Die Sicht des Raiffeisen Chefökonomen: Schland unter? Egal!

Martin Neff

von Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff. (Foto: Raiffeisen)

„Es war einmal ein starkes Land“ war jüngst auf der Titelseite des deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ zu lesen. Im Untertitel ging es um Wirtschaft, Stichwort Dieselaffäre, Politik, Stichworte Koalitionsknatsch bzw. Flüchtlingsfrage und natürlich um die wichtigste Nebensache der Deutschen, Stichwort Fussball.

Das historisch erstmalige Ausscheiden der deutschen Nationalelf in der Gruppenphase einer Fussballweltmeisterschaft hat die deutschen geschockt und einen kurzen Moment aus der Lethargie befördert. Bis dahin schienen sie eingeschläfert von Merkels Politik des Zauderns und Aussitzens und dem Prädikat des Gutgehens dank einer rund laufenden und vollbeschäftigten Wirtschaft. Ganz wie im alten Rom, als im Kollosseum Spiele abgehalten wurden, derweil es an allen Fronten des Reiches schon lichterloh brannte, leben die Deutschen. Was soll’s, wenn die Südkoreaner an ihrem Stolz kratzten. Das geht vorüber und man wurstelt nun trotzdem mit Jogi weiter.

Kurz ging noch mal ein Zucken durch die Fussballnation, als der DFB und sein Manager Oliver Bierhoff Öl ins Feuer gossen in Form einer indiskutabel verunglückten Kommunikation, die jedem PR-Spezialisten als Anschauungsunterricht dient, wie man es auf keinen Fall machen sollte. Wir in der Schweiz bewundern oder neiden die Deutschen ja manch mal insgeheim ein bisschen und – so arrogant und unverschämt wir sie zum Teil auch wahrnehmen – ahmen sie manchmal auch ein bisschen nach – inkognito versteht sich. Aber dass unser eigener Fussballverband in dasselbe Fettnäpfchen treten musste, ist schon peinlich. Die Deutschen als Vorbild im Fussball? Besser nicht mehr. Doch zurück zur Wirtschaft in Schland, wie die alkoholschwangeren deutschen Fussballfans ihr Heimatland gern nennen.

Alternativlos heisst auf Neudeutsch gleichgültig
Man findet sich mittlerweile mit fast allem ab im nördlichen Nachbarland. Dass die Regierungsbildung italienische Züge angenommen hatte oder Horst Seehofer die Koalition und die Regierung in eine Krise stürzte und weiter unartig seine eigene Agenda, die niemand so genau kennt, vorantreibt. Dass Angela Merkel überhaupt noch mal regieren darf und eine Mogelpackung mit einer schwachen Koalition von Willigen in Europa als Durchbruch in der Flüchtlingskrise verkauft. Dass Jogi Löw sich jetzt als alternativlos obgleich genauso erfolglos outet wie Angela Merkel. Dass die Automobilindustrie, die Vorzeigebranche Deutschlands selbst drei Jahre nach Dieselgate immer noch versucht, den in seinem Ausmass wohl einzigartigen Betrug an Staat und Konsumenten unter den Teppich zu kehren und der Staat die Branche noch immer hätschelt, statt ihr gehörig die Leviten zu lesen. Dass Deutschland vor lauter negativem Trump-Reflex nun mit China anbändelt, einem Land, das Menschenrechte so ernst nimmt wie Audi und Co. Abgaswerte.

All dies scheint die Deutschen nicht weiter zu beunruhigen. Im Grunde geht es Ihnen ja gut und gegen die Alternativlosigkeit anzugehen hiesse, sich aus der Komfortzone herauszuwagen. Das ist nicht mehr die deutsche Mentalität. Früher war man Lehrmeister für die ganze Welt, heute regiert die Gleichgültigkeit.

Selbst des Deutschen liebstes Kind ist ihm egal
Einst war das Auto des Deutschen liebstes Kind und wehe es funktionierte was nicht an der deutschen Massarbeit. Dann war schnell mal Feuer unterm Dach. Heute betrachten die Deutschen höchstens noch am Rande, wie sich die Branche selbst aus dem Rennen nimmt. Oder ist für den Normalbürger einfach zu viel, was die „Auto-kraten“ so vom Stapel lassen. Gewinnwarnung bei Daimler und Rückrufaktion, was soll’s? Benz bleibt Benz, obwohl in über 750‘000 Fahrzeugen in Deutschland unzulässige Abschaltvorrichtungen ausfindig gemacht wurden. Das kommt schon wieder. Von wegen, bis Mai liefen noch Modelle der C-Klasse mit den beanstandeten Motoren vom Band. Und dann der VW-Boss Matthias Müller, inzwischen als Konzernchef abgelöst, der Tesla – auf bayrisch notabene – der Geldverbrennung bezichtigt und in einer Art und Weise attackiert, als hätte sein Konzern nie Abgaswerte manipuliert. Das kostete Müller den Job und VW verbrannte Milliarden mit der Betrugssoftware.

Und dann BMW. Der bayrische Autohersteller kauft für Milliarden Euro chinesische Batteriezellen und die Chinesen bauen dafür in Thüringen eine grosse Batteriefabrik. Kann das BMW nicht selbst oder ist man zu stark mit der Vergangenheit und der Gegenwart beschäftigt? Zumindest erweckte der BMW-Chef Harald Krüger im Handelsblatt-Interview vom letzten Wochenende diesen Eindruck. Er gab sich zwar berührt von der menschlichen Dimension der Inhaftierung seines Kollegen Rupert Stadler von Audi, auf die Frage aber, welche Konsequenzen BMW aus dem Imageschaden der Automobilindustrie ziehe, liess er verlautbaren: „Für mich ist es ein Punkt zum reflektieren(…)“ und ergänzte, Glaubwürdigkeit sei ein ausserordentlich wichtiger Faktor und für die BWM Gruppe einer der wichtigsten Werte. Dass auch BMW über 10‘000 Fahrzeuge mit fehlerhafter Abgassoftware zurückrufen muss, bedauere er sehr und das sei ärgerlich. Und man staune: Der Einbau der falschen Abgassoftware sei ein handwerklicher Fehler. Klingt wie kleine manuelle Ungenauigkeit, so spielt man Ungereimtheiten weg, von wegen bedingungslose Aufklärung. Und was wir in der Finanzkrise auch in der Schweiz schon hörten, damals von obersten Bankenvertretern, gibt auch Krüger nun zum Besten: „Kann ich im Detail wissen, was sich bei 130‘000 Mitarbeitern abspielt?“

Die Deutschen kümmert das nicht weiter, mit Ausnahme der Autohändler, die die Suppe auslöffeln müssen. Einstmalige Vorzeigekonzerne ausser Kontrolle. Aber Dank Mutti geht es Deutschland ja immer noch besser als den anderen.

Anlandezonen
Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen noch an den Hit „Carbonara“ der deutschen Band Spliff aus dem Jahre 1982. Dort heisst es: „Amaretto ist ein geiles Zeug, ich bin schon lull und lall“. Das war ein Ohrwurm damals. Lull stammt von einlullen, Lall von „lallen“. Letzteres steht dafür, wie jemand in betrunkenem Zustand daherredet, meistens unverständlich und ohne Sinn. Einlullen hat viele Bedeutungen. Eine Auswahl: langweilen bzw. abstumpfen, einschläfern, einsäuseln, beschwichtigen, beruhigen, anöden.

Lull und Lall, das ist Deutschland heute. Emotionen hätte höchstens noch der Fussball hervorrufen können, aber da ist man kläglich gescheitert. Auch das ist schon wieder Schnee von gestern. Aber die Innovationskraft in Schland ist ungebrochen und gipfelt in neuen Wortkreationen. „Anlandezonen“, was für ein Wurf. Kein Staat in Afrika will die und kein Politiker in Europa weiss, wie die funktionieren sollen. Aber das Problem ist bei Merkel schon gelöst, wenn es vertagt wird. Und doch ist er noch da, der ungebrochene Glaube, Spitze zu sein. Schauen Sie sich mal die Werbung von Daimler für die neue C-Klasse an. Der Slogan: BEST NEVER REST und unter dem Mercedesstern mit drauf: Nationalspieler, Nationaltrainer, Nationalelf. Alle Made in Germany. Wir sollten es nicht wie unser Fussballverband den Deutschen nachmachen, uns vom Wohlstand einlullen lassen und auf Lorbeeren ausruhen, die andere verdient haben. Dann bleibt Made in Switzerland gefragt. Und mein nächstes Auto? Eventuell ein Franzose,
vielleicht gar der neue Weltmeister.

Martin Neff, Chefökonom

Raiffeisen

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