Motivation und Zusammenarbeit, sondern auch den Umgang mit Belastungen. Wo Mitarbeitende Verantwortung übernehmen können, Vertrauen erfahren und Unterstützung erhalten, entstehen häufig resilientere Teams. Das macht gute Führung zu einem wichtigen Erfolgsfaktor – auch aus wirtschaftlicher Sicht», sagt Laetitia Amey.
Private Konflikte und Arbeitslast als Hauptursachen
Die Ursachen für psychische Belastungen sind gemäss der befragten KMU vielfältig: 46 Prozent nennen private Belastungen als häufigsten Faktor, was die enge Verflechtung von privatem Alltag und Arbeitsleistung verdeutlicht. Nichtsdestotrotz sieht auch ein erheblicher Teil der Befragten die Ursachen direkt im Arbeitsumfeld: Gut ein Drittel der KMU (36 %) identifizieren eine zu hohe Arbeitsbelastung als zentralen Auslöser, auf dem dritten Platz folgen Konflikte im Team oder mit Vorgesetzten, gefolgt von mangelnder Wertschätzung. Interessant ist dabei, dass Unternehmen, die auf Freiheit und Eigenverantwortung setzen, eine hohe Arbeitsbelastung etwas häufiger als Hauptgrund für psychische Belastung identifizieren (41 %) als Betriebe ohne dieses Leitprinzip (32 %). Im Gegenzug berichten Letztere öfter von mangelnder Wertschätzung gegenüber Mitarbeitenden als zentralem Faktor (27 % vs. 16 %) für mentale Erkrankungen in der Belegschaft.
Trotz Bewusstsein kaum Massnahmen
Einigkeit herrscht bei den befragten KMU hingegen darüber, dass die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden durchaus in der Verantwortung der Führungsetage liegt. Zwei Drittel der Unternehmen (66 %) sind der Ansicht, dass Führungskräfte eine entscheidende Rolle für das mentale Wohlbefinden der Belegschaft spielen. Nur ein Viertel der Betriebe würde dem widersprechen. Trotz des Wissens um die Bedeutung der Führung für die mentale Gesundheit zeigt die KMU-Arbeitsmarktstudie eine Diskrepanz zwischen erkannter Relevanz und konkretem Handeln. Die aktive Umsetzung von Präventionsmassnahmen hat seit 2023 nicht zugenommen – im Gegenteil: Der Anteil jener Unternehmen, die gezielt auf eine offene Feedbackkultur setzen, ist gegenüber 2023 sogar leicht zurückgegangen – von 35 auf 28 Prozent. Die Förderung der physischen Gesundheit durch Ernährung und Bewegung sowie die Schulung von Vorgesetzten stagnieren auf sehr tiefem Niveau (14 % bzw. 11 % im Jahr 2026). Jedes vierte KMU (25 %) berichtet zudem, keinerlei spezifische Massnahmen zu ergreifen, um psychisch bedingten Fehlzeiten vorzubeugen.
Während die Kosten und Auswirkungen durch psychische Belastungen in der Wahrnehmung der befragten KMU steigen, verharrt ihr Engagement auf dem Niveau von vor drei Jahren. Laetitia Amey, CEO von WeCare, ordnet die Ergebnisse ein: «Im hektischen Alltag fehlt oft die Zeit, aus Erkenntnissen konkrete Massnahmen abzuleiten. Dabei braucht es keine grossen Programme: Sensibilisierte Führungskräfte, regelmässige Gespräche und eine Kultur des Vertrauens machen oft bereits den entscheidenden Unterschied – und sind eine Investition in die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.»
Über die Studie
Wie bereits in den Vorjahren wurde die KMU-Arbeitsmarktstudie vom Forschungsinstitut Sotomo im Auftrag der AXA realisiert. Für die vorliegende Ausgabe wurden vom 11. bis 18. März 2026 insgesamt 336 KMU aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz befragt. (AXA/mc/hfu)
