Von Thomas Stucki, CIO der St. Galler Kantonalbank
St. Gallen – Die Erwartungen an die Geldpolitik der Zentralbanken haben gedreht. In den USA sind die Fantasien für Zinssenkungen verflogen. Die EZB-Präsidentin Lagarde zeigt sich proaktiv schon mal besorgt über eine steigende Inflation und verspricht ein recht- um nicht zu sagen vorzeitiges Handeln. Entsprechend reagiert der Finanzmarkt und geht von einer Zinserhöhung der EZB im Sommer aus. Die Prognosen für Negativzinsen der SNB, welche vor zwei Wochen angesichts der Stärke des Frankens wieder hervorgeholt wurden, haben einer ersten erwarteten Zinserhöhung im Dezember platzgemacht. Die Renditen der langfristigen Obligationen sind ebenfalls gestiegen. Der 10-jährige Swap-Zins im Franken erhöhte sich von 0.41% auf 0.62%, liegt damit aber unter dem Wert von Anfang Jahr. Getrieben wird die Meinungsänderung durch die Angst vor einem neuerlichen Inflationsschub wie 2022, der insbesondere für die Schweiz unbegründet ist.
Im Warenkorb des Bundesamtes für Statistik für die Berechnung der Inflationsrate machen die Erdölprodukte nur 2.1% aus. Wenn diese wie 2022 50% teurer werden, wovon wir weit entfernt sind, steigt die Inflationsrate auf rund 1%. Die Flugpreise, die ebenfalls rasch auf einen hohen Erdölpreis reagieren, machen ein weiteres Prozent im Warenkorb aus und werden die Inflationsrate auch noch etwas anheben. Ohne die indirekten Effekte auf die anderen Warengruppen aufgrund höherer Transport- und Produktionskosten, die erst mit einer Verzögerung wirksam werden und einen dauerhaften hohen Erdölpreis bedingen, wird die Inflationsrate nicht über die obere Grenze des Zielbandes der SNB von 2% hinausschiessen.
Stabilisierende Elemente dominieren
Bei der Berechnung der Schweizer Inflationsrate dominieren die Dienstleistungen mit einem Gewicht von 62%. Die Preise dieser Warengruppe hängt vor allem von den Lohnkosten ab, welche träge sind. Bei einer genaueren Beurteilung der Inflationsberechnung fallen die Wohnungsmieten mit einem Gewicht von 19% auf. Diese werden zum einen nur alle drei Monate erfasst und benötigen für einen Sprung nach oben eine Anpassung des Referenzzinssatzes für die Mieten. Eine solche wird erst ein Thema, wenn die SNB den Zielwert für den Saron erhöht und damit der Zins der Saron-Hypotheken steigt. Die Preise im Gesundheitsbereich mit einem Gewicht von 17% sind ebenfalls keinen starken kurzfristigen Schwankungen unterworfen. Dazu kommen die Administrierten Preise, welche mit 25% die am stärksten gewichtete Gruppe sind und innert Kürze auch nicht in den Himmel wachsen. Die Preise in der Schweiz sind viel weniger dynamisch als in den USA. Das hat sich auch während der letzten Inflationsphase 2022 gezeigt, als die Inflationsrate nicht über 3.5% anstieg.
Kein Grund zur Eile
Für die SNB gibt es trotz dem starken Anstieg des Erdölpreises keinen Grund, bei ihrem geldpolitischen Entscheid am Donnerstag eine mögliche Zinserhöhung anzudeuten. Die Inflation und die Inflationserwartungen sind in der Schweiz auf einem tiefen Niveau. Die Ausgangslage ist zudem eine andere als 2022. Im Nachgang der Corona-Pandemie hatten die Leute viel Geld, welches sie plötzlich wieder ausgeben konnten und wollten. Diese Nachfrage prallte auf einen Produktionsprozess, der aufgrund der Lieferkettenprobleme nach dem CoronaLockdown noch nicht funktionierte, was sich in zum Teil deutlich höheren Preisen ausdrückte. Die hohen Energiepreise nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine verstärkten somit einen Inflationsschub, der zuvor schon wirkte. Die Inflationsrate wird auch in der Schweiz steigen, jedoch nicht in einem Ausmass, welches eine Zinserhöhung der SNB erfordert. Die SNB kann ruhig abwarten, wie sich die Lage im Nahen Osten und beim Erdölpreis weiterentwickelt. (SGKB/mc/ps)
