Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Künstlich schlägt faul

Martin Neff

von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

St. Gallen – Ich habe neulich eine kleinere Abhandlung über Künstliche Intelligenz (KI) gelesen, ein Thema, mit dem ich mich bisher eher passiv beschäftigt habe. Offenbar bin ich damit aber nicht allein, denn eine aktuelle Umfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) in Deutschland titelte gestern, die Hälfte der Deutschen wisse nicht, was KI eigentlich sei.

Besagte Schrift – leider weiss ich nicht mehr, wo ich sie überhaupt gelesen habe – war eher philosophischer Natur und beleuchtete die Thematik nicht aus dem sonst eher üblichen technischen Blickwinkel. Wie weit die Tentakeln künstlicher Intelligenz bald einmal reichen werden, wurde aber auch da spürbar. Die Durchdringung dürfte gemäss den meisten Quellen schon bald massiv sein, vornehmlich in der Industrie, aber letztlich auch in sämtlichen Bereichen des täglichen Lebens.

Doch zunächst mal zum Begriff der künstlichen Intelligenz. Da schon keine exakte Definition des Begriffes Intelligenz existiert, gibt es auch keine für die „künstliche Intelligenz“. Es herrscht aber weitgehend Übereinstimmung, dass es sich bei der künstlichen Intelligenz um ein Teilgebiet der Informatik handelt, welches sich mit maschinellem Lernen beschäftigt. KI zielt darauf ab, Maschinen, Computern oder Robotern intelligentes Verhalten beizubringen. Die künstliche Intelligenz gilt als wichtiger Baustein der Digitalisierung. Sie fängt in meinem Verständnis da an, wo Algorithmen aufhören, sprich an dem Punkt, an welchem die Maschine selbst denken und allenfalls entscheiden muss. Das können sonst nur wir Menschen.

Alles ist lernbar
Hingegen können wir Maschinen heute schon mehr oder weniger alles beibringen, was wir wissen bzw. selbst jemals gelernt haben. Alexa oder Siri können uns Antworten geben auf Fragen, die längst nicht mehr nur banal sind. Doch handelt es sich dabei vornehmlich um programmiertes Wissen, dafür aber einer riesigen Masse davon. Denn der Vorteil dieser sprachgesteuerten, internetbasierten und als intelligent bezeichneten persönlichen Assistenten ist, dass sie ein viel grösseres Gedächtnis – sprich Speicherkapazität – haben als wir Menschen und daher viel mehr Informationen abrufen können. Auch der berühmte Schachcomputer beruht letztlich auf Algorithmen, welche mal ein Mensch herausgefunden hat. Die unzähligen Zugmöglichkeiten beim Schachspiel sprengen allerdings das menschliche Gedächtnis, weshalb dieses im Wettkampf inzwischen dem maschinellen Hirn unterliegt.

Allerdings würden das Hirnforscher so nicht im Raum stehen lassen, denn wir Menschen nutzen unsere Hirnkapazität viel zu wenig, heisst es oft. Ob es sich dabei um einen Mythos handelt, z.B. dass wir nur zehn Prozent unserer Hirnkapazität gebrauchen, oder nicht, scheint mir wenig relevant. Fakt ist, dass Nachdenken extrem anstrengend ist und der Mensch grundsätzlich faul, zumindest aber mal bequem ist. Wofür sich also anstrengen, wenn uns eine künstliche Intelligenz das anstrengende Nachdenken abnimmt? Wer lernt heute noch freiwillig Schillers Lied von der Glocke auswendig? So toll KI sein mag, sie wird die Fähigkeit eines „durchtrainierten“ menschlichen Hirns mit weit überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten wohl nie erreichen. Und wenn es doch so weit kommen sollte, dann nicht, weil die Maschinen so viel intelligenter geworden sind, sondern wir Menschen um einiges „blöder“. Und „schuld“ daran ist ebenfalls eine künstliche Intelligenz. Statt nachzudenken oder unser Gedächtnis abzurufen, googeln wir heute.

Nicht intelligenter, dafür weniger faul
KI hat im täglichen Alltag also auch den Zweck, uns das Denken abzunehmen. Damit reduziert KI aber auch die Zeit des täglichen Hirntrainings. Man kennt das. Es liegt einem auf der Zunge, aber man findet den richtigen Ausdruck nicht dafür. Die Suche nach der Lösung im eigenen Hirn kann ganz schön anstrengen, derart dass man schon fast Kopfschmerzen kriegt davon. Das ist dank Digitalisierung schon heute fast Vergangenheit. Man forscht mittlerweile schon an der Erzeugung emotionaler Intelligenz, was nicht so abwegig ist, denn auch ohne das nötige Einfühlvermögen sind Maschinen heute in der Lage, gewisse Stimmungslagen wiederzugeben. Aber auch hier gilt: die Maschine lernt das nicht von selbst, sondern wird einfach mit einer ungeheuren Masse von Informationen gefüttert, so dass sie gewisse emotionale Routinen selbst spielen kann. Gut möglich, dass Sie ihr Handy bald damit beauftragen können, Ihrer Flamme einen Heiratsantrag zu machen und das erst noch origineller als Sie es jemals selbst könnten. Ihr Handy macht dann auch gleich schonend Schluss, wenn Sie mal eines Partners überdrüssig werden. Was will man mehr.

Wenn es nach Silicon Valley & Co geht, können wir uns bald nur noch um das Angenehme im Leben kümmern. Ich frage mich dann nur, was es dann noch Angenehmes gibt. Den ganzen Tag im Wellnesspark verbringen oder doch eher vor diversen Bildschirmen? Dann ist es aber auch bald mal vorbei mit dem erhabenen Gefühl, den inneren Schweinehund besiegt zu haben oder etwas besonders Komplexes allen Mühen zum Trotz bewältigt zu haben. Befriedigung wird dann zum knappsten Gut, denn alles andere ist im Überfluss vorhanden. Im Alltag siegt demnach nicht die künstliche Intelligenz über die menschliche, sondern die (angeborene) menschliche und digital hochgezüchtete Faulheit und Bequemlichkeit unterliegen ihr.

Produktiver als jeder Mensch
KI in der Industrie ist dagegen etwas anderes. Eine Maschine, welche den Produktionsprozess und ihre eigene Rolle im Prozess perfekt versteht, ist in der Lage, selbständig Dinge zu erledigen, für welche es früher noch Menschen brauchte. Man muss sich das wie ein Fliessband, an dem schon kaum mehr Menschen stehen, vorstellen, das nicht einfach weiterläuft, wenn keine Material mehr da ist oder das Lager hinten voll. Dank KI merkt die Maschine, dass es irgendwo harzt und stoppt von sich aus den Prozess und ruft selbständig den zuständigen Roboter an. Auch das wurde der Maschine allerdings mal von einem Menschen beigebracht. Im Gegensatz zu uns ist sie aber nahezu perfekt und begeht sie vor allem keine menschlichen Fehler. Auch im Strassenverkehr wird sich eine Maschine klüger verhalten als wir Menschen, denn sie steuert das Fahrzeug emotionslos und vor allem nicht egoistisch, weil stets auf das Wohl des gesamten Verkehrsflusses statt des eigenen Vorwärtskommens bedacht. KI in der Industrie wird daher Menschen bald vollends überflüssig machen und auch im Dienstleitungssektor eine grosse Rolle spielen.

Nur was machen wir Menschen dann? Ich habe darauf keine (gute) Antwort ausser der, die alle geben. „Wir machen dann etwas anderes, von dem wir heute noch gar nichts ahnen“. Das klingt ein wenig nach Abenteuer, lenkt aber davon ab, dass sich hier ein Machtgefüge auflöst bzw. verschiebt und die Bequemen zu den Verlierern gehören werden. Bildung bleibt daher unverzichtbar, um einen sozialen und intellektuellen Niedergang aufzuhalten. Nicht die Maschinen werden letztlich die Welt beherrschen, sondern die, denen sie gehören und die sie programmieren. Und die sind alles nur nicht faul. Sie teilen auch gerne mit uns. Nur darf man nicht vergessen: Sharing Economy ist schön und gut, aber irgendjemandem wird gehören, was wir einmal teilen. Und der hat dann auch das Sagen, nicht mehr wir. Soviel zur Philosophie der KI. (Raiffeisen/mc/ps)

Raiffeisen

Exit mobile version