Zürich – Die Schweizer Wirtschaft hat sich im ersten Halbjahr 2026 deutlich robuster entwickelt als erwartet. Zusammen mit Aufwärtsrevisionen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung hebt das KOF Institut seine Wachstumsprognose deutlich an: Für das reale BIP ohne internationale Sportgrossanlässe erwartet es 2026 ein Wachstum von 1.9% (Sommerprognose: 0.8%), für 2027 und 2028 jeweils 1.7%. Die Unsicherheit bleibt hoch.
Trotz der Belastungen durch die US-Zollpolitik und die erhöhten Energiepreise hat sich die Weltwirtschaft bislang widerstandsfähig gezeigt. Auch die Schweizer Wirtschaft entwickelte sich im ersten Halbjahr 2026 günstiger als noch in der Sommerprognose erwartet. Insbesondere das zweite Quartal überraschte positiv. Gleichzeitig zeichnen Revisionen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ein deutlich günstigeres Bild der zurückliegenden Entwicklung.
Starkes erstes Halbjahr prägt das Wachstum 2026
Im zweiten Quartal legten die Warenexporte kräftig zu, überwiegend getragen von den Pharmaexporten. Auch der private Konsum sowie die Bau- und Ausrüstungsinvestitionen lieferten positive Wachstumsimpulse. Innerhalb der Industrie war die Expansion im ersten Halbjahr breit abgestützt: Neben der Chemie- und Pharmaindustrie verzeichneten auch die übrigen Bereiche des Verarbeitenden Gewerbes deutliche Zuwächse.
Das Jahreswachstum 2026 ist damit wesentlich durch das starke erste Halbjahr vorgezeichnet. Für das dritte Quartal erwartet das KOF Institut eine vorübergehende Wachstumspause, bevor die Wirtschaft im vierten Quartal wieder moderat zulegt. Die Produktionslücke dürfte aktuell nahezu geschlossen sein. Auch im weiteren Prognosezeitraum dürfte die gesamtwirtschaftliche Produktion ungefähr ihrem Potenzial entsprechen.
Investitionen beleben sich, Konsum bleibt Stütze
Die neuen Daten zeichnen insbesondere bei den Investitionen ein deutlich günstigeres Bild als bisher. Sowohl die Bau-als auch die Ausrüstungsinvestitionen wurden für 2025 kräftig nach oben revidiert. Die Erholung der Bauinvestitionen setzte sich im ersten Halbjahr 2026 fort. Auch für den weiteren Verlauf bleiben die Aussichten positiv. Beim Wohnbau sowie bei Bauten für Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen wird mit weiteren Zuwächsen gerechnet.
Bei den Ausrüstungsinvestitionen verlief das erste Halbjahr dagegen verhaltener. Wichtige Vorlaufindikatoren hellten sich zuletzt jedoch auf: Die Auftragsbestände und die Kapazitätsauslastung in der Industrie stiegen und die Ertragslage der Unternehmen verbesserte sich. Insgesamt erwartet das KOF Institut für die Bruttoanlageinvestitionen ein Wachstum von 1.3% im Jahr 2026 und 2.7% im Jahr 2027.
Der private Konsum stützt die Binnenkonjunktur ebenfalls. Nach einem schwachen Jahresauftakt nahm er im zweiten Quartal wieder zu. Die Konsumentenstimmung hat sich verbessert, die Detailhandelsumsätze haben sich erholt und auch im Gastgewerbe zeigen sich Entspannungstendenzen. Zudem liegen die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte gemäss den neuen Daten deutlich höher als bisher angenommen und eröffnen zusätzliche Spielräume für Konsumausgaben.
Verbesserte Aussichten in Europa stützen den Aussenhandel
Die Weltwirtschaft entwickelte sich im zweiten Quartal trotz der erhöhten geopolitischen Unsicherheit und der gestiegenen Energiepreise robust. Insbesondere im Euroraum fiel die Entwicklung stärker aus als erwartet. Auch die Stimmungsindikatoren haben sich in vielen Ländern und Wirtschaftsbereichen aufgehellt. Für Deutschland wurden die Wachstumsaussichten deutlich nach oben korrigiert. Im weiteren Prognoseverlauf dürfte die Weltwirtschaft in moderatem Tempo expandieren.
Nach den starken Schwankungen der vergangenen Quartale dürfte sich der Schweizer Aussenhandel ebenfalls zunehmend normalisieren. Die verbesserten Aussichten in wichtigen europäischen Absatzmärkten und eine Stabilisierung in Teilen der exportorientierten Industrie wirken stützend. Insbesondere die Maschinen- und Elektroindustrie zeigt sich etwas gefestigter, während die Pharmaindustrie weiterhin wichtige Wachstumsimpulse liefert. Belastungen durch die US-Zölle und die schwache Nachfrage in einzelnen Absatzmärkten bleiben jedoch bestehen.
Beschäftigung steigt, Arbeitslosigkeit bleibt erhöht
Die revidierten Beschäftigungsdaten und das überraschend starke zweite Quartal zeichnen ein günstigeres Bild der Arbeitsmarktentwicklung. Die vollzeitäquivalente Beschäftigung dürfte 2026 um 1.5% zunehmen, nachdem in der Sommerprognose lediglich 0.5% erwartet worden waren. Der hohe Jahreszuwachs ist allerdings wesentlich auf die Datenrevisionen und das kräftige erste Halbjahr zurückzuführen. Für die zweite Jahreshälfte erwartet das KOF Institut angesichts gemischter Arbeitsmarktindikatoren nur noch einen geringen Stellenaufbau.
Gleichzeitig bleibt die Arbeitslosigkeit erhöht. Das KOF Institut geht davon aus, dass ein Teil des jüngsten Anstiegs struktureller Natur ist und daher durch eine konjunkturelle Erholung allein nicht abgebaut wird. Die Arbeitslosenquote gemäss SECO dürfte im Jahresdurchschnitt 2026 und 2027 jeweils 3.1% betragen und 2028 leicht auf 3.0% zurückgehen.
Inflation bleibt tief – SNB dürfte Leitzins anheben
Das Nominallohnwachstum dürfte sich bis 2027 weiter abschwächen. Aufgrund der weiterhin tiefen Inflation ergeben sich dennoch leichte Reallohnzuwächse. Die höheren Energiepreise führen zwar vorübergehend zu zusätzlichem Preisdruck, bislang zeichnen sich jedoch nur geringe Zweitrundeneffekte ab. Das KOF Institut erwartet eine Inflation von 0.6% im Jahr 2026, 0.6% im Jahr 2027 und 0.5% im Jahr 2028.
Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat ihren Leitzins im September bei 0% belassen. Für die nächste geldpolitische Lagebeurteilung erwartet das KOF Institut eine Anhebung um 25 Basispunkte. Danach dürfte der Leitzins über den weiteren Prognosehorizont unverändert bleiben.
Unsicherheit bleibt hoch
Die Prognose bleibt mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Eine weitere Eskalation der Konflikte im Nahen Osten könnte die Energieversorgung stärker beeinträchtigen und den Energiepreisschock verlängern. Auch erneute US-Zollerhöhungen oder eine schwächere Entwicklung wichtiger Absatzmärkte könnten die Schweizer Exportwirtschaft belasten. Darüber hinaus könnten Zweifel an der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen in hoch verschuldeten Volkswirtschaften zu steigenden Risikoprämien und restriktiveren Finanzierungsbedingungen führen und damit die internationale Konjunktur bremsen.
Aufwärtsrisiken ergeben sich aus einer Entspannung der geopolitischen und handelspolitischen Konflikte. Wenn die europäischen Investitionsprogramme schneller umgesetzt oder stärker ausgeschöpft werden als angenommen, könnte dies die Nachfrage zusätzlich stützen. Eine raschere Verbreitung künstlicher Intelligenz könnte darüber hinaus zusätzliche Investitionen auslösen und dafür sorgen, dass Produktivitätsgewinne früher wirksam werden. (pd/mc/pg)
