Luzern – Das European Economic Forum (EEF) 2025 in Luzern profilierte sich einmal mehr als Ort, an dem Europas politische und wirtschaftliche Elite den Modus «Krisenbewältigung» hinter sich lassen und über eine strategische Neupositionierung des Kontinents nachdenken will. Rund 700 Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft diskutierten im KKL Luzern darüber, wie Europa in einer fragmentierten Welt wieder an wirtschaftlicher Schlagkraft gewinnen kann – und welche Rolle die Schweiz dabei spielt.
Von Helmuth Fuchs
Programmatisch stand das Motto «Back to Business» für den Anspruch, von der Diagnose zur Umsetzung zu gelangen. In seiner Eröffnungsansprache betonte Marcel Stalder, Group CEO von Chain IQ und Präsident des Lucerne Dialogue, dass «das Problem Europas nicht China oder die USA, und langfristig auch nicht Russland» seien, sondern ein hausgemachter Mangel an Vision – Europa wisse zu oft nicht, wohin es eigentlich wolle. Die Teilnehmenden waren sich einig, dass Regulierung, Sicherheitspolitik und Standortfragen neu austariert werden müssen, wenn Europa im Wettbewerb mit den USA und Asien nicht dauerhaft zurückfallen soll.
Europa zwischen Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit
Mehrere Keynotes – unter anderem von Spitzenvertretern aus der Industrie und ehemaligen Spitzenpolitikerinnen aus Brüssel und Berlin – kreisten um die Frage, wie Europa technologische Innovation zulassen kann, ohne eigene Werte preiszugeben. Ein häufig wiederkehrendes Motiv war der Befund, dass Europa zwar «Weltmeister in der Problemanalyse» sei, aber Mühe habe, grosse industriepolitische Projekte schnell und koordiniert umzusetzen, sei es beim Ausbau erneuerbarer Energien, der Digitalisierung oder der Verteidigungsindustrie. Gleichzeitig wurde die geopolitische Verwundbarkeit Europas betont, das zwischen einem zunehmend innenpolitisch getriebenen Amerika und einem selbstbewussten China seinen Handlungsspielraum behaupten muss.
Die Rolle der Schweiz
Bundesrat Ignazio Cassis stellte in seinem Auftritt am EEF die Schweiz explizit als Brückenbauerin zwischen Europa und der Welt dar. Er hob hervor, dass die Schweiz als kleine, offene Volkswirtschaft «nicht zwischen Europa und den USA wählen» müsse, sondern gleichzeitig stabile institutionelle Beziehungen zur EU, ein Freihandelsabkommen mit den USA sowie offene Märkte gegenüber Asien brauche, um ihre Rolle als global vernetzter Standort zu sichern. In der Diskussion zu «Business perspectives on Switzerland, Europe and the world» wurde deutlich, dass die Schweiz auch als Testlabor für pragmatische Regulierung, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen und solide öffentliche Finanzen wahrgenommen wird – ein Modell, das Europa in Teilen adaptieren könnte.
Mobilität, Infrastruktur und Transformation
Ein Schwerpunkt des diesjährigen Forums lag auf der Zukunft der Mobilität, die als Lackmustest für Europas Transformationsfähigkeit gilt. In einem hochrangig besetzten Panel zur Verkehrspolitik wurde argumentiert, dass die zusätzlichen Mobilitätsbedürfnisse bis 2050 «im Wesentlichen durch den öffentlichen Verkehr abgedeckt» werden sollen – eine Strategie, die enorme Investitionen in Schiene, digitale Steuerungssysteme und klimaneutrale Antriebe voraussetzt. Vertreterinnen und Vertreter aus der Wirtschaft mahnten zugleich an, dass Planungssicherheit, verlässliche Finanzierung und technologieoffene Regulierung entscheidend sind, damit die Privatwirtschaft diese Transformation mittragen kann.
Europas und der Schweiz künftige Bedeutung
Im internationalen Kräftemessen wird Europa nach Einschätzung mehrerer Referentinnen und Referenten nur dann Gewicht behalten, wenn es seine wirtschaftliche und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit stärkt. Wiederholt wurde darauf hingewiesen, dass Europas Bedeutung weniger an der Bevölkerungszahl als an der Fähigkeit gemessen werde, Innovation, Kapital und Talente anzuziehen – und diese Fähigkeit hängt direkt von verlässlichen Institutionen, Rechtsstaatlichkeit und einem funktionierenden Binnenmarkt ab. Für die Schweiz ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Sie muss ihre Offenheit bewahren und ihre bilateralen Beziehungen zur EU konsolidieren, um im «inneren Kreis» europäischer Wertschöpfungsketten zu bleiben, und gleichzeitig ihre Rolle als neutraler, aber klar westlich verankerter Standort in einer multipolaren Welt schärfen.
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