Meret Schneider: Ausweg aus dem Label-Dschungel

Meret Schneider, Nationalrätin, Grüne Schweiz. (Bild: parlament.ch)

Das Tierwohl ist über 80% der Menschen bei Tierprodukten sehr wichtig – zumindest kreuzen sie das in Umfragen an. Im Konsumverhalten schlägt sich das leider kaum nieder: Labelprodukte fristen noch immer ein Nischendasein und auch der Marktanteil von Bioprodukten ist insbesondere beim Fleisch vernachlässigbar.

Der Hauptfaktor für die tierunfreundlichen Konsumentscheidungen dürfte die Preisdiskrepanz sein; so kostet ein ganzes Bio Poulet in der Migros 19.50 Franken, während man ein konventionell produziertes bereits für absurde 6.05 Franken erhält. Da braucht es schon eine gefestigte moralische Überzeugung oder das Wissen um die üblen Produktionsbedingungen in der konventionellen Pouletmast, um sich für das Bio Poulet zu entscheiden. Hinzu kommt, dass vielen Konsumierenden im Label-Dschungel schlicht der Überblick fehlt. Bio Suisse, Naturafarm, IP Suisse, Suisse Garantie, KAGfreiland… Alle schmücken sich mit Begriffen wie «tierfreundlich» oder «tiergerecht», aber hinter welchem Label steckt tatsächlich Tierwohl und welche Bedingungen gehen damit einher?

Um dieses Dickicht an Labeln und Versprechen etwas zu lichten, hat der Schweizer Tierschutz STS den sogenannten Label-Kompass lanciert. Dieser prüft bis zu 100 einzelne Anforderungen pro Tierart, die zu 14 Bereichen zusammengefasst werden, etwa Stallklima, Auslauf, Weidehaltung, Fütterung, Transport oder Schlachtung. Jedes Kriterium wird auf einer vierstufigen Skala bewertet. Wichtigere Punkte wie Weidezugang werden stärker gewichtet. Am Schluss steht eine Gesamtnote pro Label oder Produkt, die im Onlinetool nachgeschlagen werden kann. Die verschiedenen Labels werden dabei mit den Prädikaten «sehr gut», «gut», «ausreichend» und «unbefriedigend» versehen, wobei teilweise unerwartete Resultate zu Tage gefördert werden. So werden beispielsweise sowohl Hühnereier als auch Pouletfleisch nach Schweizer Gesetzgebung als «unbefriedigend»  bezeichnet und mit dem Attribut «von diesem Produkt raten wir ab» versehen.

Wenig überraschend für mich, aber in der Klarheit doch unbestechlich, zeigt der Kompass auf: Tierproduktekonsum ohne Labels ist aus Tierwohlsicht eigentlich nicht zu rechtfertigen, zumal es bessere Alternativen gäbe. Wer sich also für eine tierfreundliche Produktion interessiert, kann sich nicht auf die Schweizer Gesetzgebung verlassen, sondern dem sei ein Blick auf den Kompass des STS empfohlen.

Trotz diesem Einsatz für mehr Tierwohl in der sogenannten Nutztierhaltung erntet der STS von Tierrechts- oder veganen Organisationen Kritik. Es wird moniert, dass der STS das Tierleid in der Tierhaltung verharmlose und zu wenig thematisiere, beispielsweise, dass auch in der Bio-Schweineproduktion die CO2-Betäubung an der Tagesordnung ist, die mit grossen Qualen und Atemnot verbunden ist. Ausserdem wird die Gefahr des «Moral Licensing» ins Feld geführt, also die Gefahr, dass durch die Wahrnehmung als besonders tierfreundlich der Konsum tierischer Produkte an sich nicht mehr in Frage gestellt und damit legitimiert würde.

Konsequent zu Ende gedacht, würde diese Argumentation jedoch dazu führen, dass wir Tiere möglichst katastrophal halten müssten, um die Menschen von deren Konsum abzuschrecken, was vielleicht zu einem geringeren Konsum von Tierprodukten, aber zu massiv grösserem Tierleid auf Seiten des Individuums führen würde – und das kann kaum im Sinne der Tierrechtsorganisationen sein. Ausserdem beinhaltet der STS-Kompass auch einen Fleisch- und Konsumrechner, der einem als Fazit stets eine Reduktion des Fleisch- Eier- und Milchproduktekonsums empfiehlt, was bereits die Kritik von der anderen Seite auf den Plan ruft. So wird von Bauernseite kritisiert, dass mit dem Fleisch- und Konsumrechner das Kauf- und Konsumverhalten generell gelenkt werden soll, was nicht begrüsst wird. Nimmt der STS seine Rolle als Schützer der Tiere jedoch ernst, so ist dies nur konsequent, schliesslich kann eine tiergerechtere Produktion und  ein entsprechendes Angebot im Detailhandel nur umgesetzt werden, wenn der Konsum drastisch reduziert wird, ansonsten könnten diese Mengen gar nicht auf tierfreundlichere Weise produziert werden.

Quantität schliesst Qualität in diesem Falle schlicht aus und auch das muss in einen Ratgeber bzw. in ein Transparenzinstrument einfliessen. Vielleicht gilt für den Labelkompass, was für viele pragmatische Lösungsansätze und Kompromisse gilt: Wenn die beiden Pole Kritik üben, kann er so schlecht nicht sein.


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